Grundschulreform : Altersgemischte Klassen bleiben umstritten

Lehrer warnen vor den Folgen des Jahrgangsübergreifenden Lernens: Wenn Erst- und Zweitklässler zusammen unterrichtet werden, geht der Überblick verloren, lautet ihre Kritik. Der Senat will aber an der Grundschulreform festhalten.

Susanne Vieth-Entus

Durch die hohe Rate der Sitzenbleiber in der Schulanfangsphase fühlen sich die Gegner des Jahrgangsübergreifenden Lernens (JüL) bestätigt. Die Methode sei zu kompliziert, überfordere Lehrer und Schüler, lautet die nüchterne Bilanz vieler Schulen, seitdem rund zwei Drittel von ihnen die Altersmischung in den ersten ein, zwei oder sogar drei Klassen umgesetzt haben. Die Bildungsverwaltung hält jedoch an der Reform fest, die 2004 im Schulgesetz verankert worden war.

„Es gibt ein differenziertes Echo“, berichtet Erhard Laube, Abteilungsleiter in der Bildungsverwaltung. Es gebe zwar kritische Stimmen, aber auch frühere Skeptiker, die inzwischen von den Vorzügen von JüL überzeugt seien. Laube warnt davor, die jetzt bekannt gewordene hohe Sitzenbleiberquote der Zweitklässler und die Einführung von JüL in direkten Zusammenhang zu setzen.

Wie berichtet, musste im vergangenen Jahr jeder sechste Schüler ein drittes Jahr in der eigentlich zweijährigen Schulanfangsphase verbleiben. Der betreffende Jahrgang war jedoch nur etwa zur Hälfte jahrgangsgemischt unterrichtet worden. Fachleute sehen als Hauptgrund für die hohe Wiederholerquote deshalb nicht JüL, sondern das frühere Einschulungsalter sowie den Verzicht auf Rückstellungen bei fehlender Schulreife.

JüL-Kritiker bestreiten nicht, dass es viele Gründe für die Verzögerungen bei der Vermittlung des Unterrichtsstoffes gebe. Allerdings kritisieren sie, dass man es den Lehrern jetzt „künstlich“ schwer mache: Das parallele Unterrichten von Erst- und Zweit-, manchmal auch Drittklässlern führe letztlich dazu, dass die Schüler in kleinen Gruppen für sich allein arbeiteten, ohne dass ihnen systematisch etwas erklärt werden könne.

So bemerken manche Lehrer offenbar nicht, wenn den Kindern große Teile des Stoffes fehlen. „Ich war entsetzt, als ich meine eigene JüL-Gruppe in der dritten Klasse als Lehrerin bekam“, berichtet eine Pädagogin, die zunächst begeistert war von JüL, jetzt aber die Reform gern zurückdrehen würde.

Rosemarie Stetten kennt derartige Berichte, lässt sich davon aber nicht beirren. Die Leiterin der Kreuzberger Charlotte-Salomon-Grundschule unterrichtete im Rahmen eines Modellversuchs seit 1999 nach der neuen Methode. Sie glaubt, dass die schlechteren Leistungen der Schüler nichts mit JüL, sondern etwas mit den veränderten sozialen Begingungen zu tun haben. Stetten ist sicher, dass JüL „die richtige pädagogische Idee ist“.

Stetten lässt sich auch nicht von unzufriedenen Eltern irritieren, die schier verzweifeln über die „Zettelwirtschaft“ ihrer Kinder: Anstatt eine Fibel durchzuarbeiten, bekämen die Kinder Tag für Tag Arbeitsblätter für ihr jeweiliges Lernniveau. Laut Stetten sollte JüL auch ohne Unmengen an Arbeitsbögen funktionieren.

In einem Punkt musste Stetten ihre Erwartungen jedoch etwas herunterschrauben: Zu Beginn des Modellversuchs seien die Vergleichsarbeiten besser ausgefallen als heute. Das liege wohl daran, so Stetten, dass zunächst vor allem bildungsbewusste Eltern ihre Kinder gezielt in die JüL-Klassen gegeben hätten. Jetzt wären eben Kinder aus allen Schichten dabei.

Die Jahrgangsmischung wird zurzeit an 250 von 363 Grundschulen praktiziert. Einige Grundschulen haben über 2009/10 hinaus um Aufschub gebeten, die übrigen starten nach diesen Sommerferien. Aufschub wird nur gewährt, wenn es räumliche oder personelle Engpässe gibt. Zweifel an der Richtigkeit der Methode werden nicht als Grund akzeptiert.

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