Schule : Indica - ein Inder strebt nach Europa

Tata hat das erste indische Auto auf die Räder gestellt und beginnt nun eine Koperation mit MG Rover

Ingo von Dahlern

Italien-Urlauber und Reisende in Portugal, Spanien, Malta und Großbritannien sehen manchmal Autos, die sie nicht sofort einordnen können. Tata steht da als Markenname. Eine neue Fernost-Marke? Die Richtung stimmt schon. Aber die Tata-Fabriken liegen nicht etwa in Japan, Korea, Thailand oder Malaysia, woher fast alle in Europa angebotenen Fernost-Autos kommen – Tata baut seine Autos in Indien. Und schon bald wird es Autos von Tata auch in Deutschland geben.

Nicht als erstes indisches Auto bei uns übrigens. Denn der von Suzuki in Europa verkaufte kleine Alto wird ebenfalls in Indien gebaut - allerdings bei einer anderen Marke, bei dem inzwischen zu Suzuki gehörenden Unternehmen Maruti. Und auch die Tatas, die noch in diesem Jahr nach Deutschland kommen werden, tragen kein indisches Markenzeichen, sondern treten als Rover an. Denn dem seit einigen Jahren von BMW getrennten britischen Unternehmen MG Rover fehlt ein attraktiver Kompaktwagen im Programm. Den in eigener Regie selbst zu entwickeln, fehlen bei MG Rover derzeit die Kapazitäten und vor allen auch die Zeit. Denn ein solches Auto als Nachfolger des weitgehende auf Honda-Technik basierenden Rover 25 – früher hieß er einmal Rover 200 – braucht man möglichst schnell. Und bei Tata gibt es ein Modell, das sehr gut ins Rover-Programm passen könnte – den Tata Indica.

In Genf konnnte man ihn in diesem Frühjahr sehen – einen 3,66 Meter langen, 1,63 Meter breiten und 1,50 Meter hohen Viertürer mit einem langen Radstand von 2,40 Meter, der mit seiner klaren Linie und den großen Scheinwerfern in Klarglas-Technik fast aussieht wie in Europäer. Und das ist er im Grunde ja auch. Denn seine Linie stammt aus Italien, entstand in enger Zusammenarbeit mit den Designern von IDEA in Mailand. Und wenn man auf die Technik blickt, bringt er alles mit, was man von einem zeitgemäßen Kompakten erwartet. Unter der Motorhaube des Frontrieblers mit McPherson-Federbeinen vorn und einer Vernundlenker-Hinterachse mit Servolenkung und Fünfgang-Getriebe arbeiten 1,4-Liter-Benziner mit 63 kW (PS) und ein Turbodiesel mit 52 kW (86 PS), die beide die europäische Abgasnorm EU3 erfüllen und den Indica 160 und 150 km/h schnell machen. Zur Sicherneitsausstattung gehören Front- und Seitenairbags und ABS und zur Komfortausstattung vier elektrische Fensterheber, eine Klimaanlage und CD-Radio sowie Leichtmetallräder. Und dank umklappbarer Rücksitze lässt sich der Laderaum von 220 auf 610 Liter erweitern.

Mit diesem Auto gelang Tata der Sprung auf ein technisches Niveau, das dem europäischer und fernöstlicher Hersteller ebenbürtig ist, wurde der Anschluss an Weltniveau geschafft. Kein Wunder, das dieses Auto, das in den ersten dreieinhalb Produktionsjahren bereits mehr als 200 000 Mal verkauft werden konnte, sich zu einem Exportschlager des indischen Unternehmens entwickelte. Und seine neueste Generation wird Basis für den neuen kompakten Rover sein. Und für den wechselt man nicht nur die Tata-Ebleme ggnen solche von Rover, sondern gestaltet auch das Design und das Interieur in typischem Rover Stil. Gebaut wird dieses Auto im indischen Tata-Werk in Puna – dem größten Pkw-Werk des Mischkonzerns Tata, der auf vielen Gebieten aktiv ist – bis hin zum Betrieb der ersten indischen Luxushotelkette.

Mit dem Indica erfüllte sich das Unternehmen einen schon länger bestehenden indischen Traum. Denn Indien gehört zwar zu den wenigen Atommächten auf dieser Welt, kann schwere Trägerraketen in den Kosmos schießen, verfügt über eine hochmoderne Elektronikindustrie – aber beim Automobilbau war es viele Jahrzehnte nicht erfolgreich, baute über lange Jahre auf alten europäischen Produktionseinrichtungen alte europäische Modelle nach, die von Fiat und von Morris stammten.

In den Neunzigern allerdings wurden insbesondere aus dem Unternehmen Tata Vorschläge laut, endlich ein eigenes indisches Auto auf die Räder zu stellen. Alle angesprochenen Verbände im Lande, insbesondere der Verband der Komponentenhersteller für die Automobilindustrie, winkten ab. Der Gedanke eines gemeinsamen Projekts der gesamten indischen Automobilindustrie wurde verworfen.

Das war der Anlass für Tata, dem zu jener Zeit bereits größten Nutzfahrzeughersteller des Landes, sich konsequent um die Entwicklung eine ersten echt indischen Autos zu kümmern. Die Idee des Indica war geboren. Und bereits 1995 nahm das Konzept für dieses Auto Gestalt an. Eines Autos, das speziell auf die Bedürfnisse indischer Autonutzer zugeschnitten sein sollte. Deshalb musste es kompakt sein, trotzdem einen vergleichsweise großen Innenraum bieten, bequem zugänglich sein und in allen technischen Punkten die Weltstandards erfüllen.

Eine Herausforderung, die zu einer schnellen Zusammenarbei mit europäischen Spezialisten führte. Zusammen mit IDEA in Mailand nahm der Indica zusehends Gestalt an. Und die mit seiner Entwicklung beschäftigten indischen Ingenieure, die durchweg hochmotiviert an die Arbeit gingen, lernten schnell den Umgang mit den modernsten Entwicklungtechniken.

Doch der Entwurf des Autos war nur die eine Seite des Projekts. Ebenso wichtig war die Frage, wo man den Indica produzieren würde. Denn ein Werk für diese Aufgabe war in Indien nicht vorhanden. Wie bei so vielen Projekten, half der Zufall. Denn in Australien gab es ein Nissan-Werk, das dort nicht gebraucht wurde. Um es nicht verkommen zu lassen, wurde es von Nissan jeden Tag 15 Minuten in Betrieb gesetzt. Das Ergebnis: das Werk war in einwandfreiem Zustand. Tata erwarb das Werk, baute es ab, verschiffte es nach Indien und baute es in Puna wieder auf. So kam Tata zu einem hochmodernen Werk, ohne dabei allzu große Investionen tätigen zu müssen und sich finanziell zu übernehmen.

1998 kam der große Augenblick - der Indica als erstes original indisches Auto wurde im Januar in Indien vorgestellt. Und die Weltöffentlichkeit erfuhr von dem Erfolg dieses Projekts im März auf dem Genfer Frühjahrssalon, auf dem Tata seinen Indica erstmals in Europa präsentierte.

In Indien entwickelte sich dieses Auto nach indischen Maßstäben zu einem regelrechten Bestseller. Obwohl die Gesampruktion von inzwischen knapp einer Viertelmillion im Weltmaßstab klein ist. Aber konsequente Exportbemühungen haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass der Indisca zum Beispiel nach Malta und auch nach Italien exportiert wurde. Und nun winkt mit Rover eine gewaltige Chance – ist dieses Unternehmen vielleicht der strategische Partner, nach dem man schon lange sucht?

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