Inklusion an Berliner Schulen : Hilfe per App von Geburt an

Der Beirat Inklusion geht in die dritte Runde. Die Vorsitzende Sybille Volkholz über neue Ziele und zunehmende Probleme. Ein Interview.

Sybille Volkholz, 73, ist seit 2012 Vorsitzende des Fachbeirats Inklusive Schule in Berlin. Die Bildungsexpertin war 1989/90 Schulsenatorin und 1991 bis 99 Abgeordnete der Grünen. Foto: Mike Wolff
Sybille Volkholz, 73, ist seit 2012 Vorsitzende des Fachbeirats Inklusive Schule in Berlin. Die Bildungsexpertin war 1989/90...Foto: Mike Wolff

Der Beirat Inklusion macht weiter. Ist nicht längst alles gesagt und auf dem Weg, Frau Volkholz?

Wir haben schon noch einen längeren Weg bis zu inklusiven Bildungseinrichtungen in Berlin zu gehen. Der Fachbeirat und die damit verbundenen Gesprächsforen haben sich offensichtlich als hilfreich erwiesen. Zum anderen kommen jetzt die berufliche und frühkindliche Bildung in der dritten Runde als weitere Bereiche hinzu. Die allgemeinbildenden Schulen bleiben aber zentrales Thema.

Warum?

Auch wenn die meisten Schulen schon viel Erfahrung mit der Inklusion haben, wird der gemeinsame Unterricht mit „verhaltensauffälligen“ Kindern als besondere Herausforderung empfunden. Wir sprechen von „emotional-sozialem Förderbedarf“. Dafür müssen noch mehr Lehrkräfte qualifiziert werden, um zum Beispiel Programme der Entwicklungstherapie und Entwicklungspädagogik anzuwenden. Wir brauchen auch Möglichkeiten, diese Schüler vorübergehend aus dem Unterricht herauszunehmen, ohne dass dies als Exklusion angesehen wird. Dazu können kleine temporäre Lerngruppen eingerichtet werden. Einige Schulen haben mit solchen Übergangsklassen gute Erfahrungen.

Wie muss man sich das vorstellen?

Manche Schüler brauchen schon nach der zweiten Stunde eine Auszeit. Sie gehen dann in ihre kleine Lerngruppe und zum Beispiel nach der vierten Stunde wieder in ihre Klasse. Dieses Modell hilft dabei, Kinder zunehmend in den Regelunterricht zu integrieren. Die Kinder merken, dass sich jemand gezielt um sie und ihre Situation kümmert. Nur für ganz besonders schwierige Fälle können Einrichtungen ganz außerhalb der gewohnten Umgebung vorgesehen werden. Grundsätzlich ist es die Aufgabe des Beirats, den Prozess der Umsetzung der Senatskonzepte zu begleiten, Probleme zu identifizieren und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten.

Wie schaffen wir es, dass alle Betroffenen ihre Anlaufstellen finden?

Mir schwebt eine App auf dem Smartphone vor, die den Eltern von der Geburt ihres Kindes an Antworten gibt – vor allem auf die Frage, wo sie Hilfe bekommen können.

Aber Sie wollen sich auch um die Kinder im Kitaalter kümmern. Was bedeutet das?

Die Kitas in Berlin integrieren schon fast alle Kinder mit besonderen Problemen. Wir wollen uns informieren, wie Kitas noch bessere Konzepte für die frühe Förderung entwickeln können. Ein wichtiger Punkt ist dabei, dass mehr Erzieherinnen zu Facherzieherinnen fortgebildet werden. Aber es gibt noch nicht genug Kapazitäten für die Fort- und Weiterbildungen. Auch das ist für uns ein Thema. Darum sind wir froh, dass auch Vertreterinnen der Alice-Salomon-Schule und der Universitäten im Beirat sitzen.

Und was können Sie für die Berufliche Bildung tun?

Es gibt in Berlin ein Pilotprojekt, an dem zwölf berufliche Schulen teilnehmen. Wir werden uns die Erfahrungen berichten lassen. Vor allem werden wir die Übergänge von der allgemeinbildenden Schule in die Berufsschulen speziell für die Jugendlichen mit Förderbedarf auf Verbesserungsbedarf hin prüfen.

Wie geht es weiter mit den Schwerpunktschulen, die sich um die einzelnen Behinderungsarten kümmern sollen?

Sechs davon haben wir, sechs weitere sollen jetzt folgen, in den nächsten Jahren sollen es 36 werden – pro Bezirk drei.

Es wird berichtet, dass es prozentual mehr Kinder mit geistiger Behinderung gibt als früher. Kann man das erklären?

Fundierte Untersuchungen gibt es dazu nicht, aber das Phänomen wird generell in der Kultusministerkonferenz berichtet. Eine naheliegende Erklärung ist, dass mehr Kinder, bei denen vorher der Förderbedarf „Lernen“ diagnostiziert wurde, jetzt den Bedarf „geistige Entwicklung“ zugeschrieben bekommen. Eine andere Begründung wird darin vermutet, dass durch den medizinischen Fortschritt auch frühgeborene Kinder überleben, die früher wohl gestorben wären. Insgesamt soll aber die Entwicklung der Förderbedarfe wissenschaftlich untersucht werden.

Was ist Ihr Hauptziel in dieser dritten Runde des Inklusionsbeirates?

Es geht uns darum, dass die Regeleinrichtungen von der Kita über die allgemeinbildende bis zur beruflichen Schule alle Kinder optimal fördern können und diese Aufgabe auch als selbstverständlich annehmen. Dafür müssen die Rahmenbedingungen geschaffen werden und darauf werden wir achten. Mit den „Schulpsychologischen und Inklusionspädagogischen Beratungszentren“ (SIBUZ) und den Qualifizierungsprogrammen ist damit schon ein wichtiger Schritt getan.

Zur Wahlfreiheit: Ist es volkswirtschaftlich vertretbar, wenn sich ein Schulhelfer in der inklusiven Beschulung um ein einzelnes Kind kümmert? In einer Förderschule könnte er für mehrere Schüler da sein.

Der Fachbeirat hat empfohlen, dass von der Senatsverwaltung ein konsistentes Konzept für Schulassistenz entwickelt wird. Das umfasst therapeutische, pädagogische und weitere Unterstützungsleistungen. Daran wird derzeit gearbeitet.

Motor der Inklusion in Deutschland ist Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention. Einzelne, aber ernst zu nehmende Bildungsfachleute geben zu bedenken, es sei den UN weniger um die Inklusion gegangen als darum, dass Menschen mit Behinderungen optimal gefördert werden. Alles nur ein gigantisches Missverständnis?

Im Artikel 24 ist eindeutig vom gemeinsamen Lernen die Rede. Zudem ist für mich unabhängig von der rechtlichen Frage eine gesellschaftliche Entwicklung eindeutig. Wir haben in Berlin 40 Jahre Erfahrung damit, dass Eltern ihre Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in der Regelschule gemeinsam mit anderen Kindern lernen lassen möchten. Dieser Anteil ist kontinuierlich gewachsen, und auch die Schulen haben sich zum großen Teil diesem Wunsch gestellt und machen dabei gute und engagierte Arbeit. Deshalb sind jetzt über 60 Prozent der betreffenden Kinder in der Regelschule. Die UN-Konvention gibt dieser Entwicklung einen zusätzlichen Schub. Und wir müssen dafür sorgen, dass auch die Einrichtungen, die hier noch einen Entwicklungsbedarf haben, darin unterstützt werden, das zu schaffen.

Die Fragen stellte Susanne Vieth-Entus.

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