GEW-Tagung : Lehrer beschäftigen sich mit "Deutschenfeindlichkeit"

Eine Tagung der Lehrer-Gewerkschaft beschäftigte sich mit dem Phänomen der Deutschenfeindlichkeit an Problemschulen. Sprüche gibt es schon in Grundschulen.

Anne-Sophie Lang
Deutsche sind an einigen Schulen in der Minderheit.
Deutsche sind an einigen Schulen in der Minderheit.Foto: dpa

Berlin - Schon der Titel der GEW-Tagung war vorsichtig gewählt: „Der Streit um die sogenannte Deutschenfeindlichkeit“. Über gemobbte deutschstämmige Schüler an Brennpunktschulen wird derzeit heftig diskutiert; die Lehrer-Gewerkschaft trug dem am gestrigen Sonnabend mit einer Tagung zu diesem Thema Rechnung. Mit dem Wort, das die Debatte prägt, wollte allerdings fast niemand der etwa 70 Teilnehmer etwas zu tun haben.

„Ich bin unglücklich über den Begriff Deutschenfeindlichkeit“, sagte etwa Mechtild Unverzagt, Lehrerin an der Otto-Hahn-Gesamtschule in Britz. Sie schilderte den Alltag an einer Schule, an der über 80 Prozent der Schüler aus Migrantenfamilien stammen: „Grundsätzlich wird alles gemobbt, das anders ist“, sagte Unverzagt, „das ist eine Mehrheiten-Minderheiten-Geschichte.“ Deutsche Schüler würden darum bitten, in der großen Pause alleine im Klassenraum bleiben zu können, um nicht auf den Hof zu müssen. Sie hätten „teilweise von der Kita an gelernt, sich unsichtbar zu machen“. Dabei betreffe ein solches Mobbing aber auch Schüler mit Migrationshintergrund – wenn sie leistungsbereit seien. Die Problemschüler „greifen die an, die sich regelkonform verhalten“, berichtete Unverzagt. Das bringe die Anerkennung, die ihnen in der Schule sonst fehle: „Wenn es denn mal sogenannten Unterricht gibt, erleben sie da die Misserfolge.“ Hintergrund der Probleme seien nicht unterschiedliche Nationalitäten, sondern unterschiedliche soziale Schichten. „Diese Menschen eint ihre Perspektivlosigkeit“, sagte auch Michaela Ghazi, Lehrerin an der 7. Integrierten Sekundarschule in Wittenau.

Sprüche gegenüber deutschen Schülern fallen bisweilen schon in der Grundschule – etwa „Schweinefleischfresser“, berichtete eine Lehrerin an einer Neuköllner Grundschule, die nicht namentlich genannt werden möchte. Sie beobachtet, dass muslimische Schüler zunehmend religiös argumentieren: „Früher hieß es zum Beispiel: Das macht man nicht“, sagte die Lehrerin, „heute ist das dann ,haram’, also im Islam verboten.“

„Lehrer müssen interkulturell geschult werden“, forderte die türkischstämmige Politikwissenschaftlerin Pinar Cetin. Viele Lehrer wüssten zu wenig über die Herkunftsländer ihrer Schüler. Musa Özdemir, Lehrer an der Sekundarschule Skalitzer Straße, stimmte ihr zu: „Meine Kollegen sind in vielen Fragen nicht sensibel.“ Er werde oft von Schülern gebeten zu vermitteln. Etwa, als eine Lehrerin im Unterricht eine Schülerin mit Kopftuch ignorierte – mit der Begründung: „Du heiratest doch sowieso bald.“ Die Lehrer würden in ihrer Ausbildung zu wenig auf die Realität vorbereitet. Ablehnung erführen migrantische Schüler darüber hinaus täglich, etwa an der Diskotür. Die würden sie dann zurückgeben: Schimpfwörter wie „Kartoffel“ fallen auch an der Skalitzer Straße.

Deutschenfeindlichkeit, da waren sich die Diskutanten einig, sei das aber nicht – vielmehr der Versuch benachteiligter Schüler, Stärke zu demonstrieren. „Sie haben nicht die Chance auf den Glanz der Anerkennung, den jeder braucht“, sagte Wilfried Seiring, ehemaliger Leiter des Landesschulamtes. „Sie sind die ,Loser’ der Gesellschaft.“

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