Schule : Groß geworden, der Kleine

Der Clio ist kräftig gewachsen und sieht dynamischer aus als sein Vorgänger – wir wollten wissen, wie sich der Renault im Alltag einer Familie schlägt

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Früher war ja bekanntlich nicht nur alles besser, früher war auch vieles kleiner. Das fängt bei den Menschen an und hört bei den Autos nicht auf. Die Menschen, ja, kleiner waren sie wohl, aber… Kommen wir zu den Autos. Die waren auch kleiner. Mit jeder Generation jedoch wachsen sie in allen Dimensionen als hätten die Entwickler ständig einen Blasebalg in der Tasche, mit dem sie die neuen Modelle immer noch ein bisschen mehr aufpusten.

So ist es auch dem Renault Clio ergangen. Der Kleinwagen aus Frankreich misst in der neuesten Version stattliche 3,99 Meter. Er ist damit 17 Zentimeter länger als sein Vorgänger-Modell und nur noch zwanzig Zentimeter kürzer als ein Golf, der eigentlich eine Klasse höher spielt. Und da man es bei Autos mit nüchternen Zahlen und Fakten zu tun hat, darf man sich durchaus die Frage stellen, ob es gut ist, wenn Autos immer größer werden. Ob sie allein dadurch vielleicht besser sind als früher.

Die Passagiere des neuen Clio jedenfalls werden das mit einem eindeutigen „Ja“ beantworten. Setzt man sich in das Auto, das als Drei- und Fünftürer erhältlich ist, so genießt man eine wirklich großzügige Bein- und Kopffreiheit. Wenn es sich auf den vorderen Plätzen zwei Erwachsene bequem machen, können hinten auch die Kinder noch mit den Beinen zappeln und mit ihren Stofftieren spielen. Das Gepäckabteil trägt seinen Namen zu Recht, weil bei 288 Litern Volumen tatsächlich einiges hinpasst. Drei Kisten Mineralwasser zum Beispiel plus Wochenendeinkauf oder das komplette Gepäck für einen Familienausflug mit Übernachtung. Wer gern zum Baumarkt fährt oder schwedische Möbel in Bausätzen transportiert, der kann die Rückbank umklappen und hat dann einen recht ordentlichen Stauraum mit bis zu 1028 Litern Fassungsvermögen, bei dem es allerdings keinen ebenen Ladeboden gibt.

Aber nicht nur die Platzverhältnisse gefallen beim neuen Clio. Er punktet auch beim Fahrkomfort. Das Fahrwerk steckt die Unebenheiten Berliner und Brandenburger Straßen ohne Murren weg und hält den kleinen Franzosen in allen Lebenslagen treu in der Spur. Dank der elektrischen Servolenkung lässt er sich spielend leicht durch die Stadt und in enge Parklücken manövrieren. Ein solches Auto punktet im Familienalltag. Die Motoren- und Windgeräusche sind solide gedämmt. Im Stand ist der Benziner sogar so leise, dass man anfangs denkt, der Motor hätte sich beim Ampelstopp abgeschaltet. Erst bei Geschwindigkeiten jenseits der 120 Stundenkilometer werden die Geräusche nachdrücklich. Aber als prächtige Reiselimousine ist der Clio ja auch (noch) nicht ausgelegt.

Der Nachfolger des Renault 5, der bereits seit 1990 auf dem Markt ist, hat in der Neuauflage natürlich auch ein neues Blechkleid bekommen. Aus den eher rundlichen Formen des Vorgängers wurden fließende Linien, die in der Heckpartie sogar auf Kanten treffen. Über die (sehr) großen Scheinwerfer laufen sie nach vor hin zum Mittelsteg des zweigeteilten Kühlers spitz zu. Damit sieht die Front sehr schnittig aus. Das Heck macht, in Verbindung mit der breiten Spur, einen kraftvollen Eindruck. So legt der Clio einen durchaus sportlichen Auftritt hin.

Wenn die Türen mit einem soliden Klacken ins Schloss fallen, lässt das auf eine ordentliche Verarbeitung schließen. Diesen Eindruck macht auch der Innenraum. Das Cockpit ist übersichtlich aus einer Mischung aus Rundinstrumenten und Digitalanzeigen gestaltet. Sicher, in dieser Fahrzeugklasse herrscht „Kunststoff-Optik“. Die hat aber beim Clio durchaus Schick. Allein die Stoffpolster enttäuschen. Sie sind zwar schön straff, bieten aber wenig Seitenhalt und die verschiedenen Muster wirken ganz klar spießig bis langweilig.

Auch bei der aktiven und passiven Sicherheitsausstattung hat der neue Clio einen deutlichen Sprung nach vorn gemacht: So verringern sich zum Beispiel dank verformbarer Karosserie-Elemente an Front, Heck und den Fahrzeugseiten die Kräfte, denen die Insassen bei einem Unfall ausgesetzt sind. Die Fahrgastzelle ist als Überlebensraum konzipiert, der verhindert, dass Baugruppen wie Motor oder Getriebe in den Innenraum eindringen können. Die Maximalwertung von fünf Sternen beim NCAP-Crashtest versprechen den Insassen hohen Schutz. Bis zu acht Airbags polstern die Passagiere überdies bei einem Unfall. Serienmäßig sind ABS und Bremsassistent an Bord. Das elektronische Stabilitätsprogramm ESP gibt es auf Wunsch. Die Bremsen gehen kompromisslos zur Sache, mitunter so bissig, dass man dem Beifahrer während der ersten Fahrstunden ein unfreiwilliges Kopfnicken abnötigt.

Die serienmäßige Ausstattung ist ebenfalls umfangreich. Es gibt einen Bordcomputer, ein höhenverstellbares Lenkrad und Zentralverriegelung mit Funkfernsteuerung. Für den kleinen Franzosen stehen vier Ausstattungsniveaus und eine lange Zubehörliste zur Wahl. Darauf stehen von der Klimaanlage, über aktives Kurvenlicht und ein Glas-Panoramadach bis hin zum schlüssellosen Zugangssystem viele angenehme Dinge, die man teilweise sonst nur in größeren Modellreihen findet. Wer davon auswählt kommt schnell auf einen stattlichen Preis. Die Basisversion gibt es allerdings für günstige 10 950 Euro.

Klein geblieben ist beim Clio auch der Durst. Er geht mit insgesamt sieben Motorvarianten an den Start. Das Leistungsspektrum reicht von 65 bis 112 PS. Die drei Dieselmotoren kommen mit durchschnittlich weniger als fünf Litern Kraftstoff auf 100 Kilometer aus. Für die Benziner sind Werte zwischen sechs und sieben Litern angegeben. Mit dem 1,2-Liter-Benziner in der 75 PS-Version, der für die Testfahrten zur Verfügung stand, ist man in der Stadt bestens gerüstet. Auf der Autobahn allerdings wünscht man sich ein wenig mehr Durchzugsvermögen. Dass der Clio da am "Gas hängt" lässt sich nicht behaupten. Überdies ist die Fünf-Gang-Schaltung ein wenig hakelig.

Trotz des stattlichen Wachstums rundum sind beim Clio die Rückspiegel klein geblieben. Hier hätten ein paar zusätzliche Quadratzentimeter der Rücksicht gut getan. Doch wer weiß, mit Fünfzehn macht man noch Sprünge - und so hat die dritte Generation eben das eine oder andere Detail, das optimiert werden kann. Von diesen Kleinigkeiten abgesehen ist der Clio ein rundum erwachsenes Auto geworden und er hat dabei den Charme des flinken, sparsamen Stadtflitzers behalten, mit dem man sich auch gern einmal zu einem ausgedehnten Trip an die Ostsee aufmacht. Noch größer muss er dafür aber nicht mehr werden, der große kleine Franzose.

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