Flüchtlinge in Berlin : Wie erfolgreich sind die Willkommensklassen?

Rund 12 000 Schüler lernen noch immer in Willkommensklassen. Erst ging es nur um die Verteilung. Jetzt geht es um die Zukunft.

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Wie weiter nach der Willkommensklasse? Jetzt müssen die Übergänge gestaltet werden.
Wie weiter nach der Willkommensklasse? Jetzt müssen die Übergänge gestaltet werden.Foto: dpa/Britta Pedersen

Es ist eine große Herausforderung, die Berlins Schulen zu bewältigen haben: Wie integriert man die seit 2015 sprunghaft angestiegene Zahl von Kindern und Jugendlichen ohne Deutschkenntnisse, so dass sie möglichst schnell am normalen Unterricht teilnehmen können? Rund 12 000 Schüler lernen derzeit in Willkommensklassen, darunter viele Kinder aus syrischen Flüchtlingsfamilien, die 2015 nach Berlin gekommen sind, aber auch andere Flüchtlinge – etwa aus dem Irak oder Afghanistan. Generell sind die Willkommensklassen für alle ohne Deutschkenntnisse da – für Schüler, deren Eltern aus beruflichen oder sonstigen Gründen hergezogen sind ebenso wie für Zugezogene aus Südosteuropa.

Nachdem es 2016 vor allem um die Frage ging, woher man die Räume und die Lehrer für all diese Kinder bekommen sollte, gerät nun eine andere Frage in den Vordergrund: Was kommt nach den Willkommensklassen? Zwar vermeldet die Senatsbildungsverwaltung, dass 60 Prozent der Kinder im Grundschulalter den Übergang in die Regelklassen in weniger als sechs Monaten schaffen und weitere 19 Prozent auch nur sechs bis neun Monate brauchen. Aber was ist mit den anderen Grundschülern – mit jenen 20 Prozent, die nicht so schnell mitkommen? Und mit all jenen, die zwar nach sechs oder neun Monaten wechseln, aber in der Regelklasse „untergehen“?

Lernrückstände setzen Kinder unter Druck

„Ein frühes Wechseln ist gut, aber dann müssen personelle Ressourcen da sein, um den Wissensstand der Kinder zu erfassen. Das Zurückbleiben beginnt sehr früh“, berichtet Michael von Aster, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am DRK-Klinikum Westend. Gerade bei mehrsprachigen Kindern sei es besonders wichtig, zunächst festzustellen, ob sie – etwa in der Mathematik – begrifflich folgen können. Sonst entstehe schnell ein Rückstand, der die Kinder unter Druck setze, zu Ängsten und zu einem „Vermeidungs- und Ausweichverhalten“ führe, also zum Schwänzen, oder auch zu einem „oppositionellen Verhalten“, also Aggressivität oder Stören des Unterrichts. „Die Expertise, die nötig ist, um diese Entwicklung zu vermeiden, ist bei weitem nicht überall vorhanden“, mahnt von Aster.

Und dann gibt es noch die älteren Schülern, die nie oder nur selten eine Schule besucht hatten und diesen Rückstand nicht in den zwei oder drei letzten Schuljahren aufholen können. Schon macht der deprimierende Begriff von der „Lost Generation“ die Runde, deren Weg direkt in Hartz IV führen könnte, wenn es nicht gelingt, sie mit Hilfe einer Berufsschule aufzufangen. Dort werden jetzt besondere Willkommensklassen („WiKoPlus“) gebildet, um den betreffenden Schülern die fehlenden Kenntnisse zu vermitteln, ohne die der Übergang in die berufsqualifizierenden Lehrgänge nichts bringt.

Schulen brauchen Unterstützung für traumatisierte Schüler

Besonders akute Probleme bereiten jene Schüler, die – unter Umständen als Folge von Krieg, Fluchterlebnissen oder Verlust der Eltern – kaum beschulbar sind. Eine unbekannte Zahl von ihnen braucht sozial- oder sonderpädagogische Zuwendung, ohne dass alle Schulen über entsprechendes Personal verfügen würden. Daher versuchen manche Lehrer, für bestimmte Schüler Plätze in den sonderpädagogischen Förderzentren zu finden oder zumindest Sonderpädagogenstunden zu bekommen.

Dem sind aber enge Grenzen gesetzt. Lediglich bei psychiatrisch oder psychotherapeutisch festgestellter psychischer Erkrankung kann schnell eine besondere Förderung gewährt werden. Ansonsten heißt es im „Leitfaden“ des Senats, dass Schüler mindestens ein Jahr lang in die Schule gehen müssen, bevor die Feststellung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs beantragt werden darf. Diese Vorschrift gilt für all jene Schüler, denen das Lernen oder Sprechen massive Probleme bereitet oder die stark verhaltensauffällig – „emotional-sozial gestört“ – sind.

Hilfe kommt erst spät

Dies bedeutet, dass die Schulen mit diesen Schülern ein volles Jahr selbst zurechtkommen sollen, bevor sie zusätzliche Hilfen beantragen können. Das bringt viele Lehrer an die Grenzen, zumal die Willkommenslehrer mitunter nur eine Ausbildung für „Deutsch als Zweitsprache“ haben. „Wenn Schüler ausrasten, sind diese Lehrer komplett überfordert“, warnt ein Sozialarbeiter aus Charlottenburg-Wilmersdorf, der an einer der betroffenen Schulen arbeitet.

Trotz der Aufforderung der Bildungsverwaltung, die geflüchteten Willkommensschüler nicht zu früh zu „Förderschülern“ abzustempeln, berichten die ersten Förderschullehrer inzwischen über den vermehrten Zulauf aus diesem Kreis – was sich allerdings bisher nicht belegen lässt. Auf die Anfrage des Tagesspiegels, wie viel Prozent der Willkommensschüler jeweils auf Gymnasien, Sekundarschulen und Förderschulen übergehen, teilte die Bildungsverwaltung mit, dass diese Quoten erstmals im laufenden Schuljahr erhoben werden. Auch zur Frage, was die Bildungsverwaltung über ein möglicherweise überproportionales Vorkommen von Verhaltensauffälligkeiten oder anderen Förderbedarfen weiß, hieß es, dass es dazu keine Daten gebe. In „informellen Gesprächen“ zu Willkommensklassen sei „nichts Derartiges berichtet worden“.

Brückenkurse für den Übergang

Was auch immer herauskommt, sobald die Daten erfasst werden: Fest steht schon jetzt, dass die Schulen weiterhin vor immensen Herausforderungen stehen. Um die Übergänge von den Willkommens- in die Regelklassen zu erleichtern, werden „Brückenkurse“ angeboten, in denen gezielt Fachwissen nachgearbeitet werden soll. Aber auch dies bereitet angesichts der ohnehin fehlenden Fachlehrer große personelle Probleme.

Anderseits gibt es auch viele Beispiele für eine gelungene Integration – etwa am Dreilinden-Gymnasium in Zehlendorf. Schulleiter Jens Stiller berichtet, dass ein Schüler, der inzwischen nach Ahrensfelde umziehen musste, jeden Tag nach Zehlendorf komme, weil er sich an der Schule so wohl fühle. „Schule ist der stabilisierende Faktor für viele dieser Jugendlichen“, betont Stiller. Und er hat die Beobachtung gemacht, dass unter den Geflüchteten „viele hochmotiviert sind und mindestens so höflich wie deutsche Schüler – wenn nicht sogar noch höflicher“.

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