Hilde Hüttmann : Die Frau der Stunde null

Die Charlottenburger Wald-Oberschule feiert ihren 100. Geburtstag – und würdigt nun auch die Leistung ihrer Nachkriegsleiterin. Hilde Hüttmann leitete die Schule von 1945 bis zu ihrer Suspendierung 1949.

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Neubeginn. Ab 1945 war Hilde Hüttmann Schulleiterin. Foto: privat
Neubeginn. Ab 1945 war Hilde Hüttmann Schulleiterin. Foto: privat

„Ich muss etwas tun“, wird sich die Pädagogin damals gesagt haben. Als Hilde Hüttmann im Mai 1945 auf das Gelände ihrer Schule in Charlottenburg zurückkehrte, hatte der Zweite Weltkrieg dort Spuren hinterlassen: Der Boden war von Schützengräben durchfurcht, in einigen Häusern hatten sich Soldaten der russischen Besatzungsmacht einquartiert. In einer Baracke standen Kühe.

Um den Schülern wieder einen normalen Tagesablauf zu ermöglichen, sprach Hilde Hüttmann bei der sowjetische Stadtkommandantur vor. Die war zu diesem Zeitpunkt der oberste Machthaber der Stadt Berlin. Hüttmann bekam die Genehmigung, die Schule wieder aufzumachen – unter zwei Bedingungen: Es musste auch Russisch angeboten und das Schulschild musste zweisprachig gestaltet werden. Soldaten und Kühe wurden umquartiert, am 6. Juni 1945 nahm die Schule ihren Betrieb wieder auf.

Während Hilde Hüttmanns Verdienste in der jüngeren Vergangenheit jedoch vonseiten der Schule nicht gewürdigt wurden, wird ihre Leistung nun in einer aktuellen, 450 Seiten starken Festschrift zum 100. Geburtstag der Waldoberschule beschrieben. „Frau Hüttmann hat mich sehr geprägt“, sagt etwa die Autorin und pensionierte Lehrerin Eva Lüder, eine Hüttmann-Schülerin.

Eva Lüder und der zweite Autor, der ebenfalls pensionierte Lehrer Friedrich-Wolf Hodeck, haben Zeitzeugen-Aussagen zusammengetragen. Die setzen wie Mosaiksteinchen ein sehr vielfältiges Bild von Hilde Hüttmann zusammen: Sie war lesbisch und mit einer Kollegin liiert. Sie konnte sehr zugewandt sein und ihre Schüler für Bildung begeistern, aber auch sehr kühl, spröde und schwierig. Weil sie von ihren Schülern viel Disziplin und Leistungsbereitschaft erwartete, galt sie bald als männlich, ehrgeizig und streng.

Im Dezember 1949 wurde die Schulleiterin strafversetzt. Vorgeworfen wurden ihr vom bezirklichen Schulrat 13 verschiedene Vergehen – etwa, durch ihren Ehrgeiz die per Schulgesetz festgelegte „Einheitsschule“ zu sabotieren und statt dessen eine nicht gewünschte „Leistungsschule“ zu vertreten. Ihre weitere berufliche Laufbahn verbrachte Hüttmann als Lehrerin am Kant-Gymnasium.

Die Suspendierung allerdings hatte Folgen bis weit in die Nachkriegszeit. In einer Festschrift zum 75. Schuljubiläum etwa blieb Hüttmans Platz in der Bilderreihe der ehemaligen Direktoren leer. Unter der Bildlücke war zu lesen: „Doktor Hüttmann wurde vom Dienst suspendiert und damit gleichzeitig aus der bisherigen Waldschulgeschichte getilgt.“ „Ich habe mich sehr über diesen falschen Zusammenhang geärgert“, erinnert sich der Autor der Festschrift Friedrich-Wolf Hodeck.

Dass sich viele Ehemalige an der Formulierung gestört hätten, könne er gut nachvollziehen, sagt auch der Herausgeber der aktuellen Festschrift Josef Rabl. Warum genau die Leerstelle im Heft blieb und so untertitelt wurde, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. „Ich vermute, dass es damals kein Foto von Frau Hüttman gab“, sagt etwa Rabl.

Lüder und Hodeck haben nun Zeitungsartikel jener Jahre ausgewertet, mit Zeitzeugen und Angehörigen gesprochen und das Landesarchiv besucht. Wie die beiden Autoren herausarbeiten, wurde Hüttmanns Strafversetzung schon 1949 kritisch gesehen: Von den 13 vom damaligen Schulrat gegen sie erhobenen Vorwürfen sei nur einer als belastend beurteilt worden, war damals im Tagesspiegel zu lesen. Der nämlich, dass sie es ihren Lehrern gestattet hatte, Förderkurse gegen Bezahlung zu geben. Ansonsten, so wird der damalige Ausschussvorsitzende zitiert, sei Hüttmanns einzige Schuld, dass sie aus ihrer Schule eine Musterschule machen wolle – und „nicht mit dem Neid und der Missgunst ihrer Umgebung gerechnet hat“.

Hilde Hüttmann wurde 1967 pensioniert. Gestorben ist sie mit neunzig Jahren in München – sie wurde anonym begraben. Rita Nikolow

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