Schule : Freihändiger Pinselschwung

Thomas Kahlau malt mit Kindern und spricht dabei über seine Behinderung

Daniela Martens

Otto sieht blau. Den Pinselstiel hat der kleine blonde Vorschüler fest zwischen die Lippen geklemmt. Mit den Händen klammert er sich an der Tischkante fest. Hochkonzentriert bewegt er den Kopf hin und her und wischt mit dem Pinsel Farbe aufs Papier. Otto malt mit dem Mund und ist dabei nicht ansprechbar.

„Ihr dürft ruhig ein bisschen schummeln“, hat Thomas Kahlau gesagt, bevor Otto und die 15 anderen Kinder aus der Vorschulgruppe des Kindergartens der evangelischen Gemeinde Schönow-Buschgraben loslegten mit dem Mundmalen. Die anderen Kinder nehmen also immer wieder die Hände zuhilfe. Aber Otto schummelt nicht. Schließlich hat er gesehen, dass Thomas Kahlau auch nicht schummeln kann.

Kahlau malt ausschließlich mit dem Mund. Seine Hände liegen währenddessen reglos auf den gepolsterten Armlehnen seines elektrischen Rollstuhls. Kahlau, 47, ist querschnittgelähmt, seit er mit 15 beim Baden verunglückte. An diesem Vormittag hat er sich mit der Vorschulgruppe in der Villa der Fürst-Donnersmarck-Stiftung in der Schädestraße in Zehlendorf getroffen, um „den Kindern klarzumachen, dass Menschen im Rollstuhl zur Gesellschaft gehören“.

„Es ist wichtig, dass sie gar nicht erst Berührungsängste aufbauen“, sagt Erzieherin Sylvia Neumann. Gerade hat sie mit der Gruppe darüber gesprochen, dass jeder etwas Besonderes kann. Meistens treffe er sich aber mit Fünft- und Sechstklässlern, sagt der Mundmaler, entweder zum Malen oder um aus seiner Autobiografie zu lesen. Für sein Engagement hat er das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Auf der Straße zögen Eltern Kinder oft zur Seite, aus Angst, dass ihn aufdringliche Blicke oder gar Fragen störten, sagt Kahlau. Aber hier dürfen die Kinder ihn auf alles ansprechen: „Kannst du uns mit deinem Rollstuhl überholen?“ – „Nein, ihr seid schneller.“ Als Allererstes hat Thomas Kahlau seinen „Zauberrollstuhl“ vorgeführt, den er mit Mund oder Kinn lenkt. Die Kinder fragen: „Wie ziehst du deine Hose an?“ Und: „Wie putzt du dir die Zähne?“ – „Das macht Kai.“ Sein Assistent ist immer in der Nähe. „Alles muss jemand für dich machen, oder?“, fragt ein Junge. Kahlau nickt: Alles außer malen. „Ich male jeden Tag“, sagt er und zeigt ihnen, wie: Sein Pinsel hat ein besonderes Mundstück, eigens vom Zahnarzt angefertigt.„Jetzt habe ich den Mund voll“, nuschelt er lachend. Assistent Kai drückt Acrylfarbe aus der Tube auf die Palette.

Jetzt rangiert Kahlau noch mit dem Rollstuhl herum, bis er die perfekte Position vor der Staffelei gefunden hat. Dann malt er mit wenigen ruckenden Kopfbewegungen eine gelbe Ente. Die Kinder sehen atemlos und sehr still zu. Wasser, Seerosen und eine Sonne, schon ist das Bild fertig. Alles ist gut zu erkennen. Anders als auf Ottos blauem Bild. „Als ich angefangen habe, war das auch schwer“, tröstet Kahlau. Daniela Martens

Anfragen unter Tel. 8471870. Die Donnersmarck-Stiftung stellt auch Klassensätze von Thomas Kahlaus Buch zur Verfügung.

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