Gymnasium : Der andere Weg zum Abitur

Die Beruflichen Gymnasien werben mit besonderen Schwerpunkten – Zehntklässler können sich jetzt anmelden. Die Anforderungen an die Schüler sind dieselben wie an traditionellen Gymnasien.

Patricia Hecht
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Besonders faszinierend sei die Komplexität des menschlichen Genoms gewesen, sagt Julia Krawczyk; zu merken, dass in etwas so Winzigem so viele Informationen stecken können. Die 21-Jährige hat 2008 den Landeswettbewerb „Jugend forscht“ mit einer Arbeit über genetisch bedingte Krankheiten gewonnen. Sechs Monate hat sie während ihres 13. Schuljahrs an der Emil-Fischer-Schule, einem Oberstufenzentrum (OSZ) in Reinickendorf, auch am Institut für medizinische Genetik des Virchow-Klinikums geforscht. Nebenher hat sie am OSZ ihr Abi gemacht - und mit der Note 1,5 bestanden.

An insgesamt 15 Oberstufenzentren können Berliner Schüler Abitur machen. Entgegen verbreiteter Vorurteile sind sie dabei, wie das Beispiel Julia Krawczyk zeigt, nicht unbedingt schlechter als ihre Altersgenossen an traditionellen Gymnasien. Die Anforderungen sind dieselben: „Auch bei uns legen die Schüler die zentralen Abiturprüfungen ab“, sagt Dagmar Gräf von der Emil-Fischer-Schule. An den beruflichen Schulen innerhalb der OSZ machen die Schüler also auch kein Fachabitur, wie häufig angenommen wird, sondern die Allgemeine Hochschulreife.

Im Unterschied zu herkömmlichen Gymnasien können hier jedoch Leistungsfächer wie Bautechnik, Wirtschaftswissenschaften, Ernährungslehre oder Psychologie gewählt werden. „Von diesem Wissen profitieren die Abiturienten, wenn sie eine Ausbildung oder ihr Studium beginnen“, sagt Martin Wuttke, Leiter des beruflichen Gymnasiums am OSZ Banken und Versicherungen in Moabit.

Voraussetzung, um an Oberstufenzentren Abitur zu machen, ist der qualifizierte mittlere Bildungsabschluss. Auch der Weg über eine einjährige Berufsfachschule ist möglich. Neben den berufsspezifischen werden die üblichen allgemeinbildenden Fächer wie Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen unterrichtet. Der Weg zum Abitur dauert drei Jahre. Auch nach der Schulreform, bei der die normalen Gymnasien auf zwölf Jahre verkürzt werden, gehen die Schüler hier insgesamt dreizehn Jahre zur Schule.

Ein Drittel der Schüler am OSZ Banken und Versicherungen komme aus den Realschulen nach der zehnten Klasse, ein Drittel aus den Berufsfachschulen und ein Drittel wechsle vom normalen aufs berufliche Gymnasium, sagt Martin Wuttke: „Wir holen unsere Schüler an unterschiedlichen Weggabelungen ab und führen sie dann systematisch zum Abitur.“

Die Gründe für einen Wechsel sind vielfältig: Bei einigen ist erst nach der Realschule klar, dass die schulische Laufbahn noch nicht beendet ist. Andere machen nach einigen Stolpersteinen auf dem Weg wieder Boden gut. So musste „Jugend forscht“-Siegerin Julia Krawczyk zunächst vom Gymnasium auf die Realschule abgehen – weil ihre Eltern sich getrennt hatten. „Damals war alles ein bisschen viel“, sagt die 21-Jährige. Als das Gröbste überstanden war, wollte sie jedoch Abitur machen. Krawczyk entschied sich für das OSZ Emil Fischer: „Biotechnologie als Leistungsfach war sehr interessant“, sagt sie.

Die beruflichen Gymnasien gliedern sich in vier Bereiche: Für Naturwissenschaften, Technik und Wirtschaft sind die Schulen in der Regel so ausgestattet, dass praxisnahes Lernen und Laborexperimente möglich sind. Zudem gibt es den Bereich Sozialpädagogik mit Schwerpunktfächern wie Psychologie.

Im Bereich Technik bieten etwa das OSZ Informations- und Medizintechnik (IMT) in Neukölln und das OSZ Technische Informatik, Industrieelektronik und Energiemanagement (TIEM) die Fächer Informatik oder Elektrotechnik an.

Bei den Naturwissenschaften können die Schüler an der Emil-Fischer-Schule, an der Julia Krawczyk Abitur gemacht hat, neben Biotechnologie auch Ernährungslehre belegen. Dabei wird hier etwa in der schuleigenen Bäckerei unterrichtet – „die Theorie kommt trotzdem nicht zu kurz“, sagt Abteilungsleiterin Dagmar Gräf. Für den Bereich Wirtschaft bieten etwa das OSZ Handel 1 in Friedrichshain-Kreuzberg und das OSZ Banken und Versicherungen Wirtschaftswissenschaften an. „Diese Schulen qualifizieren insbesondere für kaufmännische Ausbildungen und Studiengänge“, so Abteilungsleiter Wuttke.

Julia Krawczyk sagt, ihr sei der Unterricht an der Emil-Fischer-Schule aufgrund der kleinen Klassen und der praxisnahen Vermittlung leicht gefallen. Bald will sie studieren, „irgendwas mit Umwelt und Natur“, sagt sie. Die Vorbereitung an der Schule, glaubt sie, habe dafür auf jeden Fall etwas gebracht.

Die Anmeldefrist endet am 31 . Mai. Die meisten OSZ nehmen aber auch danach noch Schüler an. Infos: www.berlin.de/imperia/md/content/sen-bildung/bildungswege/gymnasium/wegweiser_gymnasiale_oberstufe.pdf

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