Gaststudenten : Schweigsame Chinesen

Unter den Gaststudierenden in Deutschland sind sie die unauffälligsten. Obwohl die Chinesen die größte Gruppe aus dem Ausland bilden, bleiben sie auf dem Campus im Hintergrund. Unpolitisch sind sie deshalb nicht.

Eva-Maria Götz
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Chinesen, die sich an der Uni durchbeißen, bleiben Deutschland oft ein Leben lang verbunden. -Foto: Joker

Unter den Gaststudierenden in Deutschland sind sie die unauffälligsten. Obwohl die Chinesen die größte Gruppe aus dem Ausland bilden, bleiben sie auf dem Campus im Hintergrund. Die meisten Chinesen ergreifen im Seminar nicht das Wort, sondern schreiben lieber still mit. Und abends gehen sie nicht mit deutschen Kommilitonen in den Biergarten, sondern kochen lieber gemeinsam mit Landsleuten chinesisches Essen im Studentenwohnheim. Vielen Chinesen fällt es nicht leicht, Kontakt zu Deutschen zu finden. Umgekehrt gilt das Gleiche. Über die Olympischen Spiele, den Tibetkonflikt oder das verheerende Erdbeben informieren sich die Deutschen lieber im Fernsehen, anstatt ihren chinesischen Sitznachbarn im Hörsaal zu befragen. Man ist sich ziemlich fremd. Wie also denken chinesische Studierende in Deutschland über die aktuellen Ereignisse?

Wenn es um die Politik ihres Heimatlandes geht, wollen sich die meisten jungen Chinesen nicht äußern. Vermutlich würde das von offiziellen chinesischen Stellen auch nicht gerne gesehen, sagt Susanne Otte, die beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Bonn die Kontakte zu China koordiniert: „Wir haben zwar keine Information darüber, dass Studierende in Deutschland besondere Auflagen erfüllen müssen. Aber ob Studenten sich politisch aktiv verhalten, das wird natürlich immer noch genau beobachtet.“ Die chinesische Botschaft habe ihre Leute durchaus im Auge.

Eine große Naturkatastrophe ist etwas anderes. „Unser Gesprächsthema Nummer eins ist das Erdbeben“, sagt Li Sansheng, Student an der Technischen Universität Berlin (TU). Wann immer sich chinesische Studierende träfen, erkundigten sie sich nach ihren Familien und Freunden. Er habe sogar versucht, sich an der offiziellen Staatstrauer zu beteiligen, sagt der 27-jährige Sansheng. Er habe dunkle Kleidung getragen und kein Fernsehen geschaut. Die Situation sei für ihn aber völlig neu gewesen und habe ihn ratlos gemacht: „Weder habe ich eine Katastrophe dieser Dimension erlebt, noch eine solche Offenheit der Regierung.“

Nach Berlin kam Sansheng eher zufällig, ursprünglich sollte es nach München gehen – des Fußballs wegen. Die Stars von Bayern München einmal live spielen zu sehen, war für Li – neben den guten Universitäten und der westlichen Lebensart – der Grund, 2001 nach Deutschland zu kommen. Doch der Flug ging über Berlin. Hier gefiel es ihm und er blieb. Nach seinem Studium der Werkstoffwissenschaften möchte er am liebsten für eine Firma arbeiten, die mit China kooperiert und seinen Aufenthalt verlängern.

„Ich kam zu einer Zeit, in der chinesischen Schulkindern noch erzählt wurde, dass im kapitalistischen Westen die Menschen auf der Straße verhungern“, sagt Zhendhan Hou, Privatdozent an der TUClausthal-Zellerfeld. Er gehörte zu den ersten Studierenden, die den Sprung nach Europa wagten. 1982 kam Hou in die kleine Stadt im Harz, die so ganz seiner Vorstellung entsprach: „Die verschneite Winterlandschaft – das war das Traumbild, das ich aus den alten Märchen im Kopf gehabt hatte.“

Nach Promotion und Habilitation entschloss sich Zhendhan Hou in Clausthal zu bleiben, holte seine Familie nach und ist heute etabliert. Neben seiner Dozententätigkeit kümmert er sich um die chinesischen Studierenden an der Uni. Er sorgt auch dafür, dass sich Studierende mit guten Sprach- und Fachkenntnissen in Clausthal bewerben und koordiniert die Partnerschaft unter anderem mit der Pekinger Sichuan-Universität. Durch solche gezielten Maßnahmen gibt es mittlerweile zahlreiche Multiplikatoren in der chinesischen Gesellschaft, die dem hier so dringend benötigten hoch qualifizierten Nachwuchs den Weg nach Deutschland weisen können. „Die Professoren an Chinas Eliteuniversitäten haben meistens im Westen studiert, promoviert und meistens sogar habilitiert“, sagt Hou.

Im westlichen Ausland ausgebildet ist auch über die Hälfte der 28 Minister im Kabinett der Zentralregierung. So hat etwa Wang Gang, Minister für Wissenschaft und Technologie, in Clausthal promoviert – und in Deutschland Erfahrungen mit Demokratie gemacht. „Studierende, die hier länger gelebt haben, nehmen demokratische Erfahrung mit“, sagt die Leiterin des „International Office“ Almut Steinbach. Absolvent Wang Gangs Politik sei „doch sehr liberal im Vergleich zu dem, was man sonst kennt“.

Der Anfang sei schon sehr traurig für sie gewesen, erinnert sich Ding Jan, eine 27-jährige Studentin der Wirtschaftgeografie an der RWTH Aachen. Im ersten Semester hat sie die Prüfung nicht geschafft, im zweiten Semester sollte sie erstmals ein Referat halten – und ist daran fast verzweifelt. Ein freier Vortrag, das kannte Ding Jan aus China nicht, wo hauptsächlich auswendig gelernt wird. Heute sind die Probleme überwunden, Ding Jan spricht fließend Deutsch, Präsentationen macht sie mit Bravour.

Während der Olympischen Spiele wird Ding Jan als Dolmetscherin und Fahrerin für ein Fernsehteam des ZDF arbeiten. Wenn das Team abseits vorgegebener Routen mit „normalen“ Menschen sprechen wollte, wäre das für sie kein Problem: „Ich sehe meinen Job als Vermittlerin zwischen Deutschland und China.“ In den letzten Wochen sei von beiden Seiten zu einseitig berichtet worden. Von einem Olympia-Boykott hält Ding Jan nichts. „Da wäre doch in der Beziehung zu viel zerstört worden“, meint sie.

Nach Aachen kam die Studentin, weil schon ihre Eltern diese Uni besucht haben und sich gerne erinnerten. „Chinesen sind bekannt für ihre Treue“, sagt Ding Jan. Damit erklärt sie auch, warum chinesische Studierende selten Kontakt zu ihren deutschen Kommilitonen suchen. „In China schließen wir Freundschaften, die oft ein Leben lang halten. Wir gehen nicht so schnell auf Fremde zu.“

Der Berliner TU-Student Li Sansheng wollte neulich vor dem Berliner Reichstag demonstrieren – für Chinas Tibetpolitik. Die Idee sei von einem in Süddeutschland lebenden chinesischen Kommilitonen im Internet verbreitet worden. Schließlich ist Sansheng aber doch nicht zu der Demo gegangen, ein zeitgleich stattfindendes Seminar sei ihm wichtiger gewesen. „Ich finde wirklich nicht alles gut, was in China passiert“, sagt Sansheng. „Aber es hat sich doch einiges verbessert.“ Für die Kritik an der chinesischen Politik hat er kein Verständnis. Die Tatsache, dass er sich im Internet über die Erdbebenkatastrophe informieren kann, ist für ihn ein Zeichen, dass China ein Stück weiter gekommen ist auf dem Weg in die moderne, internationale Staatengemeinschaft.

In den letzten Wochen sei er häufig auf die Tibetproblematik angesprochen und deswegen auch in der U-Bahn angepöbelt worden, klagt Li Sansheng. Nach dem Erdbeben erfahre er von Kommilitonen aber auch Mitgefühl – und komme mit ihnen öfter als zuvor ins Gespräch.

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