Schule : Genf 2004 – wenig Technik, aber viel Design

Immer mehr Hersteller setzen auf markante Gesichter für ihre Marken / BMW setzt Meilenstein bei der Dieselentwicklung

Ingo von Dahlern

Der Wind, der zeitweise geradezu stürmisch über die Messehallen in Genf hinwegfegte, war eisig kalt. Da konnten keine rechten Frühlingsgefühle aufkommen. Ähnlich unterkühlt war die Situation auch in den Hallen selbst. Denn trotz vieler Neuheiten halten sich die Verbraucher beim Kauf neuer Autos weiterhin zurück, müssen manche Hersteller geradezu dramatische Verkaufsrückgänge in den Griff bekommen. Schon heute revidieren einige die erst vor einigen Monaten aufgestellten Prognosen.

Trotzdem wäre es falsch, sich angesichts dieser Lage abwartend zurückzulehnen. Im Gegenteil, gerade jetzt sind besondere Aktivitäten gefragt, will man das Blatt wenden. Und blickt man durch die Messehallen am Lac Léman, dann will die Flut der neuen Modelle gar nicht abreißen. Doch man muss ein wenig genauer hinsehen. Denn die echten Hingucker sind vergleichsweise selten. Das Neue steckt dafür immer öfter im Detail und erschließt sich in vielen Fällen erst auf den zweiten Blick – ja bedarf sogar der Erklärung, will man die Bedeutung mancher Entwicklung verstehen. Zu denen gehört zum Beispiel die vom BMW für den 3,0-l-Sechszylinder-Turbodiesel im neuen 535d entwickelte Stufenaufladung mit zwei Turboladern, die eine souveräne Leistungsentfaltung ohne das geringste Turboloch ermöglicht und aussechs Zylindern 160 kW (218 PS) und ein Drehmoment von 560 Nm bei 2000/min herauslockt. Das macht den Diesel mit gerade einmal 6,6 Sekunden für den Spurt auf Tempo 100 sogar zu einem Konkurrenten für ernsthafte Sportwagen – ein Meilenstein in der Diesel-Geschichte.

Einer der wenigen technischen Meilensteine des diesjährigen Frühjahrssalons. Denn bis auf eine japanische Offensive bei den Hybridantrieben als möglicher Alternative zum Diesel spielen neue Techniken in diesem Jahr eher eine Nebenrolle. Denn im Vordergrund stehen eindeutig neue Trends beim Design, emotionale Formen der neuen Modelle und immer ausgeprägtere neue Gesichter, mit denen sich die einzelnen Marken profilieren. Und dabei gehen sie recht unterschiedliche Wege. So setzt man bei Audi weiter auf strenge minimalistische Formen, wie beim neue Audi A6 – allerdings verbunden mit einem ausgeprägten Markengesicht, das bei Audi künftig vom so genannten Singleframe-Kühlergrill geprägt wird, wie er im A8 6.0 Quattro Premiere feierte, ehe er nun erstmals in der Großserie antritt. Eine Front, die verblüffende Ähnlichkeiten mit dem neuen Rover V8 zeigt, obwohl die Wurzeln beider Fronten ganz verschieden sind.

Ganz andere Akzente setzt man bei Opel. Denn verglichen mit den sparsamen Rundungen bisheriger Modelle bedeutet der neue Astra für Opel geradezu eine Designrevolution – mit markanten aber sehr ansprechenden und eingängigen Formen, die auch bei der großen Masse großen Anklang zu finden versprechen. Das umso mehr, als unter der neuen Karosserie eine in vielen Bereichen ebenso wegweisende Technik steckt. Und auch bei Volkswagen scheint man Formen zu entwickeln, die einen großen Sprung vom wenig aufregenden Design des Golf, das nach permanenter Wiederholung langsam langweilig zu werden droht, andeutet – etwa in Form der geradezu aufregenden Cabrio-Studie Concept C. Deren Front zeigt manchen Anklang an Designelemente, die auch der neue Astra hat und auch bei der Gestaltung des Hecks ist Wolfsburg sehr innovativ. Und wenn man sich im Konzern weiter umsieht, dann ist es die spanische Tochter Seat, die sich mit neuen Formen am weitesten vorwagt – kein Wunder, wenn man berücksichtigt, dass es schließlich der frühere Alfa-Designchef Walter de’Silva ist, der hier die Entwicklung prägt. Verglichen mit einem Fahrzeug wie dem eher biederen Touran ist der auf gleicher technischer Basis entwickelte Altea mit seinem sportlichen Charakter ein völlig anderes Auto.

Die frühere Handschrift de’Silvas führt man fort bei Alfa Romeo, wo mit jedem neuen Entwurf ein noch schönerer Alfa auf die Räder gestellt wird. Und selbst bei Mercedes-Benz zeigen sich unerwartet ganz neue Designelemente – etwa an den Flanken des neuen viertürigen Coupés Mercedes CLS. Hier findet man Formen, die für die Marke ganz neu sind – auch wenn am Grundprinzip, dass „ein Mercedes immer wie ein Mercedes aussehen muss“, nicht gerüttelt wird. Doch für die Interpretation dieses Prinzips öffnen sich derzeit ganz offenbar viele neue Wege, wie man sie bei BMW schon seit längerem geht. Und nun sieht es so aus, als übernehme BMW-Designer Chris Bangle mit seiner oft geradezu waghalsigen Linie so etwas wie die Funktion eines Trendsetters.

Eine ganz eigene Formensprache hat im letzten Jahr Renault entwickelt und setzt diese mit einer verblüffenden Konsequenz und recht attraktiven Ergebnissen fort – bis hin zur in Genf präsentierten Studie Modus, die einen Kompaktwagen der nicht allzu fernen Zukunft auf Basis der neuen Clio-Plattform zeigt. Gesicht zeigt schließlich auch Peugeot – mit großem Lufteinlass, der an edle Sportwagen erinnert und beim neuen 407 in seiner ausgeprägtesten Form kommt. Und auch manche Fernost-Marke ist längst auf dem konsequenten Weg zu einem eigenen Markengesicht, ganz ausgeprägt zum Beispiel die Ford-Tochter Mazda.

Ein weiterer Trend in Genf sind Fahrzeuge, die immer mehr die Grenzen zwischen den herkömmlichen Grundformen überschreiten – mit der Kombination von Coupélinie und vier Türen einer ganz normalen Limousine beim Mercedes CLS, der Integration von Off-Road-Elementen beim Alfa Crosswagon, dem dynamischen siebensitzigen Toyota Corolla Verso mit seinem ausgeprägten Pkw-Charakter, dem Caddy Life von VW, bei dem sich Kleinsttransporter-Elemente mit denen eines praktischen und variablen Familienautos paaren – Fahrzeuge, in denen sich unter dem Oberbegriff Crossover neue Fahrzeugkonzepte entwickeln – wie vor 20 Jahren die Großraumlimousinen.

Eine damals ganz neue Fahrzeugklasse, die den heutigen Markt entscheidend prägt und dem klassischen Kombi viel Terrain abgenommen hat. Denn es gibt heute so gut wie keinen großen Hersteller, der nicht einen oder gar mehrere Minivans in verschiedenen Formaten in seinem Programm hat. Neu in Genf sind hier der extrem kompakte Lancia Miura, der Toyota Corolla Verso und der große Mitsubishi Grandis. Eines allerdings ist den Minivans nicht gelungen – den Kombi zu verdrängen. Er lebt weiter, oft allerdings mehr als Lifestyle-Kombi denn als Lademeister, wie zum Beispiel der neue BMW 5er touring, der geradezu gewaltige Chrysler 300 C Touring als Allradler oder der klassische Daewoo Nubira Kombi.

Und kaum noch zu übersehen ist schließlich das Angebot an Cabrios. Wobei das klassische Cabrio mit Faltverdeck immer öfter jenen Cabrio-Coupés weicht, deren stabiles Stahl- oder Glasdach sich irgendwo im Fahrzeugheck versenken lässt. Als moderner Wegbereiter dieser Technik tritt jetzt die zweite Generation des Mercedes SLK an, Peugeot setzt auf sie beim 307 CC, Renault beim Cabrio-Coupé des Mégane, die mit einem gläsernen Cabriodach ausgestattet ist, und auch die VW-Studie Concept C hat ebenso wie der neue Opel Tigra eine solche Konstruktion. Daneben allerdings kommen auch neue Cabrios mit Stoffdach, wie der offene PT Cruiser, der offene 6er von BMW oder der offene Mini. Denn der Vorteil dieser Konstruktionen ist, dass sich ihr geöffnetes Dach nun einmal sehr viel platzsparender verstauen lässt – und das kann gerade bei offenen Zweisitzern ein starkes Argument gegen ein Variodach sein.

Die Autowelt ist vielfältiger geworden und in den noch vorhandenen Nischen entstehen immer neue Produkte, die immer individuelleren Bedürfnissen nach Mobilität gerecht zu werden versuchen. Denn die Zeiten, da ein Auto primär nichts weiter war, als ein Transportmittel, um von A nach B zu gelangen, sind längst Vergangenheit. Und bei seinen neuen Aufgaben soll das Auto als ein Instrument der persönlichen Lebensgestaltung immer konsequenter nicht nur praktisch sein, sondern bei seiner Benutzung auch Freude bereiten – wenn man bedenkt, wie viel man dafür ausgeben muss, eine durchaus legitime Erwartung, wenn man das Grundbedürfnis nach individueller Mobilität nicht in Frage stellt.

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