Freudberg-Schule in Wilmersdorf : Dreamteam für eine neue Schule

Ein Ex-Hotelier und ein Ex-Schulleiter wollten eine Schule im sozialen Brennpunkt gründen. Sie landeten in Wilmersdorf und suchen jetzt die ideale Berliner Mischung.

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Erste Klasse. Nizar Rokbani (li.) und Jens Großpietsch im frisch renovierten Unterrichtsraum. Die Schiebetür an der Wand dient gleichzeitig als Schreibtafel.
Erste Klasse. Nizar Rokbani (li.) und Jens Großpietsch im frisch renovierten Unterrichtsraum. Die Schiebetür an der Wand dient...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Schwer zu sagen, an wie vielen Berliner Schulen vor allem auf Hartz IV hin gelehrt wird. Es müssen ziemlich viele sein, wenn man die Berliner Schulabbrecherquote zugrunde legt und die neuen Ergebnisse des bundesweiten Schulleistungsvergleichs, der vergangene Woche präsentiert wurde.

Nizar Rokbani hat so eine Schule besucht, an der viele Schüler wenig Perspektiven hatten. In Moabit war das. Aber dann war da doch die eine Lehrkraft, die an ihn glaubte und ihn förderte: „Herr Kieselbach hat mich an die Hand genommen“, erzählt der Sohn tunesischer Einwanderer, während er die Räume einer ganz anderen Schule zeigt, die nicht in Moabit liegt, sondern in Wilmersdorf. Aber das war keine Absicht, sondern höhere Gewalt.

In Brennpunktkiezen fanden sie kein Grundstück

„Wir haben in Moabit ein Gebäude mit Grundstück für eine Schule gesucht, aber keines gefunden“, bedauert Rokbani; denn es reicht ja nicht, ein paar Räume zu haben, wenn man den Schülern eine Ganztagsschule mit Schulhof bieten will. Ein solches Grundstück fanden sie auch in den anderen Brennpunktkiezen nicht.

Dabei haben sie vielerorts vorgesprochen – zwei Männer mit guten Verbindungen: zum einen Rokbani, der Gründer der Meininger-Hotelkette; und dann Jens Großpietsch, der gut vernetzte Schulleiter einer anderen ehemaligen Moabiter Brennpunktschule, die nie einen Brandbrief schreiben musste, weil sie selber das Feuer gelöscht hatte.

„Wir haben auch in Kreuzberg nach Räumen gefragt. Keine Chance“, berichten Rokbani und Großpietsch über ihre Gebäudesuche und zucken mit den Schultern: Sie hatten sich schon vorher denken können, dass der Bezirk ihnen nichts vermietet, obwohl sie ausdrücklich eine Schule für unterprivilegierte Schüler gründen wollten. Schließlich gab es in Friedrichshain-Kreuzberg sogar einen BVV-Beschluss, der den Zuzug freier Schulträger erschweren sollte, um die soziale Entmischung der Kreuzberger Schulen etwas aufzuhalten: Lieber ließ das Bezirksamt Räume leer stehen, bis sie entweder von Flüchtlingen besetzt wurden, wie es der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule passierte, oder bis sich ein anderer Nutzer fand, der besser zum Selbstbild des Bezirks passte, wie die Hochschule für Weltmusik, die hinter die malerische Backsteinfassade der leer stehenden Peter-Rosegger-Schule zog.

Auch bei Rokbanis Schule kannte Bürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) keine Gnade, obwohl Rokbani ausdrücklich keine „Bonzenschule“ gründen wollte: Sie erteilte auch ihm eine Absage, wobei sie aber nicht mehr nur mit der Gefahr der sozialen Entmischung argumentierte, sondern auch mit der angeblich drohenden Schulraumnot im Bezirk. So kam es, dass es nichts wurde mit einer Schule im Brennpunkt, dafür aber in Wilmersdorf.

Ein Drittel der Schüler soll aus Hartz-IV-Familien kommen

Hier an der Bundesallee ist es ungleich schwerer als in SO 36, Wedding oder Moabit, eine größere Zahl sozial benachteiligter Kinder für die Anmeldung an einer neuen Schule zu gewinnen, wobei Rokbani und Großpietsch eine Berliner Mischung anpeilen: Ein Drittel aus Hartz-IV-Familien, ein Drittel knapp darüber und ein Drittel aus der wirtschaftlichen Mitte oder darüber.

Wie findet man so eine Mischung, wenn das Schulhaus mitten in Wilmersdorf liegt?

„Wir waren in türkischen Zeitungen, wir haben in Moabiter Kitas geworben, wir haben so viele Menschen angesprochen, aber es hat nicht geklappt", bedauert Rokbani. Nur drei der 24 Schüler der Freudberg-Schule, die im September aufgenommen werden konnten, könnten als sozial benachteiligt gelten. Angesichts der bislang fast erfolglosen Suche nach dieser Klientel weiß er jetzt: „An die bildungsfernen Familien heranzukommen, ist die eigentliche Herausforderung. Das braucht Zeit und Vertrauen.“

Auf die Schnelle hat es jedenfalls nicht geklappt, denn sie wollten und mussten unbedingt in diesem Sommer mit den Erst- und Zweitklässlern starten. Aber schon im kommenden Sommer gibt es eine neue Chance, wenn auch die siebte Klasse beginnt: In dieser Stufe ist die Schulsuche für viele Familien mit einer größeren Not als bei der Grundschule verbunden, weil sie nicht wissen können, ob die Noten der Kinder oder das Losglück für die Wunschschule reichen: Wer Pech hat, wird einer der „failing schools“ zugewiesen, einer jener scheiternden Schulen, die immer freie Plätze haben und nicht genug Kraft für die Wende.

Bei der Heinrich-von-Stephan-Schule hat es funktioniert

Kraft braucht man. Als Großpietsch mit seinem Kollegium vor 30 Jahren vor der Aufgabe stand, die Moabiter Heinrich-von-Stephan-Schule aus ihrem Rütli-Status herauszuholen, war für halben Einsatz kein Platz. Es wurde geschuftet, bis die Schule nach 20 Jahren die Ernte einfahren konnte und zu einer der nachgefragtesten Bildungseinrichtungen der Stadt wurde. Als Großpietsch dann vor drei Jahren pensioniert wurde, wollte er seine Erfahrungen noch einer weiteren Schülergeneration zukommen lassen.

Hier kreuzten sich zufällig Rokbanis und sein Weg: Zwei, die sich entschlossen haben, für eine bessere Förderung benachteiligter Kinder zu sorgen – ohne die Hemmnisse der staatlichen Strukturen.

Manchmal staunt Großpietsch noch darüber, dass er an einer „Privatschule“ gelandet ist: „Früher hätten Sie mir damit nicht kommen können“. Dann aber machte er mit bei dem auf Innovation ausgerichteten Schulzusammenschluss „Blick über den Zaun“, bei dessen Treffen er merkte, dass auch freie Träger gute Sachen ausprobieren, dass auch von ihnen manche eine soziale Mischung vorweisen können: „Da kam bei mir ein Umdenken in Gang“. Entscheidend ist: Es muss Stipendien für die mittellosen Kinder geben; die anderen Familien zahlen je nach Einkommen 100 bis knapp 500 Euro.

Rokbani hat die Schule nicht für seine eigenen Kinder gegründet: Die drei besuchen staatliche Schulen. Die Kinder von Jens Großpietsch sind längst groß. Die beiden Männer machen das tatsächlich einfach nur, weil sie eine gute Schule auf die Beine stellen wollen.

Präsenzpflicht für Lehrer

Genug Bewerber für die Pädagogenstellen im ersten Schuljahr gab es, „obwohl bei uns eine Präsenzpflicht von 8 bis 16 Uhr gilt“, wie Großpietsch betont. Für das nächste Jahr werden noch Lehrer gesucht. Und auch die Eltern hatten Vertrauen, obwohl es bei den ersten Infoabenden nichts gab, nicht mal das Gebäude konnte besichtigt werden, weil der Vormieter noch nicht ausgezogen war. So kamen bis Anfang September 24 Kinder zusammen – genau richtig für die eine Klasse, die starten sollte.

Rokbanis Traum von Schule? „Das ist ein Ort, an dem es nicht um eine bestimmte Methode geht, sondern darum, die besten Elemente von verschiedenen Konzepten zu vereinen. Im Mittelpunkt steht dabei die bestmögliche Förderung jedes einzelnen Kindes.“ Sein Motto? „Werde Unternehmer deines Lebens.“ Das bedeutet: Keine engen Schubladen, sondern große Rahmen. Kein Warten auf bessere Zeiten, sondern „Entrepreneurship“: um unabhängig zu sein und so frei, dass man sogar eine Schule gründen kann, wenn man das für richtig hält.

Dann führt der 45-jährige Nizar Rokbani mit Jens Großpietsch durch die frisch renovierten Etagen der Freudberg-Gemeinschaftsschule mit den intakten und farblich abgestimmten Sanitärräumen, der hellen Mensa und den bunten Leseecken, und die beiden sehen ziemlich zuversichtlich aus.

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