Großer Andrang : Schulen sollen bis zu elf Parallelklassen aufmachen

Gymnasien und Sekundarschulen sollen durch Zusatzklassen den großen Ansturm auffangen. Dadurch steigen auch die Chancen leistungsschwächerer Bewerber, einen Platz an ihrer Wunschschule zu ergattern.

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An Berlins Schulen gibt es offenbar genug freie Klassenräume, um dem großen Ansturm gerecht zu werden.
An Berlins Schulen gibt es offenbar genug freie Klassenräume, um dem großen Ansturm gerecht zu werden.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Berlins Oberschulen sind auf einen großen Ansturm neuer Schüler vorbereitet. Bis zu elf Parallelklassen an Sekundarschulen und bis zu acht an Gymnasien können notfalls aufgemacht werden, falls die Kapazitäten nicht reichen. Dies geht aus einer Bezirksübersicht hervor, die dem Tagesspiegel vorliegt. Demnach gibt es maximal 12 000 Gymnasialplätze und bis zu 16 000 Sekundarschulplätze für die rund 26 000 Sechstklässler, die zurzeit öffentliche Grundschulen besuchen.

Etliche Schulen sind imstande, wesentlich mehr Klassen als sonst üblich aufzunehmen. Dies ist auch nötig, weil jetzt der große Jahrgang die Grundschulen verlässt, der wegen der vorverlegten Schulpflicht entstanden war. Zu den potenziellen „Giganten“ zählt die Ernst-Reuter-Sekundarschule in Gesundbrunnen. Hier hat der Bezirk errechnet, dass elf siebte Klassen untergebracht werden könnten. Zu den mit acht Zügen größten Gymnasien könnten die Kreuzberger Leibniz-, die Tiergartener Menzel- und die Pankower Havemann-Schule gehören. Aber auch andere Schulen erhöhen die Kapazitäten. So eröffnet das Otto-Nagel-Gymnasium in Biesdorf drei Klassen statt eine.

Die Anzahl der Klassen ist für Eltern zurzeit von elementarer Bedeutung, wenn sie sich die Chancen für ihr Kind ausrechnen wollen, an der Wunschschule zu landen. Eine zusätzliche Klasse kann etwa dazu führen, dass nicht nur Kinder mit einem Schnitt von 1,4, sondern auch noch Bewerber mit einer 1,8 oder 2,0 eine Chance haben. Deshalb gibt es jetzt Familien, die nicht ihre Lieblingsschule, sondern eine mittelmäßige, aber große Schule als Erstwunsch nennen. Damit wollen sie das Risiko minimieren, einer schlechten oder für sie abgelegenen Schule zugewiesen zu werden. Das kann dann passieren, wenn alle drei angegebenen Wunschschulen übernachgefragt sind.

„Es ist die völlige Ungewissheit, die die Familien zermürbt“, berichtet eine Mutter aus Pankow. Besonders schlimm sei das für jene Kinder, die mit ihren zwei oder drei liebsten Freunden aus der Grundschule zusammenbleiben wollten und jetzt erkennen müssten, dass es dafür keine Garantie gebe. Nicht wenige Eltern würden deshalb erstmals mit dem Gedanken spielen, eine Privatschule zu suchen.

Ein neuer Privatschulboom lässt sich zurzeit allerdings noch nicht belegen. Die Evangelische Schulstiftung sagte auf Anfrage, dass die Zahl der Bewerber nicht viel höher sei als sonst. Über eine gesteigerte Nachfrage für die siebten Klassen berichten allerdings die Königin-Luise-Stiftung in Dahlem und die Freie Kant-Schule in Steglitz. Zudem liegen laut Bildungsverwaltung acht Anträge für neue Oberschulen – zumeist Sekundarschulen – in freier Trägerschaft vor.

Ob es tatsächlich nötig ist, an Privatschulen Zuflucht zu suchen – darüber gehen die Meinungen stark auseinander. Die Bildungsverwaltung weist darauf hin, dass im vergangenen Jahr nur rund 40 Prozent der Schulen mehr Anmeldungen als Plätze hatten. Es sei also keineswegs so, dass es keine guten Schulen mit freien Kapazitäten gäbe. Selbst angeblich übernachgefragte Schulen hätten 2010/11 noch freie Plätze gehabt. Als Ausnahme mit sogar drei Bewerbern für einen Platz gilt dagegen die Sophie-Scholl-Schule in Schöneberg. Rund 30 Schulen hatten doppelt so viele oder wesentlich mehr Bewerber als Plätze, darunter die Carl-Zeiss- (Lichtenrade), Bettina-von-Arnim- (Reinickendorf) und Carl-von-Ossietzky-Sekundarschule (Kreuzberg) sowie das Beethoven- (Lankwitz), Otto-Nagel- (Biesdorf), Coppi- (Karlshorst), Schiller- (Charlottenburg), Albert-Einstein- (Britz) und Leibniz-Gymnasium (Kreuzberg).

Besonders kompliziert wird es für Kinder, die auf ein besonderes Profil oder eine besondere Sprachenfolge angewiesen sind. Wer etwa in der Grundschule ab Klasse 3 Französisch als erste Fremdsprache gewählt oder gar die Europaschule besucht hat, steht jetzt schlecht da, denn die wenigen Oberschulen, die Französisch als erste Fremdsprache weiterführen, sind fast ausnahmslos übernachgefragt. Somit stehen die Familien vor dem Problem, entweder extreme Fahrtwege oder zweitklassige Schulen wählen zu müssen, wenn das Kind kein Einserzeugnis vorweisen kann.

„Früher reichten eine 2,2 im Schnitt und ein Wohnsitz in der Nähe, um einen sicheren Platz zu haben“, sehnt sich eine ratlose Mutter nach der alten Wohnortregel. Dem widersprechen jene Familien, die früher deshalb nicht an der Wunschschule unterkamen, weil ihr Fahrweg eine Minute zu lang war – ohne Rücksicht auf Spitzenzeugnis und Eignung für das Schulprofil.

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