Hochschulen : "Wir sind spitze – in der zweiten Reihe"

Harte Konkurrenz: Christian Bode vom DAAD spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über das Ansehen deutscher Hochschulen im Ausland.

Bode
Christian Bode -Foto: DAAD

Herr Bode, angesichts der Globalisierung müssen sich Universitäten weltweit behaupten, um von überall her leistungsstarke Studierende und Forscher anzuziehen. Haben deutsche Hochschulen im Ausland einen guten Ruf?

In den meisten Ländern ja. Manchmal ist ihr Ruf dort besser als hierzulande. Aber oft zehren wir dabei von der historischen Substanz. Und es kommen ständig neue Konkurrenten nach vorn, gerade auch aus kleineren Ländern, die wir bisher gar nicht auf dem Schirm hatten.

In internationalen Rankings liegen deutsche Hochschulen nicht weit vorn. Ist das schlecht für ihre Reputation im Ausland?

Man kann ja von Rankings halten, was man will, aber „gefühlte“ Temperatur ist eben auch eine Temperatur. Außerdem ist der Befund auch nicht so falsch: Wir sind weltweit zwar noch in der Spitzengruppe, aber dort eher in der zweiten oder dritten Reihe. Unsere Hochschulen sind unterfinanziert. Außerdem findet ein Großteil der deutschen Spitzenforschung in außeruniversitären Instituten statt. Das zählt dann nicht für die Rankings. Diese Aufsplitterung unserer Forschung hat historische und vor allem föderalistische Gründe, aber mit der Logik der Sache selbst hat sie wenig zu tun. Die spräche eindeutig für mehr Integration.

Ist nicht zu befürchten, dass die Leistungen der außeruniversitären Institute verloren gehen, würde man sie schließlich in die Universitäten integrieren?

Es könnte auch genau andersherum kommen. Die amerikanischen Nobelpreisträger kommen fast alle aus den Universitäten. Die Forschungseinrichtungen brauchen genauso den ständigen Zustrom junger kritischer Köpfe, und das bieten ihnen die Unis. Außerdem heißt Integration ja nicht Auflösung.

Zieht Deutschland genug ausländische Studierende an?

Ein klares Ja. Mit rund 250000 ausländischen Studierenden ist Deutschland inzwischen drittstärkstes Gastland weltweit nach den USA und Großbritannien, knapp vor Frankreich und Australien. Aber es gibt auch Warnzeichen: Die Erfolgsquote der Ausländer ist zu gering, die Bewerbungen stagnieren und die Kapazitäten werden knapp, denn jetzt kommen auch stärkere deutsche Jahrgänge auf die Hochschulen zu. Demgegenüber betreiben unsere Hauptkonkurrenten weiter eine offensive Rekrutierungspolitik, bauen ihre Kapazitäten für internationale Studierende aus, nehmen allerdings auch ordentliche Gebühren. Es wird schwierig werden, unseren jetzigen Platz zu halten oder gar auszubauen.

Ist Deutschland für ausländische Studierende durch die neuen Studiengänge Bachelor und Master attraktiver geworden?

Ja, das sind immerhin international bekannte Abschlüsse. Unser „Diplom“ wurde im Ausland oft missverstanden und unterbewertet. Mit den Masterstudiengängen haben wir jetzt außerdem für Ausländer einen besseren Einstieg in unser System. Hier wird auch in Zukunft die Hauptnachfrage liegen.

Die Deutschen selbst üben viel Kritik am Bachelor.

Da bin auch ich weniger glücklich. Die deutschen Hochschulen haben sich wie von Geisterhand gesteuert ohne Not zumeist auf dreijährige Studiengänge festgelegt, obwohl vier Jahre, wie in den USA, auch zulässig und vielfach besser gewesen wären. Gleichzeitig verkürzen wir auch noch die Gymnasialzeit um ein Jahr. Da droht viel auf der Strecke zu bleiben, was bisher zu den Stärken unserer Hochschulausbildung gehört hat: breite Grundbildung, selbstständiges Lernen, Wahlmöglichkeiten, Praktika und Auslandsaufenthalte. Völlig unverständlich ist mir, dass auch die meisten Fachhochschulen ihre gut etablierten und international anerkannten vierjährigen Studiengänge aufgegeben und damit ihr Familiensilber verscherbelt haben.

Was können die deutschen Hochschulen trotz ihrer Unterfinanzierung tun, um sich international voranzubringen?

Die Hochschulen klagen zu Recht über zu wenig Geld. Die Unterfinanzierung ist wiederholt auch von der OECD kritisiert worden, nur regt das hier niemanden wirklich auf. Es ist doch ein Unding, dass man in Deutschland offenbar immer noch über Nacht milliardenschwere Sozialausgaben, Bankenbürgschaften und Steuererleichterungen beschließen kann, aber bei den Zukunftsinvestitionen für Bildung und Forschung auf knappe Kassen verweist. Unabhängig vom Geld müssen die Hochschulen aber nach innen und außen handlungsfähiger werden und die Autonomie auch wirklich nutzen, die ihnen jetzt in vielen Ländern eingeräumt worden ist.

Wie zum Beispiel?

Die Chancen, eigene Profile zu bilden und auch eine eigene Corporate Identity zu entwickeln, sind heute größer als in den letzten 30 Jahren. Jetzt braucht es professionelle Leitungen mit Visionen und eine Verwaltung, die sich nicht als Behörde, sondern als Management versteht.

Was unterscheidet deutsche Hochschulen am meisten von denen im Ausland?

Wenn ich nur einen Aspekt nennen darf, dann ist es der viel zu geringe Stellenwert, den die Lehre bei uns hat. Symptomatisch ist die Exzellenzinitiative, die, Humboldt zum Trotz, fast ganz auf Forschung abstellt. Der Deutschen Forschungsgemeinschaft fehlt ein Pendant für die Lehre. Die Debatte um eine Exzellenzinitiative für die Lehre quält sich lustlos dahin. Die Initiative des Stifterverbandes und der Kultusminister mit je 5 Millionen Euro ist ehrenwert, aber im Volumen, pardon, fast lächerlich. Demgegenüber haben zum Beispiel die Briten in den vergangenen Jahren Hunderte von Millionen Euro in die Verbesserung der Lehre investiert.

Woran scheitert eine große Initiative für die Lehre?

Sie scheitert einerseits an der Geringschätzung des Themas, zum anderen an der Föderalismusreform. Die hat den Bund in der Hochschulpolitik ziemlich mundtot gemacht, und die Länder sind teils nicht willens, teils nicht fähig, das Vakuum auf nationaler oder gar internationaler Ebene zu füllen. Die großen Themen und große Geldsummen sind aber nun mal ohne Mitwirkung des Bundes kaum zu bewegen.

Immerhin haben Bund und Länder den Hochschulpakt verabredet, mit dem neue Studienplätze geschaffen werden.

Das bestätigt ja, was ich sage: Einerseits braucht man doch die Finanzkraft des Bundes, andererseits hat man den Bund zum reinen Zahlmeister degradiert, der auf inhaltliche Mitsprache oder Koordinierung verzichtet. Außerdem scheint der Pakt nicht richtig zu funktionieren, wenn man die stagnierenden Zulassungszahlen sieht. Bei der notwendigen Fortschreibung des Hochschulpakts für 2020 sollte der Bund sich stärker an den Öffnungsbeschluss von 1977 und an die gemeinsamen Hochschulsonderprogramme der letzten Jahrzehnte erinnern.

Inwiefern?

Mit dem damaligen Öffnungsbeschluss wurden trotz aller Unvollkommenheit immerhin mehr als eine Million zusätzliche Studierende versorgt. Dazu gab es einen national koordinierten Mechanismus, der vor allem auf die tatsächliche Zulassung, also auf die Nachfrage abstellte. Und die Sonderprogramme mobilisierten zusätzliches Geld für wohldefinierte Ziele wie Ausbau der Fachhochschulen, Erhöhung des Frauenanteils, Einführung der Juniorprofessur oder Stärkung der internationalen Dimension. Das würde auch heute noch Sinn machen.

Was noch könnte der Bund für die Hochschulen tun?

Der Bund sollte seine Zahlungen davon abhängig machen, dass die teuren Studienplätze bei Nachfrage auch komplett besetzt werden. Dafür gab es früher das Verteilungsverfahren der ZVS. Das haben die Länder jetzt mit fragwürdiger Begründung abgeschafft. Jetzt irren die Bewerber mit teuren Mehrfachbewerbungen zwischen den Hochschulen umher. Die wählen alle nur die allerbesten aus, die aber natürlich nur an einer Hochschule studieren können, und zum Schluss bleiben trotz mehrerer Nachrückverfahren Tausende von Studienplätzen frei. Das ist ebenso unerträglich wie die zähflüssigen Verhandlungen von KMK und HRK über die Umwandlung der ZVS in eine koordinierende Servicestelle. In einer solchen Situation ist schwer zu verstehen, warum der Bund nun jede Möglichkeit aus der Hand geben will, Zulassung und Abschlüsse zu regeln. Das Hochschulrahmengesetz abzuschaffen ist reine Symbolpolitik, die niemandem nutzt.

Die Fragen stellte Anja Kühne.

CHRISTIAN BODE (65) ist seit 1990 Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD).

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