Griechisch : Alice im Land der Kugelmenschen und Philosophen

Eine 14-Jährige hat an der Humboldt-Universität die Prüfung zum Graecum bestanden. Ihr Großvater hat sie unterrichtet.

Daniela Martens
Alice
Alice Brandt -Foto: Thilo Rückeis

Am Anfang waren alle Menschen kugelrund und hatten vier Arme und vier Beine. So zumindest erzählt es der griechische Philosoph Platon in seinem Werk Symposion. „Das Buch ist total lustig“, sagt Alice Brandt nachdem sie die Geschichte von den Kugelmenschen zu Ende erzählt hat. Sie hat es im Original gelesen, auf Altgriechisch. Als Vorbereitung für das Graecum an der Humboldt-Universität. Zu Beginn der Sommerferien hat sie die Prüfung bestanden bestanden: Während ihre Klassenkameraden von der Albert-Einstein-Oberschule in Britz schon die Ferien genossen, ging sie an der Uni ins mündlichen Examen und schrieb die Klausur: Sie gab als erste ab – vor den Studenten. Dabei ist Alice Brandt erst 14 Jahre alt.

Die Geschichte von Alice im Land der Kugelmenschen, Philosophen und altgriechischen Schriftzeichen begann vor vier Jahren, ebenfalls in den Ferien. Alice war bei ihrem Großvater Reinhard Brandt in Marburg zu Besuch, die beiden saßen beim Essen. Die damals Zehnjährige packte einen Hähnchenschenkel mit beiden Händen und sagte: „Guck mal, ich esse wie ein Barbar.“ Ob sie denn wisse, woher das Wort komme, fragte der Großvater. Damals wusste sie es noch nicht. Also holte Brandt ein altgriechisches Lexikon aus dem Regal.

Alice wollte keine „Barbarin“ sein

„Barbaros“, so erklärte er ihr, waren im alten Griechenland alle Menschen, die nicht Griechisch sprachen. Alice wollte keine „Barbarin“ mehr sein. Und so entstand „die kleinste Universität der Welt“, wie ihr Großvater sagt, ein emeritierter Philosophieprofessor. Eine „Fernuniversität“, die per Postkarte funktionierte: „In der Nacht singen die Elefanten für die Berliner“, stand da zum Beispiel auf Griechisch – und Alice sollte es übersetzen. Großvater und Enkelin telefonierten vier Jahre lang jeden Tag. „Es war so etwas wie unser Geheimclub“, sagt Reinhard Brandt. „Wir haben uns in dieser Zeit erst richtig kennengelernt“, sagt Alice.

Sie wurde seine letzte Studentin – und lernte nicht nur die griechischen Buchstaben, Wörter und Deklinationen von ihm, sondern auch das Philosophieren – über Platons Verständnis der Liebe zum Beispiel oder über Sokrates’ Moralvorstellungen: „Er hatte total eigenartige Ansichten“, erklärt Alice. Aber sie lasen auch gemeinsam „Areios Poter“ – Harry Potter ins Altgriechische übersetzt. „Es waren tolle Stunden, Alice zu unterrichten“, sagt Reinhard Brandt. „Sie hat alles immer so schnell verstanden und nie nachgelassen.“ Alice war vor allem begeistert, dass sie etwas konnte, das „andere in meinem Alter noch nicht können. In der Schule lernt sie „nur“ Englisch, Französisch und Italienisch. Schließlich hatte Reinhard Brandt die Idee, Alices Kenntnisse „öffentlich zu besiegeln“ – mit dem Graecum. „Ich wollte mal schauen, auf welchem Niveau ich bin“, sagt Alice. Auf einem sehr hohen, stellte sich heraus.

Dabei ist sie eigentlich nicht der typische Bücherwurm: Im letzten Schulzeugnis hatte Alice einen Notendurchschnitt von zwei, sie treibt viel Sport: Badminton, Tanzen, und sie hat sogar schon an den Berliner Leichtathletik-Meisterschaften teilgenommen. Später will sie Meeresbiologin werden, Fische und Quallen findet sie noch interessanter als Platon und Sokrates.

Aber Brandt hat noch eine zweite Chance, um aus einer Enkelin eine Altphilologin zu machen: Alices Cousine ist erst zwei Jahre alte. „Die weiß noch nicht, was ihr blüht“, sagt er und lacht. 

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