Gastkommentar : Ein gemeinsamer Campus für die Europaschulen!

Die Strukturreform sollte für einen Neuanfang bei den Europaschulen genutzt werden, fordert Özcan Mutlu von den Grünen.

Özcan Mutlu
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Foto: privat

Seit 1992 gibt es die „Staatlichen Europaschulen-Berlin“ (SESB) als kulturübergreifende und sprachintensive Schulen. Es werden neun Sprachkombinationen angeboten und rund 6000 Schüler besuchen die 18 Grundschulen und zwölf Oberschulen. Längst sind die Staatlichen Europaschulen ein Aushängeschild für die Internationalität des Berliner Bildungswesens. Der Senat schmückt sich gern damit, denn es geht bei den Europaschulen um weit mehr als nur um die Vermittlung von Sprache: Die Schüler lernen viel und intensiv über Länder und Kulturen. Das ist eine gute Investition in die Integration und die beste Voraussetzung für Toleranz und gegenseitiges Verständnis.

Bereits nach Klasse vier beginnt allerdings der Abgang in Richtung Gymnasien. Nach Klasse sechs verstärkt sich diese Tendenz. In den weiterführenden Europaschulen verbleiben letztlich nur knapp 1500 Schüler in Klasse sieben bis 13. Ein anderes Problem ist die Tatsache, dass Europaschulen in der Regel nur als Züge in bestehende Schulen integriert sind bzw. geführt werden. Dabei ist „integriert“ in dem Fall vielleicht das falsche Wort – oft gibt es Reibungen und Kommunikationsprobleme, das Kollegium der Europaschulen wird häufig als „Fremdkörper“ innerhalb des Schulkollegiums gesehen. All diese Probleme stehen im Widerspruch des ursprünglichen Gedankens der Europaschulen.

Wie kann es sein, dass die Europaschulen immer noch als Schulversuch laufen und nicht im Schulgesetz verankert sind? Warum schafft es der Berliner Senat nicht, den Erfolg dieser erfolgreichen Schulen nachhaltig zu sichern? Warum gibt es mit Staaten wie Polen, Russland und der Türkei immer noch keine Vereinbarung über die Anerkennung der Abschlüsse? Warum werden die Europaschulen mit der Problematik des Schülerschwunds sich selbst überlassen?

Diese Unsicherheiten führen zu berechtigtem Unmut unter der Elternschaft, deren Kinder in letzter Konsequenz die Europaschulen verlassen. Dadurch wird ein bundesweit einzigartiges und hochgelobtes Schulprojekt mittelfristig gefährdet. Zudem ist fraglich, welche Auswirkungen die geplante Schulstrukturreform für die Europaschulen hat.

Bekanntlich werden im Zuge der Schulstrukturreform etliche Schulstandorte frei. Der Senat könnte diese Gelegenheit für die Europaschulen nutzen. Um dem europäischen Gedanken gerecht zu werden, könnten mehrere Europaschulzweige an einem Europaschulzentrum, also unter einem Dach zusammengefasst werden. Das Resultat wäre ein Europaschul-Campus, in dem sich verschiedene Sprachen, Kulturen und Traditionen begegnen. Diese Europaschulzentren wären ein idealer Ort für den Austausch und den Dialog. So würden auch viele Reibungsverluste vermieden, die aufgrund der derzeitigen Konstellation der Europaschulen, nämlich als eigenständige Züge in bestehenden großen Schulen, entstehen. Diese vielversprechenden Synergien wären für die Attraktivität und den Erfolg der Europaschulen von großer Bedeutung.

Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher Bündnis 90 / Die Grünen.

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