Freies Lernen : Raus aus der Schule

Es muss nicht immer das Klassenzimmer sein: Mehr als 420 Orte in der Region geben Schülern neue Einblicke in Technik und Wissenschaft.

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Lernen mal anders. Mehr als 6000 Schüler kamen letzte Woche in die Schöneberger Urania.
Lernen mal anders. Mehr als 6000 Schüler kamen letzte Woche in die Schöneberger Urania.Foto: Thilo Rückeis

Wie von Zauberhand schwebt das Metallpulver am Deckel der Plastikbox entlang, hin und her, immer wieder. Die achtjährige Kimberly bestimmt die Richtung - mit einem Magnet. Kimberly ist mit der vierten Klasse der Fritz-Karsen-Gesamtschule aus Britz vergangene Woche in die Schöneberger Urania gekommen. Um zu lernen, wie Magnetfelder funktionieren oder auch, um Brausepulver mal selbst herzustellen.

Unterricht in Naturwissenschaften und Technik – nur außerhalb der Schule. „Das ist viel besser als in der Schule, hier kann man mehr ausprobieren“, sagen die Schüler. Genau das wollte der Veranstalter, die Technologiestiftung Berlin, erreichen: die Kinder außerhalb ihres gewohnten Lernumfelds begeistern. 6000 Schüler der Klassen drei bis sechs kamen an drei Tagen in die Urania.

Solche außerschulischen Lernangebote werden für immer mehr Lehrer unverzichtbar. „Bei den Kindern bleibt viel mehr hängen“, sagt Kimberlys Klassenlehrerin Marie Gritschke. Und vor allem gebe es Material, das in den Schulen so nicht zur Verfügung stehe.

Auch Alexander Kraft von der Grundschule am Pegasuseck in Alt-Glienicke ist mit seiner fünften Klasse gekommen. Er nutze auch andere kostenlose Angebote, sagt Kraft – Geld hätten die Schulen ja keines. Infrage kommen etwa Sportveranstaltungen oder das Schülerlabor in Adlershof. Dort und in Schülerlaboren etwa an Unis dürfen die Schüler selbst experimentieren.

Mehr als 420 außerschulische Lernorte gibt es laut Bildungsserver Berlin-Brandenburg in den beiden Ländern. Dazu zählen alle Orte, an denen Schüler mit den Lehrern ergänzend zum Unterricht lernen können. Im Labor des Naturkundemuseums in Mitte etwa untersuchen Schüler unter Mikroskopen die Zusammensetzung der Erde, im Gläsernen Labor auf dem Campus Berlin-Buch lernen sie mehr über Genetik, Neurobiologie und Chemie. Auch Museen oder Gärten haben immer wieder Angebote für Schulklassen im Programm.

Viele außerschulische Bildungsorte befassen sich mit Themen der sogenannten MINT-Fächer: Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Den Geisteswissenschaften widmet sich etwa das Schülerlabor an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Dort sollen Jugendliche die Arbeitsweise der Forscher kennenlernen.

Und die Angebote sind gut besucht: Rund 25 000 Kinder erkunden jährlich etwa die 15 Schülerlabore in Berlin. Finanziert werden die Lernorte von Stiftungen, Universitäten und Unternehmen. Dabei denken die Einrichtungen natürlich auch an sich selbst, schließlich wollen sie Nachwuchs rekrutieren: „Viele heutige Doktoranden haben den Campus Buch im Gläsernen Labor kennengelernt“, sagt Mitarbeiterin Annett Krause. Die Senatsbildungsverwaltung stellt 350 000 Euro für Lehrer zur Verfügung, die sich um die Schüler in den Laboren kümmern, immerhin 14 halbe Stellen.

Außerschulische Lernorte bieten „Wissensvermittlung zum Anfassen“, sagt Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Vor allem die naturwissenschaftliche Bildung zu stärken sei „ein zentrales Anliegen“. Unis und Hochschulen hätten die neuesten Geräte und gutes Know-how, so dass die Kinder dort mit viel Begeisterung dabei seien.

„Bildungsferne Kinder können durch das Erleben aus der Reserve gelockt werden“, sagt Zöllner. „Hochbegabte können dort besondere Angebote nutzen, wie es im normalen Unterricht nicht möglich ist.“ Kinder sollten schon im Kita-Bereich an die Naturwissenschaften herangeführt werden, wie es etwa im Haus der kleinen Forscher möglich sei.

Die Aktionstage in der Urania habe sich die Technologiestiftung rund 90 000 Euro kosten lassen, sagt Vorsitzender Norbert Quinkert. Weil sich Einstellungen zu bestimmten Themen in jungen Jahren herausbilden, wolle man die Kinder früh für Naturwissenschaften interessieren. Bei Kimberly hat das geklappt: „Das war super interessant hier“, sagt die Schülerin. Jetzt kennt sie etwa den Lotuseffekt, bei dem Wasser von Oberflächen abperlt und den dortigen Schmutz gleich mitentfernt.

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