Gartenarbeit : Ab ins Beet!

In der Charlottenburger Gartenarbeitsschule Ilse Demme lernen Großstadtkinder von der Kita bis zur Oberstufe, wie man buddelt, sät, jätet und erntet.

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So viel Spaß kann Gartenarbeit machen - die Kinder der Kita Rheingaustraße sind jedenfalls mit Feuereifer bei der Sache.
So viel Spaß kann Gartenarbeit machen - die Kinder der Kita Rheingaustraße sind jedenfalls mit Feuereifer bei der Sache.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Schnecke auf der Hand fühlt sich kühl an, ein bisschen glitschig, und wenn sie die Mehlpampe futtert, die Claudia Meil-Lachmann den Besuchern auf die Hand gelöffelt hat, kitzelt es ganz leicht. Unter den Erst-, Zweit- und Drittklässlern der Joan-Miro-Grundschule Charlottenburg ruft die hautnahe Begegnung mit den kleinen Kriechern gemischte Reaktionen hervor. Nicht alle trauen sich, eine Schnecke auf die Hand zu nehmen. Tamta ist die Mutigste, sie will ihre Schnecke gar nicht mehr hergeben. Jacob will seine am liebsten mit nach Hause nehmen, so putzig findet er sie; auch Pike findet ihre Schnecke „voll süß“. Kevins Schnecke legt Tempo zu und kriecht davon. „Sie läuft weg!“, ruft er und stoppt sie an der Tischkante.

Die Joan-Miro-Schüler sind zu Besuch in der Charlottenburger Gartenarbeitsschule Ilse Demme, auf dem Programm steht das Schneckenprojekt. Claudia Meil-Lachmann schmunzelt, als sie die Kinder beim Kontakt mit den schleimigen Tierchen beobachtet. Die Grundschullehrerin ist die pädagogische Leiterin der Gartenarbeitsschule, die in diesem Jahr ihr 90-jähriges Bestehen feiert. Mit ihrer Kollegin Ulrike Wosing will Claudia Meil-Lachmann Stadtkindern ein Gespür für die Natur vermitteln.

Auch Kinder, die ohne eigenen Garten in der Großstadt aufwachsen, sollen das Gefühl kennenlernen, eine Schnecke auf der Hand zu halten, ein Beet umzugraben und Obst frisch vom Baum zu ernten: Das ist das Ziel der Berliner Gartenarbeitsschulen, die in den 20er-Jahren im Geist der Reformpädagogik entstanden sind. Die Idee dahinter: Schule soll nicht nur den Kopf unterrichten, sondern auch das handwerkliche Geschick schulen und den Bezug zur Natur stärken.

Zwölf Gartenarbeitsschulen gibt es in Berlin, in jedem Bezirk eine. Die größte ist die August-Heyn-Gartenarbeitsschule Neukölln, gegründet 1920. Die Charlottenburger Schule Ilse Demme ist die zweitgrößte und zweitälteste. Alle bieten für Schulen und Kitas Workshops und Projekte an. Das Angebot reicht vom Brotbacken über die Käferbestimmung bis hin zu Experimenten zu regenerativen Energien oder zur Messung der Wasserqualität des Schilfklärteichs auf dem Gelände. Zirka 60 Schulklassen und Kita-Gruppen haben sich auf dem Gelände ein eigenes Beet angelegt – was sie anpflanzen, bestimmen die Kinder gemeinsam mit ihren Lehrern.

Die meisten Kinder, die in die Gartenarbeitsschule Ilse Demme kommen, „sind reine Großstadtkinder“, sagt Ulrike Wosing. „Sie wollen wir vor allem zur Nachhaltigkeit erziehen.“ Das übernimmt etwa Hans-Diethelm Woköck, promovierter Physiker im Ruhestand und Imker. Von ihm lernen die Kinder, wie wichtig Bienen für die Ernährung des Menschen sind: Bienen besorgen 90 Prozent aller Befruchtungen an Obstbäumen und -sträuchern. Ohne Bienen keine Kirschen, keine Pflaumen und keine Äpfel: „Diesen Zusammenhang sollen die Kinder bei uns lernen“, sagt Ulrike Wosing.

Am Bienenstock steht Hans-Diethelm Woköck, eine Gruppe Kinder von der Ludwig-Cauer-Grundschule drängt sich um ihn. Woköck trägt weder Schutzanzug noch Schutzbrille, seelenruhig greift er in den Bienenstock und nimmt Waben heraus. Die Schüler wirken angstfrei, manche nehmen sogar eine Biene auf die Hand. Lehrerin Sylvia Stäck erzählt, dass im Klassenzimmer oft schon eine kleine Hysterie ausbricht, sobald sich nur eine größere Stubenfliege in den Raum verirrt. Hier zuckt kein Kind auch nur zusammen. Woköck zeigt die einzelnen kleinen Waben und erklärt, warum diese verschlossen sind: „Aus jeder Zelle kommt bald eine Babybiene raus“, sagt er und setzt die Wabe zurück in den Stock. „Deshalb wollen wir gar nicht weiter stören.“

Hans Woköck ist einer der etwa 35 Ehrenamtlichen, die in der Gartenarbeitsschule mithelfen. Ohne sie wäre das Angebot nicht aufrechtzuerhalten. Pro Jahr kommen rund 25 000 Kinder in die Gartenarbeitsschule Ilse Demme – die Nachfrage sei größer, aber mehr könne das Personal bislang nicht leisten, sagt Ulrike Wosing. Sie und Claudia Meil-Lachmann sind jeweils nur 15 Stunden pro Woche an den grünen Lernort abgeordnet, den Rest der Zeit unterrichten sie an ihren jeweiligen Grundschulen; zwei Mitarbeiter, die ein freiwilliges ökologisches Jahr absolvieren, unterstützen die pädagogische Arbeit. Um die Pflege des 30 000 Quadratmeter großen Geländes kümmern sich zwei Gärtner und zwei Helfer. Einen Großteil der Projekte organisieren Ehrenamtliche, viele von ihnen helfen beim Gießen und Wildkrautzupfen.

Dass sich Wildkräuter nicht zu weit ausbreiten, darüber wacht Gerald Piekarski. Seit zehn Jahren ist der Spandauer, der eine Erzieherausbildung abgeschlossen hat, Chefgärtner in der Gartenarbeitsschule Ilse Demme. Wer unter seiner Regie sät und buddelt, lernt als erstes: Unkräuter gibt es nicht, es gibt nur Wildkräuter. Bei der Pflege der Beete, die Schulen und Kitas in Obhut genommen haben, hält sich Piekarski zurück. Doch mit Rat hilft er den Nachwuchsgärtnern gerne.

Wie den Kindern aus der Kita Rheingaustraße in Friedenau, die zur Beetpflege gekommen sind. Erzieherin Sylvia Höptner hat das gärtnerische Saisonziel vorgegeben: „In diesem Herbst gewinnen wir den Preis für den größten Kürbis!“ Piekarski rät zu „vollem Risiko“: Wenn ein Kürbis richtig dick werden soll, muss der Seitentrieb weg. Das übernehmen die Kinder gerne, gemeinsam säbeln sie den Trieb ab. Dann stapfen sie los zum Regenfass, in das sie sich tief beugen, um ihre Gießkannen zu füllen. Leo, Fenja, Elina, und Cassia sind mit Begeisterung bei der Sache; Fenja schleppt eine Gießkanne nach der anderen und gießt sogar noch das Nachbarbeet. Wenn sie so weitermachen, können sie dem Kürbiswettbewerb gelassen entgegensehen.

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