Grundschulen : Immer mehr Schulanfänger hängen ein Jahr dran

Die Kritik am Jahrgangsübergreifenden Lernen hält an. Immer mehr Grundschulkinder bleiben ein Jahr länger in der Schulanfangsphase. Probleme gibt es bei Ausstattung und Personal.

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Immer mehr Berliner Grundschulkinder bleiben ein Jahr länger in der flexiblen Schulanfangsphase (Saph). Das geht aus einer Kleinen Anfrage des bildungspolitischen Sprechers der CDU, Sascha Steuer, hervor. „Offenbar sind die Schulen mit der Jahrgangsmischung für alle Kinder überfordert“, kritisiert Steuer. Saph, das vor fünf Jahren mit dem Jahrgangsübergreifenden Lernen (JüL) eingeführt wurde, umfasst das erste und zweite Schuljahr. Kinder können ein drittes Jahr in der Saph verweilen, ohne dass dies als Sitzenbleiben gewertet wird. Im Schuljahr 2007/08 verweilten 4,5 Prozent der Schüler in der Saph, 2008/09 waren es 5,8 Prozent. Dieses Jahr ist die Zahl der Verweiler auf 6,7 Prozent gestiegen. Allerdings ist die Zahl der Schulen gestiegen, die JüL umsetzen.

Uta Schröder vom GEW-Schulleiterverband sagte, die höhere Verweiler-Quote liege „an der personellen und materiellen Ausstattung von JüL“. Gemeinsames Lernen brauche mehr Lehrer und Erzieher. Es gebe jedoch viele Eltern, die das dritte Jahr auch als Chance begriffen. Die Kinder hätten Zeit, in Ruhe die Grundlagen fürs Lesen und Schreiben zu lernen.

Auch Inge Hirschmann vom Grundschullehrerverband sagte, bei JüL müsse nachgebessert werden. Sie warne jedoch vor „Schnellschüssen“ gegen die laufende Reform. Man brauche genauere Vergleichsinformationen – etwa, wie viele Kinder zurückgestellt wurden, als es die Vorklassen noch gab. Sie gehe außerdem davon aus, dass unter den Verweilern viele Kinder arm seien. „Diese Kinder müssen erheblich mehr gefordert und unterstützt werden“, sagte sie.

Aus der Anfrage geht auch hervor, dass momentan noch 35 von 375 Grundschulen in Berlin kein JüL eingeführt haben. Darunter sind neben Schulen, die etwa wegen Raumproblemen gewartet haben, auch Schulen, die sich weiterhin gegen die flächendeckende JüL-Einführung wehren. „In bestimmten Bezirken ist es kein geeignetes Instrument“, sagte etwa Martina Sonnenberg, Leiterin der Neuköllner Hugo-Heimann-Grundschule. Viele Kinder könnten nicht einmal einen Stift halten und seien mit selbstständigem Lernen hoffnungslos überfordert. Das Verweil-Jahr ersetze dabei nicht das frühere Vorklassen-Jahr, in dem derlei Techniken spielerisch gelernt werden konnten.

Von der Senatsbildungsverwaltung hieß es, die Schüler seien jünger als früher, auch die geringe Zahl von Rückstellungen begründe die Zahl der Verweiler. Im Gegensatz zum Sitzenbleiben demotiviere das Verweilen die Schüler jedoch nicht. Die Zahl zeige, dass Eltern und Schüler die Maßnahme des Verweilens zunehmend nutzten – nicht, dass das Konzept JüL versagt habe. Patricia Hecht

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