Schule : Ich bin so frei

Seit 20 Jahren hat das Cabriolet 9-3 Erfolg. Unser Autor hat das Geburtstagsmodell von Saab ausprobiert – in den Bergen von Südtirol

Andreas Conrad

Eine Baustelle – ausgerechnet jetzt. Noch rund 170 Kilometer bis Verona, in zweieinhalb Stunden startet der Flug nach München, aber hier auf der Bergstraße zum Mendelpass, knapp hinter Bozen, geht es nicht weiter. Und trotz Minusgraden und aufgeklapptem Verdeck wird dem Fahrer des jäh gestoppten Saab 9-3 Cabriolets plötzlich sehr heiß.

Der mitleidslos Anweisungen plappernde Kerl im Navigationssystem („In zwei Kilometern leicht rechts halten“) hatte es zu gut gemeint. Gewiss, die erste Stunde unter kristallblauem Himmel durch die Südtiroler Bergwelt war fantastisch, nur leider ein Missverständnis, führte in unerwartetem Bogen zurück zum Ausgangspunkt – nicht der Technik anzulasten, ein Studium der Bedienungsanleitung hätte es vermieden. Aber die Zeit wird nun verdammt knapp, zumal der Automat, von fremder Hand programmiert, auch das Ausweichen auf die Autostrada verweigerte und stur zur Passroute führte. Was macht man da in seiner Not? Kräftig Gas geben.

So ist die kleine Spritztour nun doch zur Testfahrt geworden, und der Saab, vor drei Jahren auf den Markt gebracht, zum 20-jährigen Cabrio-Jubiläum der Firma eigens mit einem Turbodiesel ausgestattet, kann nun wirklich mal zeigen, was in ihm steckt. 150 PS, die sind natürlich nicht so spurtstark wie der 250-PS-Benziner vom Vortagstest. Und es röhrt auch nicht so schön. Aber für die Hetzfahrt zum Flughafen sollte es genügen. Also rein in die Haarnadelkehren, die Kurven beherzt geschnitten, wo der freie Blick dies zulässt, scharf abbremsen, beschleunigen – Rallye Monte Verona. Ein seltsames Gefühl, wenn man sich sonst im Uralt-Golf oder noch älterem Briten-Roadster durch die Straßenwindungen schlängelt, immer besorgt, ja nicht von der Piste getragen zu werden. Hier dagegen scheint der Wagen fast beleidigt, wenn man selbst vor gelinden Kurven gewohnheitsmäßig auf die Bremse tritt und all die schöne Drei-Buchstaben-Sicherheitstechnik, von ESP über EBD und CBC bis zu TCS ungenutzt bleibt, ganz zu schweigen von aktiven Kopfstützen, automatischen Gurtstraffern, Gurtkraftbegrenzern, den bei Bedarf blitzartig ausfahrenden Überrollbügeln hinter den Rücksitzen oder gar der tollen, ReAxs getauften „passiven Hinterrad-Führung“ – was immer das nun sei. Nein, all dies wird heute nicht benötigt, obwohl es auch so mehr als flott durch die verschneiten Wälder und Wiesen, die menschenleeren Dörfer geht, von dem zugkräftigen, geschmeidig reagierenden, dabei im Dahingleiten fast flüsternden Dieselmotor getreulich durch alle Kurven gezogen – übrigens bei ökologisch einwandfreiem Gewissen angesichts nur langsam sinkender Tankanzeige. Auch ist dank des hypermodernen, wartungsfreien und selbstreinigenden Partikelfilters nicht zu befürchten, dass in einer bedauerlichen Heckwelle die Nadeln von den Tannen rieseln.

Aber jetzt nichts mehr. Eine Haarnadelkurve soll entschärft werden, ein Bagger hämmert sich ins Gestein, eine Planierraupe räumt auf. Ein unwillkommener Zwischenstop. Tja, wenn der nahende Abflugtermin nicht im Nacken säße, könnte man nun behaglich das schicke Gefährt genießen, über dessen Qualitäten nachsinnen oder seine Geschichte. Wenig gibt es nach zweitägiger Erprobung daran auszusetzen, dafür umso mehr zu loben. Bei Sonne von schräg hinten ist das Display des Navigationssystems nicht zu erkennen? Na, technisch vielleicht nicht zu lösen. Der Getränkedosenhalter am Armaturenbrett wirkt zerbrechlich und ausgesprochen uncool? Man kann ihn ja einfach wegklappen. Aber ansonsten hat Saab ganze Arbeit geleistet. Ein viersitziges Alltagsauto für den Sommer wie den Winter, im Design ohne jeden Schnickschnack, ebenso sportlich wie elegant, in der Ausstrahlung dynamischer, ja, auch aggressiver als der Vorgänger, aber nicht zu sehr. Keine klare Grenze zwischen innen und außen, bewusst ein gleitender Übergang, mit einer auf den Jubiläumslack „Electric Blue“ abgestimmten Farbgebung der Sitze; die Verkleidung betont hell, um auch bei geschlossenem Verdeck klaustrophobischen Attacken vorzubeugen. Und erst die Sicherheit! 35 000 Wildunfälle pro Jahr gibt es in Schweden, da ist der firmeneigene Elchtest Ehrensache, nicht mit wildem Lenkrad-Geschlenker wie seinerzeit bei der A-Klasse, sondern als Zusammenprall von Cabrio und Dummy-Elch bei hohem Tempo. Pech für das arme Tier, aber kaum Schäden an der Fahrgastzelle. Doch bei allem gegenseitigen Schulterklopfen der Saab-Leute über ihr Premium-Produkt, samt stolzer Reklamelyrik und zufriedenem Deklamieren der Verkaufszahlen – wie zaghaft hatte die schwedische Firma doch vor 20 Jahren das Oben-ohne-Terrain betreten. Der amerikanische Markt verlangte nach einem Cabrio, 1983 wurde auf der Frankfurter Automobilmesse eine Studie auf Basis des Saab 900 vorgestellt. Anfang 1986 kam der Prototyp auf den Markt, gerade mal 400 Fahrzeuge hatte man aufgelegt, reserviert für die USA – eine Fehlplanung, wie sich bald zeigte. Denn das anfangs in Finnland, seit einigen Jahren in Graz bei Magma Steyr zusammengeschraubte Schwedencabrio erwies sich als Renner, der in der Gunst der Käufer immer höher stieg. 240 000 Fahrzeuge des Saab 9-3 Cabrios wurden seither verkauft, mittlerweile in der vierten Generation, die Viertelmillion will man in dieser Saison locker schaffen. Allein in Deutschland, freut sich der hiesige Saab-Geschäftsführer Knuth Sexauer, erreichte der Cabrio-Anteil 2005 bei 5610 Neuzulassungen 42 Prozent, Tendenz kräftig steigend. Gebildet, wohlhabend, unabhängig, ohne Scheu zu zeigen, dass man nicht im Strom mitschwimmt – so beschreiben Saabs Marketing-Strategen den angesprochenen Käufertyp, führen auch gerne mal Spielfilmszenen vor, die Hollywoodstars im Saab-Cabrio zeigen, Jack Nicholson etwa, Helen Hunt, Richard Gere oder Sandra Bullock. Auch derlei löst erwünschte Emotionen aus, macht aus einem Blechspielzeug Kult – und ist prima fürs Geschäft.

Schluss mit dem Sinnieren, der Baustellenposten zeigt Grün, die Jagd über die winterliche Piste geht weiter. Leicht fassungslos starrt der gute Mann dem metallicblauen Traum nach, der oben offen an ihm vorbeihuscht. Ha, wie würde er erst staunen, wenn das Verdeck sich vor seinen Augen zusammenfaltete – ein auf Knopfdruck vor ihm abrollendes Schauspiel der elektromechanischen Kunst, das den Insassen aus der Geborgenheit einer dreilagigen, eher Coupé- als Cabrio-Gefühle weckenden Stoffumhüllung binnen 20 Sekunden in die Freiheit von Sommer, Sonne, Sonnenschein versetzt, selbst bei neun Grad minus. Und das ist, dank Windschott, kräftiger Heizung, Wollmütze, Schal und Handschuhen, ohne weiteres möglich, auf den Berg- und später den Landstraßen mit begrenztem Tempo sowieso, aber auch danach auf der Autobahn Richtung Verona. Leider noch immer 120 Kilometer bis zum Flughafen, gut eine Stunde bis zum Abflug. Aber 150 PS mit Turbolader unter der Haube, die den Saab mit seinem Automatikgetriebe in 11,8 Sekunden von null auf 100 bringen und rasch weit darüber hinaus – das muss doch zu schaffen sein ...

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben