Schule : Frischer Glanz für einen Stern

Nach vier Jahren Bauzeit ist die E-Klasse von Mercedes-Benz überarbeitet worden. 2000 Teile wurden dafür erneuert

Roland Koch

Als ein Auto für Millionen würde man die E-Klasse spontan wohl eher nicht bezeichnen. Der Limousine der gehobenen Mittelklasse schreibt man doch eher eine kleinere Schar an Käufern zu: die Chefs mittelständischer Unternehmen, etablierte Anwälte oder – bei der T-Modell genannten Kombiversion – gut betuchte Familien, die den Wagen vor dem schmucken Einfamilienhäuschen parken. Doch die Zahlen, die Mercedes gerade auf der New Yorker Autoshow (Nyias) vorgelegt hat, belehren eines besseren. Die E-Klasse ist ein Millionen-Seller – und zwar einer, der ab Anfang Juni in neuem Outfit zu den Händlern rollen wird.

Seit mittlerweile 60 Jahren wird die E-Klasse gebaut und ist seitdem weltweit rund zehn Millionen Mal an Kunden ausgeliefert worden. Das aktuelle Modell gibt es seit 2002 und es wurde insgesamt eine Million Mal verkauft. Allein in Deutschland konnten sich rund 250 000 Käufer für dieses Fahrzeug gewinnen lassen. Doch vier Jahre Bauzeit sind für Designer und Ingenieure eine Ewigkeit. Sie haben dem aktuellen E-Modell deshalb für ihren zweiten Lebenszyklus nicht nur optisch, sondern auch technisch eine Frischzellenkur verpasst. Bei diesem Facelift ist das Auto in rund 2000 Teilen erneuert worden. Die Leistung der Motoren wurde teils kräftig gesteigert, die Sicherheitsausstattung wurde üppiger, das Handling direkter – und das alles bei gleichbleibenden Preisen. Mercedes verspricht den Käufern der E-Klasse künftig mehr Auto fürs Geld.

Die Business-Limousine mit dem Stern auf der Kühlerhaube kann eine Aufwertung auch dringend gebrauchen. Qualitätsprobleme haben in den vergangenen Jahren mächtig am Image deutscher Wertarbeit gekratzt. Gerade die elektronische Steuerung wurde zum Sorgenkind vieler Mercedes-Fahrer. Doch wie viele andere Hersteller auch habe man in den vergangenen Jahren viel an diesem Schritt der Fahrzeugentwicklung gearbeitet und gelernt, ist von den verantwortlichen Entwicklern nun einhellig zu hören. Und sie versprechen Abhilfe im Zuge der Modellüberarbeitung.

Zur Präsentation waren in der Stadt, die niemals schläft, 14 Millionen Volt starke Blitze gerade gut genug, um einen adäquaten Showact zur Enthüllung der Limousine zu inszenieren. Doch die Hochspannung entlud sich eher in den künstlichen Blitzen der Tänzer. Die große Design-Überraschung fiel aus. Vielmehr hat das Team rund um den Chef-Verschönerer Peter Pfeiffer an Details gefeilt – oder genauer: gepfeilt. Die Frontpartie der E-Klasse läuft nun spitzer nach vorne zu. Der größere Kühlergrill wird dadurch auffälliger. „Die E-Klasse tritt jetzt prägnanter auf“, sagt Pfeiffer. „Wir wollen mit ihr bewusst auch Status demonstrieren.“ Dafür hat der Feinschliff ausgereicht – die neue Front, die Seitenschweller und die modifizierte Heckpartie garantieren einen dominanten Auftritt.

Die dezente Aufwertung setzt sich auch im Innenraum fort. Das Lenkrad beispielsweise wurde aus dem CLS übernommen. Es gibt neue Farben und Farbkombinationen. Dem Unternehmer, der so vorfährt traut man durchaus zu, in letzter Zeit einige lukrative Aufträge unter Dach und Fach gebracht zu haben.

Vor allem aber bei der Fahrzeugtechnik wurde in die E-Klasse investiert. Limousine und T-Modell erhalten beispielsweise serienmäßig das so genannte „Pre-Safe-System“. Es aktiviert bei einem drohenden Unfall reflexartig Schutzmaßnahmen für Fahrer und Beifahrer, bringt in Sekundenbruchteilen die Sitze in aufrechte Position, strafft die Gurte und schließt Fenster sowie Schiebedach. Ebenfalls serienmäßig sind künftig die „Neck-Pro-Kopfstützen“, die bei einem Heckaufprall in Millisekunden nach vorn geschoben werden und damit das Risiko eines Schleudertraumas reduzieren. Blinkende Bremsleuchten warnen den nachfolgenden Verkehr bei Unfallgefahr automatisch. So lassen sich unter Umständen entscheidende Meter Bremsweg gewinnen. Der unaufhaltsame technische Fortschritt macht auch vor dem Licht nicht halt. Die neue Scheinwerfertechnik heißt „Intelligent Light System“, was so viel heißt wie: Das Licht passt sich automatisch der jeweiligen Fahr- und Wettersituation an. Das gegen Aufpreis erhältliche System leuchtet die Straßen unterschiedlich aus, wodurch sich der Sichtbereich des Fahrers nächtens um bis zu 50 Meter erweitert.

Ihren Maßen bleibt die E-Klasse treu. Sie misst in der Länge nach wie vor 4,85 Meter, ist 1,82 Meter breit und 1,50 Meter hoch. Der Radstand von 2,85 Metern ermöglicht bequeme Platzverhältnisse für die Passagiere. Der Gepäckraum fasst 540 Liter. Im Kombi sind es 690 bis 1950 Liter. Damit ist die Limousine in etwa gleichauf mit den Konkurrenten Audi A6 und dem Fünfer von BMW. Das T-Modell jedoch übertrifft deren Kombiversionen in der Maximalbeladung gleich um rund 300 Liter.

Ein Schnäppchen war die E-Klasse nie. Das Einstiegsmodell bei den Benzinern, der E 180 Kompressor, kostet mindestens 37 178 Euro. Der kleine Diesel E 200 CDI ist ab rund 36 000 Euro zu haben. An diesem Preisniveau soll sich – außer beim E 500 – nichts ändern. Allerdings ist auch die Zubehörliste üppig ausgestattet, so dass zu diesen Einstiegspreisen schnell einige tausend Euro zusätzlich auf der Rechnung stehen können. Um das zu rechtfertigen, müssen die Mercedes-Entwickler nun ihre Versprechen halten. Auf der Show-Bühne in New York haben sie einen vielversprechenden Anfang gezeigt. Jetzt muss das neue Auto den Härtetest bestehen – im Alltag der Käufer.

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