Friedrichshain-Kreuzberg : Alle Schulschwänzer werden vorgeladen

Wie mit Schulschwänzern umgegangen wird, ist Sache der Bezirke. Friedrichshain-Kreuzberg setzt auf Sozialarbeit und hält von Geldbußen nur wenig.

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Die Box mit den Papiertaschentüchern darf nicht fehlen. In Sylvia Radaus Büro wird oft geweint. Zu ihr kommen Eltern aus Friedrichshain-Kreuzberg, deren Kinder regelmäßig die Schule schwänzen. „Hinter vielen Fällen stecken echte Tragödien“, sagt Radau. „Die meisten Eltern sind verzweifelt.“ „Schuldistanziert“ nennt man im Amtsdeutsch, wenn Schüler mehr als zehn Tage dem Unterricht ferngeblieben sind. Spätestens dann muss die Schule eine Schulversäumnisanzeige an das Schulamt schreiben. In ihrem Bezirk bekommt Radau jede dieser Anzeigen auf ihren Schreibtisch in dem kleinen Büro an der Frankfurter Allee. Sie ist Sozialarbeiterin im Schulamt.

Wie gegen Schulschwänzer vorgegangen wird, ist bisher Sache der Bezirke. Jetzt will auch Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) – wie berichtet – stärker auf Bußgelder und Sanktionen setzen und nicht nur die Eltern wie derzeit, sondern auch die hartnäckigen Schulschwänzer selbst zur Kasse bitten. Zurzeit gehen die Bezirke sehr unterschiedlich vor. Anders als Neukölln oder auch Reinickendorf hält Friedrichshain-Kreuzberg nichts von Sanktionen durch Bußgelder. „Die Methoden sind nicht besonders erfolgreich“, sagt Bildungsstadträtin Monika Herrmann (Grüne). Und Zwangsmaßnahmen wie die polizeiliche Eskorte der Schulschwänzer zur Schule hätten eher den gegenteiligen Effekt. „Manche Schüler brüsten sich damit“, sagt Herrmann. Die Grünen-Politikerin setzt auf den Einsatz ihrer Sozialarbeiterin im Schulamt und verweist auf gute Erfolge. Auch Radau nennt Sanktionen „nicht besonders zielführend“. Während in Neukölln jährlich in ungefähr 200 Fällen Bußgelder eingetrieben wurden, hat Radau im Schuljahr 2009/2010 nicht ein einziges verhängt und auch nicht die Polizei um Hilfe gebeten.

Trotzdem ist die 48-Jährige froh, dass sie das Druckmittel Bußgeld einsetzen kann. Denn wenn sie Eltern schriftlich zu den Gesprächen einlädt, fällt denen bei der obligatorischen Rechtsfolgenbelehrung vor allem die Bußgeldandrohung bis 2500 Euro auf. „Die Zahl verstehen auch Eltern, die sonst kaum Deutsch sprechen“, sagt Radau. Um 117 Schülerinnen und Schüler, die von den Schulen gemeldet wurden, kümmerte sich Radau im vergangenen Schuljahr. Alle wurden mit ihren Eltern zum Gespräch eingeladen; die meisten kamen schon nach der ersten Benachrichtigung ins Schulamt. Wer nach der zweiten Aufforderung fernbleibt, wird zu Hause aufgesucht.

„Ich bin diejenige, die fordert, und nicht die, die hilft“, sagt Radau. Das unterscheide sie von den direkt an den Schulen tätigen Sozialarbeitern. Sie versteht es als ihre Aufgabe, den Eltern und Schülern klarzumachen, dass sie der Schulpflicht nachkommen müssen. Manche Eltern fallen aus allen Wolken, wenn sie erfahren, dass ihr Kind die Schule schwänzt. So hielt etwa ein Elternpaar, das kein Deutsch konnte, die Briefe der Schule für Belobigungen – so hatte der Sohn es ihnen übersetzt. Erst als ein Schreiben vom Schulamt kam, wurden sie stutzig. Andere Eltern sind schlicht überfordert, sich gegenüber ihren Kindern durchzusetzen. Sie scheitern schon daran, dass diese morgens rechtzeitig aufstehen und sich anziehen. Wenn ihnen dann gezeigt wird, wo sie Hilfe bekommen, seien sie dankbar, sagt Radau. In den meisten Fällen stecke hinter der Schulschwänzerei ein schwerwiegendes Problem. Ein Todesfall beispielsweise, Obdachlosigkeit nach einer Zwangsräumung, schwere Erkrankungen oder psychische Leiden. Häufig werden auch massive Schwierigkeiten in der Schule mit Lehrern, Mitschülern und zu hohe Leistungsanforderungen genannt, oder der Schüler zeigt anderweitige starke Verhaltensauffälligkeiten, ist beispielsweise schon polizeilich aufgefallen.

Von ihren 117 im Schuljahr 2009/ 2010 gemeldeten Schulschwänzern gehen nach Radaus Angaben lediglich zehn Schüler weiterhin nicht regelmäßig zur Schule. Deren Akte hat sie nicht geschlossen; vielleicht kann man sie doch noch auffangen. Diejenigen, die den Unterricht zwar wieder besuchen, aber noch nicht ausreichend regelmäßig, bekommen eine Auflage. Die Schüler müssen ein Anwesenheitsheft führen – jede einzelne Schulstunde wird von einem Lehrer abgezeichnet, und auch die Eltern müssen unterschreiben. Einmal im Monat lässt sich sich Radau das Heft zeigen.

Wenn die Jugendlichen ihr Büro verlassen, fällt ihr Blick an der Tür oft auf einen Zeitungsausschnitt aus Hamburg: „Jugendrichter schickt Schulschwänzer in den Knast“. Dies brauchen Berlins Schulschwänzer bisher nicht zu befürchten. Das könnte sich aber bald ändern, wenn Zöllners Plan umgesetzt werden sollte und sie die Bußgeldzahlungen schuldig bleiben. Sigrid Kneist

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