Schule : Hoffnung aus der Retorte

Der neue Bravo soll Fiat retten. Er wurde in der Rekordzeit von 18 Monaten entwickelt – rein virtuell

Stefan Weissenborn

Vollmundig verkündet Markenchef Luca de Meo bei der Weltpremiere des neuen Fiat Bravo Ende Januar in Rom: „Die schwierigen Momente der Marke gehören der Vergangenheit an!“ Noch mehr: „Die Chance, die uns der Bravo gibt, müssen wir nutzen!“ Die Erwartungen, die auf dem neuen Vorzeigewagen der Italiener lasten, wiegen offenbar tonnenschwer. Der Kompakte, der in 55 Ländern verkauft wird und ab 24. März auch bei den deutschen Händlern steht, soll hierzulande noch in diesem Jahr knapp 14 000 Mal zugelassen werden. Das wären dreimal so viele wie vom absatzschwachen Vorgänger Stilo.

Hat der Bravo das Zeug dazu? Die Karosse kommt äußerst schnittig daher, das könnte einer breiten Käuferschicht gefallen. Die Gürtellinie verläuft derart nach vorn geneigt, dass die Heckpartie auf den ersten Blick fast hochgebockt erscheint. Ist sie natürlich nicht, dynamisch keilförmig ist der Bravo dennoch. Der bewusst sportliche Auftritt spiegelt sich auch in der Frontansicht wider. Wie schon beim Grande Punto gingen die Zeichner beim Entwurf des Bravo-Gesichts klar auf Maserati-Kurs: Der zweigeteilte Kühlergrill fällt fast senkrecht ab, ein kleiner Hai bleckt einen da an. Von hinten besehen inspirierte ein Blick in die Vergangenheit: Die Rückleuchten erinnern an der Bravo der ersten Generation. Ja, den Bravo gab es ja schon einmal, wenn auch als Dreitürer (im Verbund mit dem fünftürigen Brava). Der neue wird zunächst nur als Fünftürer angeboten. Lediglich über die Entwicklung eines Kombis hört man es im Konzern munkeln.

Mit dem 90-PS-starken 1,4 Liter-Benziner ausgerüstet, kommt die 4,34 Meter lange und 1,2 Tonnen schwere Karosse akzeptabel vom Fleck. Die Gänge schalten sich präzise durch. Abrollgeräusche sind kaum zu vernehmen. Etwas brüllig mault der Motor auf. Reine Absicht. Wer mehr Power will, greift auf einen der beiden Selbstzünder zurück oder wartet bis zum Herbst, wenn die neuen Turbo-Benziner T-Jet mit 120 und 150 PS an den Start gehen.

Basis des Bravo ist die weiterentwickelte Plattform des Stilo. Um das Handling zu optimieren, wurde etwa die Spur um 20 Millimeter verbreitert. Etwas gefühllos, aber besser als im Stilo, wirkt allerdings die elektrische Servolenkung. Im Innern fällt zunächst auf, wie bereit sich die Armaturentafel macht. Ein Gefühl der Enge kommt dennoch nicht auf. Die Sitze sind straff, die Verarbeitung ist okay, die Oberflächen fühlen sich gut an.

Während das Kofferraumvolumen mit 400 Litern für das C-Segment beachtlich ist, fällt die Heckscheibe bedingt durch die nach hinten zusammengezogene Karosse etwas klein aus. Die Rundinstrumente sind wie bei Alfa in Schächte eingelassen und gut abzulesen. Das gegen Aufpreis erhältliche „Blue and Me Nav“-Entertainment-System, das Fiat gemeinsam mit Microsoft entwickelt hat und erstmals im Bravo verbaut, ist äußerst praktisch. Über einen USB-Port kann es mit der eigenen Musik aus dem iPod ebenso wie mit Straßenkarten gefüttert werden, die man sich aus dem Internet laden kann. Navigationsdaten werden im kleinen Cockpitdisplay zwischen Tacho und Drehzahlmesser angezeigt. Wem das nicht reicht, der bestellt das teurere „richtige“ Navi mit gängig großem Display.

Der Bravo wurde als erstes Fahrzeug überhaupt komplett am Rechner entwickelt, und das in nur 18 Monaten. Virtuell konnte er laut Fiat mehr Tests unterzogen werden, als das mit herkömmlichen Prototypen möglich gewesen wäre. Allein 1500 Crashtests fanden im Rechner statt. Dass Fiat mit dem Fünftürer-Coupé eine Zäsur verbindet – das Wort vom „neuen Family-Feeling“ macht die Runde – symbolisiert nicht zuletzt das neue Markenschild am Kühler. Erstmals am Bravo angebracht, soll das Logo für die kommenden Modelle übernommen werden.

Über den absatzschwachen Vorgänger sagt Fiat-Pressesprecher Claus Witzeck: „Mit dem Stilo haben wir versucht, einen deutschen Italiener zu machen. Das war natürlich Quatsch.“ Als „zauberhaftes Geschöpf“ wird nun der Neue konzernintern tituliert, und so soll er ehemalige Käufer der italienischen Traditionsmarke zurückgewinnen – mit dem Design jedenfalls könnte das gelingen.

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