Schule : Freiwillige vor!

Ohne ehrenamtliches Engagement von Schülern hätten viele Vereine Probleme. Nun sollen mehr Jugendliche dafür begeistert werden

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In den Fluren des Rathauses Friedenau gehen normalerweise nur erwachsene Politiker ein und aus. Viermal im Jahr jedoch ist das anders: Dann tagt das Kinder- und Jugendparlament Tempelhof-Schöneberg, in dem sich mehr als 100 Schüler ehrenamtlich engagieren. Olivia Rachwol, die seit zwei Jahren den Vorsitz führt, gibt sich selbstbewusst: „Wir sind vollwertige Menschen, die die Belange von Jugendlichen oft besser einschätzen können als Erwachsene.“

Die 16-Jährige besucht die elfte Klasse des Gymnasiums Steglitz und ist Mitglied der CDU-nahen Schüler-Union. Nach dem Abitur möchte sie Jura studieren und sich für Kinderrechte einsetzen. Beim Weltjugendparlament in New York war sie auch schon.

Wie Olivia Rachwol gibt es viele Schüler, die sich ehrenamtlich engagieren: Ein gutes Drittel aller Jugendlichen bundesweit seien in ihrer Freizeit unentgeltlich für eine gute Sache tätig, sagt Thomas Gensicke. Er ist Projektleiter einer vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebenen Studie zum Thema, die in wenigen Wochen erscheinen soll.

Die Studie, sagt Gensicke, lässt einen negativen Trend erkennen: Langsam, aber stetig nimmt ehrenamtliches Engagement von Jugendlichen ab. Gensicke führt das unter anderem auf die zunehmende Mobilität von Familien zurück: Nur noch 35 Prozent der Jugendlichen würden an dem Ort leben, an dem sie auch geboren wurden. Wer jedoch seinen Freundes- und Bezugskreis einmal hinter sich lässt, bricht in der Regel auch ehrenamtliche Tätigkeiten ab. Auch das Internet hat laut Gensicke einen gewissen Einfluss auf die Zahlen: Manche Jugendliche etwa würden Spendenaktionen inzwischen online ankurbeln – und damit nicht mehr bei einem Träger in Erscheinung treten und in der Statistik auftauchen.

In Berlin ist ehrenamtliches Engagement seit jeher etwas weniger verbreitet als in süddeutschen Großstädten und auf dem Land. Auch viele Berliner jedoch engagieren sich in Sportvereinen, Jugendverbänden und Rettungsdiensten wie der Freiwilligen Feuerwehr. Am Ende der Skala stehen bei Jugendlichen der Sozialbereich, die Gewerkschaften und die Politik: „Jugendliche wollen nicht irgendwo als Funktionär arbeiten“, sagt Gensicke. „Sie suchen Geselligkeit, Kommunikation und – ganz wichtig – Qualifikation. Die Tätigkeit muss ihnen für den Beruf nützen.“

Was Olivia Rachwol macht, ist also eher die Ausnahme. Zweimal wöchentlich geht sie nach der Schule in ihr Büro im Rathaus Friedenau. Zweimal im Monat trifft sie sich mit dem zehnköpfigen Vorstand des Kinder- und Jugendparlaments, um dessen nächste Sitzung vorzubereiten. Dabei geht es um Themen, die Kinder und Jugendliche betreffen: saubere Spielplätze etwa, sichere Schulwege oder die Instandhaltung von Sportplätzen.

Die Bezirksverordnetenversammlung setzt sich in ihren Fachausschüssen mit den Wünschen und Vorstellungen der jungen Politiker auseinander. Die Jugendlichen haben dort auch ein Rederecht – meistens stehen sie sogar ganz oben auf der Tagesordnung. Viele ihrer Vorschläge würden übernommen, sagt Oliver Schmidt, der im Rathaus für die Koordination zwischen Jugendparlament und BVV zuständig ist.

Mit Politik hat Patryk Szwargulski eher wenig am Hut. Er jedoch engagiert sich in der populärsten ehrenamtlichen Betätigung überhaupt: im Sport. Der 20-Jährige, der die katholische Schule St. Marien in Neukölln besucht, wurde in Breslau geboren und lebt seit sieben Jahren in Berlin. Und genauso lange arbeitet er in der Sportjugend des Landessportbunds mit, vor allem im Reise- und Veranstaltungsteam.

Dabei geht es insbesondere darum, bei öffentlichen Ereignissen die Präsentation des Landessportbunds zu organisieren und zu betreuen – zu der gehören etwa Kletterturm, Torschussanlage und Sportmobil. „Neulich waren wir beim Tag der offenen Tür im Abgeordnetenhaus“, sagt Szwargulski, „und danach bei der Fanmeile zur Fußball-WM.“ Laut Heiner Brandi vom Landessportbund engagieren sich in den 2000 Berliner Sportvereinen knapp 60 000 Ehrenamtliche, sehr viele davon Jugendliche. „Ohne sie würde nichts laufen“, so Brandi.

Das sieht auch Tim Krüger so, Sprecher der Berliner Jugendfeuerwehr, bei der fast 900 Kinder und Jugendliche mitarbeiten. Sie lernen Erste Hilfe, üben das Löschen und den Umgang mit Funkgeräten oder hydraulischen Scheren, mit denen Autos nach einem Unfall aufgeschnitten werden. Mit der Volljährigkeit können die Jugendlichen in den aktiven Dienst wechseln und dann auch tatsächlich bei Bränden oder Unfällen eingesetzt werden. Die Mitgliederzahlen der Jugendfeuerwehren wachsen entgegen dem Trend, so Krüger.

Um Jugendthemen einen breiteren Eingang in alle gesellschaftlichen Bereiche zu verschaffen, hat der Berliner Landesjugendring (LJR) kürzlich einen runden Tisch ins Leben gerufen, der jährlich zusammenkommen soll. Auf seiner ersten Sitzung ging es um die Frage, wie künftig mehr Jugendliche fürs Ehrenamt begeistert werden können. Beteiligt waren neben dem LJR etwa Wohlfahrtsverbände, die Schulverwaltung und der Deutsche Gewerkschaftsbund.

Erste Ergebnisse: Die sogenannte Jugendleitercard soll künftig von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) öffentlich verliehen werden, damit sie mehr Anerkennung erfährt. Außerdem ist eine Fachtagung zum Thema Ehrenamt geplant, und die Öffentlichkeitsarbeit soll ausgebaut werden.

Denn viele Schüler insbesondere aus bildungsfernen Familien wissen gar nicht, dass es überhaupt Möglichkeiten zum ehrenamtlichen Engagement gibt – noch, wohin sie sich wenden könnten, um sich zu engagieren. „Viele Gymnasiasten engagieren sich“, sagt Thomas Gensicke von Infratest. „Aber uns gehen die Haupt- und Realschüler verloren.“

Viele Jugendliche jedoch machen die Erfahrung, dass sich Ehrenamt lohnt: Sie können Verantwortung übernehmen und erfahren Bestätigung. So erzählt der in der Sportjugend engagierte Patryk Szwargulski etwa von dem kleinen Jungen, dem er auf den Kletterturm geholfen hat und der ihn später stumm umarmt hat. Solche Augenblicke, sagt er, seien der eigentliche Lohn ehrenamtlicher Arbeit.

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