Gymnasiasten mit Migrationshintergrund : Starthilfe für Überflieger

Das Albrecht-Dürer-Gymnasium mitten in Neukölln ist für seine besonderen Förderangebote bekannt. Wie sich Gymnasiasten aus Neuköllner Einwandererfamilien auf Studium und Beruf vorbereiten.

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Nima ist 16 und will Neurologe werden: Ihn fasziniert das Gehirn.
Nima ist 16 und will Neurologe werden: Ihn fasziniert das Gehirn.Foto: Mike Wolff

Die Sache mit dem Notendurchschnitt ist Ranya ein bisschen peinlich. „Es kann wirklich noch schlechter werden“, sagt sie und lacht. Nicht, dass dann in der Zeitung steht, sie werde ganz sicher ein Abitur mit 1,2 machen, und dann schafft sie es doch nicht. 1,2 ist ihr Notendurchschnitt nach dem ersten Semester der Oberstufe; und tatsächlich hofft Ranya, dass ihre Noten bis zum Abitur noch besser werden, damit es klappt mit dem Medizin-Studienplatz an der Charité. Ranya weiß schon lange, was sie will: in der medizinischen Forschung arbeiten.

Die 17-Jährige besucht das Albrecht-Dürer-Gymnasiums in Neukölln, eine Schule mitten im sogenannten sozialen Brennpunkt. Der U-Bahnhof Neukölln ist nur wenige Schritte entfernt, die meisten Schüler kommen aus türkischen oder arabischen Familien; nur etwa 15 Prozent haben deutsche Eltern. Das kann im Schulalltag Probleme geben. Aber das Dürer-Gymnasium ist nicht für seine Konflikte bekannt; sondern für die Begabtenförderung, die Schnellläuferklassen und das breite außerschulische Angebot.

An diesem Tag im Februar ist für alle Schüler der Oberstufe Speed-Dating statt Unterricht angesagt. Es ist Berufs- und Studieninformationstag, und in der Aula bringt Mitja Müller, Fellow von Teach First an der Neuköllner Schule, die Schüler mit Studenten verschiedener Fachrichtungen zusammen: Lehramt, Soziologie, Medizin, Informatik, Umwelttechnik, Erziehungswissenschaften, Arabistik. 20 Minuten Zeit haben die Schüler, Fragen zu stellen, dann geht es weiter zum nächsten Studiengang. „Jeder sucht sich auch mindestens ein Fach, über das er noch nichts weiß“, ruft Müller. Der größte Andrang herrscht bei Lehramt und Medizin. Der 16-jährige Nima hat vor dem Studenten mit dem Schädelknochen und den medizinischen Fachbüchern Platz genommen. „Das Gehirn fasziniert mich“, sagt der Sohn einer iranischen Arztfamilie, der in Deutschland geboren und zweisprachig aufgewachsen ist. „Ich will auf jeden Fall Medizin studieren und Neurologe werden.“ Die einzige Alternative, die er sich vorstellen könne, sei Philosophie oder Politikwissenschaft.

Auch Ranya ist in Deutschland geboren, auch sie spricht perfekt und akzentfrei Deutsch. Ihre Eltern stammen aus dem Libanon, nach dem Abitur will Ranya dort ein Jahr bei ihrer Großmutter leben. Dann will sie Medizin studieren, vielleicht auch Biochemie – Hauptsache Naturwissenschaft. „Das hat mich schon als Kind interessiert“, sagt die 17-Jährige. Mathematik und Physik hat sie als Leistungskurse belegt, ihr Berufspraktikum in der 10. Klasse machte sie im Krankenhaus. Danach hat sie sich im „Club Lise“ angemeldet, einem Mentorenprojekt der Humboldt-Universität für Schülerinnen mit Migrationshintergrund. Spätestens nach den Besuchen in den Labors der Uni wusste sie: „Ich will unbedingt in die Forschung.“ Ranya hofft auf ein Stipendium, denn ihre Eltern können ihr ein Studium nicht finanzieren. „Aber sie unterstützen mich, so gut sie können“, sagt sie.

Mentorenprojekte wie der Club Lise begleiten gezielt Schülerinnen und Schüler aus Einwandererfamilien beim Einstieg in das Berufsleben. „Viele der nichtdeutschen Eltern wissen nur wenig über das deutsche Schul- und Ausbildungssystem“, sagt Mitja Müller. Folglich können sie ihren Kindern nur wenig bei der Studien- und Berufswahl helfen. Diese Lücke wollen Schule und Mentoreninitiativen schließen. „Der Bedarf ist riesig“, sagt Jane Daffy, die das Mentorenprojekt „Hürdenspringer“ koordiniert. Einmal pro Woche kommt sie ins Dürer-Gymnasium, um Jugendliche zu beraten; außer dem Mentorenprogramm bietet Hürdenspringer auch zweitägige Bewerbungstrainings für Schüler an.

Dafür wird sich die 20-jährige Izieh demnächst anmelden. Wie ihre Freundin Ranya besucht sie die zwölfte Klasse, auch Izieh will sich nach dem Abitur um einen Studienplatz für Medizin bewerben. Sorge macht ihr, dass sie bald schon 21 wird, „das Alter ist schon ein Problem“, sagt sie. Izieh wurde in Berlin geboren, lebte aber die ersten neun Jahre in Jordanien. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, kam sie nach Berlin zurück, besuchte ein Jahr lang eine Förderklasse. Am Ende des Jahres sprach sie perfekt Deutsch, kam direkt in die 3. Klasse und später aufs Gymnasium. Wer heute mit ihr spricht kommt nicht im Traum darauf, dass sie erst mit neun Jahren Deutsch gelernt hat.

Anders als Ranya, Izieh und Nima sind Ebru, 17, und Ebru, 17, noch nicht ganz sicher, was sie studieren wollen. „Irgendwas im Erziehungsbereich“, sagen beide und lachen wegen der vielen Gemeinsamkeiten zwischen ihnen – gleicher Name, gleiches Alter, gleiche Interessen. Die Freundinnen haben sich bei Jane Daffy für das einjährige Mentorenprogramm angemeldet. „Viele Fächer und Berufe kennen wir ja noch gar nicht“, sagen sie. Und weil sie auf dem zwölfjährigen Zug zum Abitur sind, bleibt ihnen ein Jahr weniger Zeit für die Entscheidung. Ebru und Ebru haben noch eine weitere Gemeinsamkeit: Sie werden jeweils die ersten aus ihren Familien sein, die eine Universität besuchen. Beide lächeln: „Das ist schon eine besondere Motivation.“

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