In der Schule Sprühen lernen : Berliner Brennpunktschulen wollen Graffiti-Unterricht einführen

Graffiti als Regelunterricht - was sich zunächst seltsam anhören mag, ist eine zugegeben ungewöhnliches Projekt, das jedoch sogar von der Politik unterstützt wird. Zehn Berliner Brennpunktschulen wollen Graffiti-Kurse anbieten und damit nicht zuletzt den Vorurteilen gegen das Sprühen entgegenwirken.

Jessica Tomala
Sprüht vor Ideen: Jurij Paderin von der Graffiti-Lobby will Schülern die Kunst des legalen Graffiti-Sprayens beibringen.
Sprüht vor Ideen: Jurij Paderin von der Graffiti-Lobby will Schülern die Kunst des legalen Graffiti-Sprayens beibringen.Foto: Theo Heimann

Schüler, die nach dem Unterricht noch länger bleiben. Ein Lehrer, der die volle Aufmerksamkeit der Klasse genießt. Eine Klausur, auf die sich Schüler gerne vorbereiten. Was klingt wie der Traum eines jeden Lehrers, hat Jurij Paderin von der Graffiti-Lobby am Dathe-Gymnasium in Friedrichshain erlebt. Im vergangenen Jahr gab er den Schülern im Kunstunterricht einen Einblick in die Graffiti-Welt – und erweckte damit auch das Interesse der Politik. Gemeinsam mit dem Berliner SPD-Politiker Ilkin Özisik plant die Lobby, Graffiti-Unterricht zusätzlich zum Regelunterricht an zehn Berliner Brennpunktschulen einzuführen. „Wir arbeiten gerade in vier Arbeitsgruppen mit Hochdruck an einem Konzept“, sagt Graffiti-Lobby-Gründer Paderin. Nach der Fertigstellung soll es im Abgeordnetenhaus vorgestellt werden.

„Es gibt viele Vorurteile gegen Graffiti, einige nennen es Farbterrorismus“, erzählt Paderin. „Graffiti ist gleich Scheiben zerkratzen und rumschmieren – wir versuchen diese Vorurteile abzubauen.“ Dafür geben die Mitglieder Workshops an Schulen, klären über die Gefahren des illegalen Sprühens auf und versuchen sie vom legalen Weg zu überzeugen. Auch Paderin hat früher in Nacht- und Nebelaktionen gesprüht: „Ich komme aus der ehemaligen Sowjetunion und habe in der DDR gelebt. Da war alles grau, deshalb musste Farbe her, auch wenn es illegal war.“ Heute setzt er sich mit den Mitgliedern der Graffiti-Lobby für die Errichtung legaler Wände in Berlin ein, damit sich Sprüher austoben können. „Wir versuchen außerdem Politiker für unsere Sache zu begeistern“, sagt Rapper AKTEone, Mitbegründer der Lobby. „Das ist nicht immer einfach, weil sie oft nur an die Schäden denken, die durch Graffiti entstehen.“

Laut Petra Reetz, Pressesprecherin der BVG, werden jährlich bis zu sechs Millionen Euro für die Entfernung bei der BVG ausgegeben. Die Beseitigung von Graffiti an Brücken und Ingenieurbauwerken kostet die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt etwa 330 000 Euro pro Jahr. „Anstatt so viel Geld in die Entfernung zu stecken, sollte die Politik das Geld in Jugendprojekte und legale Flächen investieren“, sagt Paderin. „Berlin als Tourismusstadt wirbt mit Graffiti, andererseits werden Sprüher verfolgt.“ Die Bezirksbürgermeister Matthias Köhne aus Pankow und Christian Hanke aus Mitte haben der Graffiti-Lobby in einem Brief bereits ihre Unterstützung zugesagt und sie für eine Zusammenarbeit bei ihren Bezirksschulen empfohlen

Im Graffiti-Unterricht wird nicht nur mit Farben und Schriften rumexperimentiert: „Die Schüler erfahren etwas über den geschichtlichen Hintergrund, die Verknüpfung mit Hip-Hop, wie die einzelnen Buchstaben entstanden sind“, sagt der 32-jährige Paderin. Auch Farben- und Formenlehre spiele eine Rolle. „Wenn sie die Schulräume selbst gestalten können, fühlen sich die Schüler viel wohler“, sagt AKTEone.

Diese Erfahrung hat auch Christiane Guse, Kunst-Fachbereich am Diesterweg-Gymnasium in Wedding, gemacht. „Unsere Schüler haben mit Josef Dube von der Graffiti-Lobby ihren Freizeitbereich gestaltet“, sagt Guse. Für kommendes Schuljahr plant das Gymnasium erneut eine Zusammenarbeit. Der Graffitikurs soll in den Kunstunterricht integriert werden, im Praxisteil soll die Schulfassade an der Pankstraße gestalten werden.


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