Gesperrte Turnhallen in Berlin : Neuer Schulsport: Improvisieren

Weil Flüchtlinge in der Turnhalle leben, muss eine Neuköllner Schule den Sportunterricht umorganisieren. Ganz einfach ist das nicht.

von
Freiwurf. Schülerinnen der Da-Vinci-Schule in der Ausweichhalle.
Freiwurf. Schülerinnen der Da-Vinci-Schule in der Ausweichhalle.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Jetzt hängt alles vom Bus ab. Er muss rechtzeitig zur Haltestelle rollen, sonst war alles vergeblich. Gundula Mardus-Sklorz hatte ihre Schüler von der Klasse 7.3 extra fünf Minuten vor Ende des regulären Sportunterrichts aus der Halle geschickt, sie hatte es ihrem Kollegen versprochen. Die Schüler sollten rechtzeitig in seinen Religionsunterricht kommen. Wenn der Bus jetzt aber zu spät vor der Turnhalle am Kölner Damm hält oder vielleicht sogar ganz ausfällt, bitte, sie kann nichts dafür. Wenn alles gut geht, können die Schüler schon 20 Minuten später am Leonardo-da-Vinci-Gymnasium in Rudow aussteigen. Dann reicht’s noch zum Religionsunterricht. Der Bus kommt pünktlich.

Während die Schüler im Bus sitzen, steht die Sportlehrerin Mardus-Sklorz in der Halle, zieht die Brauen hoch und sagt: „Bei dieser Situation steigt nicht nur bei den Schülern der Frust.“ Bei den Lehrern auch. Bei Sportlehrern vor allem.

Er steigt seit dem ersten Tag nach den Herbstferien. Er steigt seit dem Moment, als Hans Steinke „einen Schreck bekommen hat“. Steinke war an diesem Abend noch im Gymnasium, ein Schulleiter hat ja viel zu tun, da teilte ihm der Hauswart mit: „In Kürze ziehen Flüchtlinge in die Schulturnhalle.“ Zwei Stunden später waren sie da. Und 800 Schüler des Da-Vinci-Gymnasiums hatten plötzlich keine Schulsporthalle mehr. Seither orientiert sich der Alltag der Schule an dem Satz, den Steinke in seinem Büro mit gequältem Lächeln formuliert: „Die Sportlehrer müssen Fantasie entwickeln, um sich der Herausforderung zu stellen.“

Diese Herausforderung trifft viele Schulen. Wöchentlich wächst die Liste der Schulsporthallen, die über Nacht in Notunterkünfte für Flüchtlinge verwandelt werden. Für manche Schulen ist das gefühlt eine mittlere Katastrophe, andere gehen eher pragmatisch damit um.

Nachbarschulen boten Hilfe an

Beim Da-Vinci-Gymnasium sind sie vom emotionalen Siedepunkt trotz allem noch ziemlich weit entfernt. „Es gibt nicht wirklich große Probleme“, sagt Steinke. Sicher, einen Tag nach dem Flüchtlingseinzug fand Sport als Theorieunterricht in den Klassenzimmern statt, aber sofort danach bildeten mehrere Schulen einen solidarischen Zirkel. Mehrere Lehranstalten in der Umgebung boten Steinke ihre Hallenkapazitäten an, Dass es auch das Da-Vinci-Gymnasium treffen konnte, war ja seit September bekannt. Es gab natürlich schon Kontakte. „Aber wir hatten uns in der Sicherheit gewiegt, dass es uns doch nicht treffen würde“, sagt Steinke.

Jetzt trifft es sie, aber der wichtigste Punkt ist geklärt: Die Oberstufe hat weiterhin wie geplant Sport. Das ist entscheidend, ohne ausreichende Teilnahme an Sportkursen wird keiner zum Abitur zugelassen. Geturnt und gespielt wird jetzt in verschiedenen Hallen.

Der Frust schwillt unterhalb der strategischen Ebene an, dort, wo es um die Details geht. In der Mittelstufe, in den Klassen sieben bis zehn. Die haben pro Woche im Schnitt eine Stunde mehr Sport als die 300 Schüler der Oberstufe. Es gilt der 14-Tage-Rhythmus. In einer Woche eine Doppelstunde Sport, in der nächsten zwei Doppelstunden, ergibt im Schnitt drei Stunden.

Vier Doppelstunden in diesen 14 Tagen finden in Hallen statt, darunter in der Halle am Kölner Damm, Fahrzeit mit dem Bus 20 Minuten. Die restlichen zwei Stunden Sport werden auf dem Schulgelände ausgetragen. Da gibt es Tischtennisplatten, ein Volleyballfeld, man kann auch Fußball spielen.

Manchmal gehen die Sportlehrer mit den Schülern wandern

Sport? Gundula Mardus-Sklorz nennt die Stunden „eher Freizeit“. Ist das etwa Sport, wenn die Schüler in ihren Alltagsklamotten Volleyball spielen? Wenn sie bei jedem schnellen Schritt auf den nassen Blättern ausrutschen? Manchmal gehen die Lehrer mit den Schülern wandern. Das gilt dann auch als Sportunterricht.

In der Halle am Kölner Damm biegt Gundula Mardus-Sklorz in Richtung eines Ballnetzes, das wie ein riesiger orangener Farbklecks neben einer Tür liegt. Basketbälle sind dort aufgeschichtet, die Klasse 9.3 hat in der anderen Hallenhälfte Basketball-Training. Carola Soyke notiert, wer wie viele Freiwürfe verwandelt. Es ist Prüfung, zehn Treffer geben eine Einsplus. „Die Bälle“, sagt Gundula Mardus-Sklorz, habe die Kollegin selber mitgebracht. Es sind Bälle für das Alter von Oberstufenschülern. In den Fächern der Halle am Kölner Damm liegen nur kleinere Bälle, unbrauchbar für Soykes Schüler.

„Das ist eines unserer Probleme“, sagt Gundula Mardus-Sklorz, „wir müssen Materialien selber mitbringen.“ Einen Schwebebalken freilich kann kein Lehrer in ein Auto hieven. Den möchten Mädchen in der Oberstufe aber gern beim Turnunterricht haben. So ein Gerät gibt es in einigen Hallen, die das Da-Vinci-Gymnasium jetzt nutzen muss, aber nicht. Dann sind wieder Fantasie und Kreativität gefragt. Doch Sportlehrerin Mardus-Sklorz stellt inzwischen eine andere Frage: „Wie viele Einschränkungen müssen wir denn noch hinnehmen?“

In der Aula wird Gymnastik gemacht

Die Materialien der Sporthalle des Da-Vinci-Gymnasiums lagern inzwischen in einem Klassenraum. In dem Zimmer fand bis zu den Herbstferien Unterricht statt, jetzt liegen dort Sportgeräte, die Lehrer an drei Abenden fein säuberlich protokolliert haben. Auch die Aula wird jetzt anders als geplant genutzt. Dort findet Gymnastik statt.

„Das Problem ist die Zeit“, sagt Schulleiter Steinke, „es geht viel Zeit durch die Fahrten verloren.“ Eine der Hallen, die das Gymnasium nutzt, liegt drei U-Bahn- und mehrere Busstationen entfernt.

Ein halbes Dutzend Schüler hat Sport inzwischen als Prüfungsfach abgewählt. Sie hatten sich immer wieder in die Sportkurse anderer Klassen eingeklinkt, um damit für ihre Sportaufgaben zu trainieren. Diese Trainingsmöglichkeiten fallen nun flach. Doch Steinke klingt da ziemlich entspannt. „Das sind Schüler, die sich in anderen Fächern mehr ausrechnen als im Sport.“ Klassische Sportler brauchen keine Zusatzkurse an der Schule, die sind im Sportverein.

Natürlich schieben Schüler Frust, „aber den großen Aufschrei wegen der belegten Halle hat es noch nicht gegeben“, sagt Steinke. Die Flüchtlinge werden von den Jugendlichen in ihrer Not wahrgenommen, schon bald bildeten Schüler einen „Kreis Flüchtlinge“. Sie sammeln für die Menschen, der Schulsprecher ist regelmäßig in der Turnhalle.

Aber auch für Steinke läuft der Countdown, bis die Phase der relativen Entspannung in zunehmende Verzweiflung übergeht. Was passiert denn, wenn auch die Sporthalle am Kölner Damm mit Flüchtlingen belegt wird? „Dann“, erwidert Steinke, „müssen wir dem Schulträger sagen, dass wir unseren Schulauftrag nicht mehr wie vorgeschrieben abarbeiten können.“

Seite 1 von 2 Artikel auf einer Seite lesen

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben