Grundschule : Acht Klötzchen sind schon zu viel

Grundschullehrer beklagen eklatante Defizite bei Kindern. Viele verstünden bei Vergleichsarbeiten nicht einmal die Fragen. Bildungssenator Zöllner will trotz der Kritik an den Tests für Grundschüler festhalten.

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Zoellner Foto: Mike Wolff
Bildungssenator Jürgen Zöllner -Foto: Mike Wolff

Auf Berlins Grundschulen kommt eine spannende Diskussion zu: Am 28. April beginnen die diesjährigen Vergleichsarbeiten für rund 20 000 Drittklässler, und bis dahin müssen die Kritiker für sich entscheiden, ob sie die Arbeiten überhaupt schreiben lassen oder ob sie sich gegen ihren Dienstherren stellen.

„Wir diskutieren, ob ein Boykott Sinn macht“, kündigte am Montag Jürgen Schulte an. Schulte ist Sprecher der Initiative „Grundschulen im sozialen Brennpunkt“, die in einem offenen Brief an Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) vehemente Kritik an den Vergleichsarbeiten der Drittklässler geübt haben. So weisen sie darauf hin, dass die Kinder unnötig frustriert würden, wenn sie Aufgaben bearbeiten müssten, von denen sie nicht einmal die Fragestellung verstünden.

„Es ist für unsere Kinder intellektuell nicht zu schaffen“, gab gestern auch die Leiterin der Neuköllner Sonnen-Grundschule, Renate Lauzemis, zu bedenken. Sie reiht sich damit ein in Gruppe von rund 15 Rektoren und über 1100 Lehrern, die mit ihrer Unterschrift die Ablehnung der Vergleichsarbeiten am Montag gegenüber Zöllner formuliert hatten. Lauzemis hält es für nicht machbar, dass die Grundschulen „das aufholen, was die Familien in fünf Jahren versäumt haben“. So seien die Drittklässler nicht einmal imstande, visuell acht Klötze zu erfassen, die vor ihnen lägen. Stattdessen müssten sie sie einzeln nachzählen. Lauzemis sieht darin einen Hinweis darauf, dass den Kindern weitgehend die Frühförderung gefehlt habe.

Allerdings gibt es auch Gegenstimmen – etwa aus der angesehenen Erika-Mann- Grundschule in Wedding. Rektorin Karin Babbe sieht die Schulen in der Pflicht, die fehlende Frühförderung zu kompensieren. Das sei sehr wohl möglich, seitdem Grundschulen einen Ganztagsbetrieb hätten, findet Babbe, die überdies Vergleichsarbeiten für sinnvoll hält. „Sie sind eine gute Rückmeldung“, meint die Rektorin. So erhielten die Grundschulen die Möglichkeit, die Leistungen unter den Parallelklassen zu vergleichen oder auch die Leistungen unter Grundschulen in ähnlichen sozialen Brennpunkten. So werde schnell deutlich, dass es auch in Brennpunkten Schulen gebe, die zu guten Ergebnissen kämen. Allerdings sei es wichtig, dass nicht jedes Jahr andere Aufgabentypen gewählt würden. Andernfalls könne man die Resultate nicht vergleichen.

Jens Stiller, der Sprecher der Bildungsverwaltung, kündigte an, dass die Verantwortung für die Vergleichsarbeiten von diesem Jahr an beim Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) liegen soll. Es werde daher für die geforderte Kontinuität gesorgt. Zu der Frage, ob Lehrer, die die Vergleichsarbeiten boykottieren, dienstrechtlich belangt werden, wollte Stiller sich nicht äußern.

Die Opposition sieht die Vergleichsarbeiten unterschiedlich. Während Sascha Steuer (CDU) und Özcan Mutlu (Grüne) dieses Instrument nur dann für richtig halten, wenn die Grundschulen über genügend Personal verfügten, meinte Mieke Senftleben (FDP), Vergleichsarbeiten seien in jeden Fall ein wichtiges Instrument.

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