Schule : „Ich heiße Ali, wie heißt Ihr?“

Ein Briefaustausch bringt Sechstklässler aus Kreuzberg und Schüler in einem anatolischen Dorf zusammen

Sonja Galler

„Türkei, Mardin. Wir haben Euch lieb“, hat Chamsse mit schöner Schrift auf einen Bogen geschrieben. Die Pünktchen über dem i und dem ü hat die 12-jährige Schülerin durch winzige türkische Halbmonde ersetzt.

Chamsse geht in die Klasse 6c der Galilei-Grundschule in der Friedrichstraße in Kreuzberg. Zusammen mit einer Handvoll liebevoll gestalteter Briefe ihrer 22 Klassenkameraden geht Chamsses Blatt nun auf weiten Weg in den Osten der Türkei, in das winzige Dorf Hisaralti in der Region Mardin.

Das Dorf besteht aus 75 Häusern und liegt nahe der syrischen Grenze. Seine Bewohner leben von der Landwirtschaft, auch wenn die Landschaft hier karg ist. Einen Laden gibt es im Dorf nicht. Neben der Moschee ist die kleine Schule das einzige öffentliche Gebäude. Und dort werden die Briefe aus Berlin sehnsuchtsvoll erwartet. „Viele meiner Schüler kennen noch nicht einmal die naheliegende Kleinstadt“, sagt Dorflehrer Davut. „Sie konnten es gar nicht fassen, dass ihnen Schüler aus Deutschland Briefe schicken und schreiben ‚Wir freuen uns, Euch kennenzulernen''. Das war, als hätte jemand gesagt: ‚Wir haben Euch nicht vergessen''. Das gibt Selbstvertrauen.“

Den Briefaustausch hat eine Berliner Bekannte des türkischen Dorflehrers initiiert. Er hat die beiden Schulen zusammen gebracht, obwohl sie von außen gesehen kaum unterschiedlicher sein könnten: 460 Schüler und 40 Lehrer in einem schönen Gebäude mit großem Sportplatz und Spielplätzen im Herzen Berlins, eine bescheidene Ein-Raum-Schule mit 110 Schülern, unterrichtet von zwei Lehrern, mit beschränktesten Mitteln an der türkischen Peripherie.

Aber es gibt auch eine Gemeinsamkeit: Die (meisten) Schüler, auch in Berlin, sprechen Türkisch. So kann der Briefaustausch halb auf Deutsch, halb auf Türkisch stattfinden. „In unserer Klasse liegt der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund bei 100 Prozent“, sagt der Berliner Klassenlehrer Markus Schega. „Überwiegend sind es Kinder, deren Eltern oder Großeltern aus der Türkei kommen.“ Aber auch Kinder aus Afghanistan, dem Libanon und Pakistan sind in seiner Klasse. Und für die, wie auch für ihren Lehrer, fungieren die türkischen Schüler in Berlin nun als eifrige Übersetzer und erfahren dafür – was wichtig ist – einmal Anerkennung und Wertschätzung.

Über mehrere Wochen haben sich die Schüler per Internet und Post Briefe und Fotos geschickt, einander kennengelernt und sich herzchenübersäte Sympathie bekundet: „Ich find'' Euch super!“ Denn nicht nur die Schüler in der Türkei sind bei Ankunft der Briefe aus dem Häuschen, auch in Berlin „waren die Kinder ganz begeistert und glücklich, als sie die Briefe gelesen haben. Es war dann immer ganz still und plötzlich hörte man ein Kichern oder jemand musste etwas sofort mitteilen, was er gelesen hatte“, so ihr Klassenlehrer.

„Sevgili arkadaslarim – meine lieben Freunde!“, so beginnen die meisten kleinen Briefe. Einige Schüler haben Zeichnungen oder Gedichte beigelegt. Man tauscht sich über Lieblingsfarben, Hobbys, Fußballklubs und Familien aus, vergleicht die Anzahl der Geschwister und Haustiere: „Ich habe vier Schafe, und Du?“ Kleine Ernährungstipps und Lebensweisheiten müssen sich die Berliner Schüler von den Kindern aus Hisaralti gefallen lassen: „Bitte, iss nicht so viele Süßigkeiten. Das ist ungesund.“ Ein anderer rät: „Schach hilft beim Denken!“

Beide Seiten haben auch viele Fragen: Die Kinder aus Hisaralti, die nur heißen Tee kennen, fragen sich, wie wohl das Lieblingsgetränk vieler Berliner Kinder, dieser seltsame „Ice Tea“ schmeckt. Sie wollen aber auch wissen: „Lest Ihr Bücher?“. Viele sind passionierte Leseratten und präsentieren ihre Lieblingsgeschichten von Nasrettin Hoca.

In Berlin fragt man sich: „Wie passen 110 Schüler in einen Raum?“, „Habt Ihr schon mal was Schlimmes gemacht?“ oder „Wie lang sind Eure Pausen?“

Die türkischen Kinder aus Berlin berichten stolz von ihrer Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten, können aber auch einiges zum Leben in der Türkei berichten: Viele Schüler hätten spontan eine große Sehnsucht nach der Türkei bekommen, berichtet ihr Lehrer Markus Schega. „Sie konnten zu den Briefen viel erzählen: vom türkischen Kaugummi-Eis, von wilden Katzen, den Bergen und der Sonne“. Auf die Frage, ob sie sich als Deutsche oder Türken fühlen, antworten viele Kinder „als Türken, aber wir leben hier“.

„Der Austausch gibt unseren türkischen Schülern in mehrfacher Hinsicht Selbstvertrauen“, sagt Lehrer Markus Schega. Sie freuen sich an der kulturellen Heimat und sind stolz darauf. Es gibt ihnen die Möglichkeit, sich besser zwischen den Kulturen zu verorten. Und sie können in ihrer Herkunftssprache kommunizieren.“

Bedauerlicherweise ist in regulären deutschen Stundenplänen die Türkei nur selten ein Thema, was der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir unlängst zum Anlass seines Buches „Die Türkei“ für Kinder ab 12 Jahren genommen hat.

Tatsächlich wüssten auch viele türkische Kinder, die zwar über ihre Eltern ein intensives Verhältnis zu ihrer türkischen Heimat hätten, nicht viel über die Türkei, sagt Schega. In einem kleinen Rahmen bot der Briefaustausch nun die Möglichkeit, dem entgegenzuwirken.

Auch über den Briefaustausch hinaus setzt der engagierte Lehrer, der jetzt die Schulleitung der Nürtingen-Grundschule übernommen hat, auf interkulturelle Bildung. So hat er zusammen mit der Historikerin Katja Virkus das Heimatkundeprojekt „Dürkisch – Brücken bauen zwischen Kulturen und Sprachen“ realisiert. Unterstützt durch eine türkischstämmige Lehrerin hatten die Kinder damals Schega Türkisch beigebracht. Darüber hinaus konnten sie in einem eigenen Blog von Berlin, aber auch von den Herkunftsländern ihrer Eltern berichten. Etwa von Izmir und dem Meer, das „vorne, wo es nicht so tief ist, ganz kalt und weiter hinten warm ist“. Das finde sie „komisch, aber lustig“, schrieb Iliyada in ihrem Blog. Sonja Galler

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