Schule : Fit für die Spiele

Auch in Peking 2008 betreut der Tagesspiegel wieder die offizielle Paralympics Zeitung – und das Schülerreporterteam aus Berlin

Annette Kögel

„Bumm, krach, peng. Nein, wir haben nicht Silvester! Wir haben gerade die Sporthalle des Unfallkrankenhauses Berlin Marzahn betreten. Hier trainieren die Berlin Raptors, eine Rollstuhl-Rugby-Mannschaft, und der Krach rührt von den zusammenknallenden Rollstühlen her.“ So beginnt die Reportage „Ein Raptor auf Rädern“ der 17-jährigen Lina Unger vom Humboldt-Gymnasium in Tegel. Die Zwölftklässlerin gehört zu den zwanzig Jugendlichen, die in der vergangenen Woche am Paralympics-Workshop des Tagesspiegels teilnahmen. Diesmal fand er in Kooperation mit dem Unfallkrankenhaus Berlin in Marzahn (UKB) und „netzcheckers.de“, dem Internet-Jugendportal des Bundesfamilienministeriums, statt. Der Artikel ist teils – so die Vorgabe – auch auf Englisch geschrieben.

Bei der Veranstaltung wurden Lehrer und Schüler von acht Berliner Oberschulen, an denen Chinesisch auf dem Stundenplan steht, auf das Paralympics-Zeitungsprojekt des Tagesspiegels vorbereitet. Wie berichtet, können im September 2008 insgesamt 18 Jugendliche und zwei Lehrer gratis mit dem Tagesspiegel nach Peking fliegen, um dort die offizielle Paralympics Zeitung zu erstellen. Vier Ausgaben in Deutsch und Chinesisch sollen erscheinen, auch die Autoren aus Berlin können ihre Sprachkenntnisse unter Beweis stellen. Erstellt wird das Blatt in der Mittelschule Nummer 80, es entsteht unter der Schirmherrschaft der Regierenden Bürgermeister von Peking und Berlin, Wang Qishan und Klaus Wowereit.

Die Schülerinnen wie Giannina Scalabrino haben vielen der erwarteten 4000 Athleten mit Handicap aus 150 Nationen sowie den 3000 Medienvertretern einiges voraus: Sie beherrschen die Sprache. „Als ich das erste Mal bei einem Schüleraustausch nach Peking gereist bin, war das ein totales Aha-Erlebnis, als ich die Straßenschilder und Werbetafeln gesehen habe und dachte: Hey, das verstehe ich“, erzählt Giannina Scalabrino.

Um ihre Schüler auf das Projekt vorzubereiten, will Lehrerin Wu Jiang, die an der Humboldt- und der Bertha-von-Suttner-Schule unterrichtet, noch eine Vokabelliste erstellen mit Begriffen aus Sport und Rehatechnik. Rollstuhl heißt auf Chinesisch Lun Yi, was Rad und Stuhl bedeutet. Jetzt beim Paralympics-Projekt dabei zu sein, sei für sie eine besondere Freude, sagt Frau Wu, denn über eine kleine Meldung in dieser Zeitung sei sie einst zu ihrer Lehrtätigkeit gekommen. Schulleiterin Jutta Randelhoff-Szulczewski von der Bertha-von-Suttner-Schule koordiniert das Schülerteam. Viele Jungschreiberinnen – es ist nur ein Junge dabei – fasziniert an der Sprache auch das sinnlich-ästhetische Schriftbild. Dass es jetzt ein sportlich-soziales Journalismusprojekt weit über die Ländergrenzen hinaus gibt, macht die finanzielle Unterstützung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung sowie der Heidelberger Druckmaschinen AG möglich, die Sportmarketingagentur Panta Rhei organisiert alles im Hintergrund. Das Magazin zu den Spielen wird vom Deutschen Behindertensportverband mit dem Förderkreis Behindertensport und der „China Disabled Persons’ Federation“ herausgegeben – und soll einer der größten Tageszeitungen Chinas sowie der Zeit, dem Handelsblatt – und natürlich dem Tagesspiegel beigelegt werden. Dieses Blatt ist Medienpartner der Paralympics seit der Spiele in Athen 2004. Bei der Unterzeichnung des Partnerschaftsabkommens zwischen den Paralympischen Kommittes beider Länder in Peking, in dem das Tagesspiegel-Projekt erwähnt wird, war auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) anwesend.

Das alles aber soll die Schüler nicht verunsichern – macht doch gerade die frische, unbekümmerte und authentische Herangehensweise junger Menschen den Charme der Paralympics Zeitung aus. Wer jemals mit Behindertensportlern wie Oliver Kuckuk, Michael Fiddeke oder auch Ronny Tiefenbach zu tun hatte, verliert ohnehin schnell seine Berührungsängste. „Die sind locker, haben was drauf – und Charisma“, finden etwa Kyra Ksinzyk und Franziska Kjasimow. Ihre Mitstreiterinnen Hanna Leibold und Betty Berndt bewarben sich darum auch beim Podcast-Projekt, um Berliner Behindertensportler bis zu den Paralympics bei den Vorbereitungen zu begleiten: „Wir haben beim Paralympics Tag am Brandenburger Tor schon zwei Berliner Athleten angesprochen, ob sie Lust haben, mitzumachen“, erzählen die beiden (s. Kasten).

Beim Bogenschützen Michael Oergel veränderte ein Badeunfall das Leben von einer Sekunde auf die andere. „Schreiben Sie aber bitte nie: Er ist an den Rollstuhl gefesselt. Denn Querschnittgelähmte werden doch erst dadurch mobil“, so der Tipp von Chefarzt Andreas Niedeggen beim Seminar im Kesselhaus. UKB-Pflegedirektor Matthias Witt führte die Gruppe durch die Reha-Sportstätten. Nach den Interviews sollten die Schüler dann gleich losschreiben – wie im wahren Journalistenleben. Anschließend mussten einige zurück an die Schule, Klausuren schreiben.

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