Inklusion : Ein Hauch normales Leben

Alle lernen gemeinsam, behindert oder nicht. So einfach klingt die Theorie der Inklusion, die im Alltag häufig alle an ihre Grenzen bringt: Schulen, Lehrer, Betreuer und Eltern, die für ihre Kinder kämpfen – und für mehr Selbstverständlichkeit.

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Die zwölfjährige Sophie mit ihrer Mutter Irmgard Ochsenknecht.
Die zwölfjährige Sophie mit ihrer Mutter Irmgard Ochsenknecht.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Sophie schmiegt sich in ihre rosa Bettdecke. „Lässt du das an, Sophie?“, fragt Irmgard Ochsenknecht. Sophie antwortet nicht. Die Sonne scheint durch das offene Fenster. Der Lärm schreiender Kinder dringt herein. Sie spielen und lachen auf dem Schulhof, auf der anderen Straßenseite. „Sophie, du hast deine Socken schon wieder verloren.“ Sorgsam streift Irmgard Ochsenknecht die wärmende Wolle zurück auf Sophies leblose Füße. Erst den einen, dann den anderen, dann schiebt sie die Bettdecke beiseite. „Komm, Kopf hoch“, sagt Ochsenknecht und hebt ihre Tochter in den Rollstuhl. Unwillkürlich neigt sich Sophies zerbrechlicher Oberkörper nach vorn. Irmgard Ochsenknecht muss sie stützen. „Arme nach oben.“ Doch die dünnen Arme bleiben reglos liegen. Während es draußen vor dem Fenster zur dritten Schulstunde klingelt, zurrt Irmgard Ochsenknecht einen Gurt quer über Sophies lilafarbenen Pullover und befestigt das Mädchen in ihrem Sitz.

Zur Schule geht Sophie heute nicht. Schon seit fast einem Jahr ist das so. Die Zwölfjährige bekommt einen Platz in der Küche. Irmgard Ochsenknecht rückt einen Stuhl beiseite und schiebt den blauen Rollstuhl ihrer Tochter über die abgeschliffenen Dielen an den Tisch heran.

Im Jahr 2006 brachten die Vereinten Nationen eine Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen auf den Weg. Drei Jahre später unterzeichnete man auch in Deutschland das Papier für eine inklusive Gesellschaft. Eine, die ihre Regelschulen für alle Kinder öffnet und ihnen dort die bestmögliche Bildung zukommen lässt. Wenn alle gemeinsam lernen und keiner vom Unterricht ausgeschlossen wird, dann sprechen Experten von Inklusion. So klingt die Theorie.

In der Praxis nimmt Irmgard Ochsenknecht neben ihrer Tochter Platz und sagt: „Nicht allen Kindern werden Rechte zugesprochen.“

In Berlin werden bereits rund 40 Prozent der Schüler mit Förderbedarf inklusiv unterrichtet. Den Anteil weiter zu erhöhen ist Ziel des im vergangenen Jahr vorgestellten Inklusionskonzepts des Senats. Es sieht vor, die Zahl der reinen Förderschulen für Kinder mit Handicaps, Entwicklungs- oder Lernschwierigkeiten schrittweise zu reduzieren. Die Inklusion will das alte Modell der Integration weiterdenken. Warum soll man etwas erst auseinanderreißen, um es dann später mit viel Mühe wieder zusammenwachsen zu lassen?

Irmgard Ochsenknecht holt ein zusammengeknülltes Papiertaschentuch hervor und tupft etwas Speichel von Sophies Kinn. Der Duft frisch gepflückter Wald- und Wiesenblumen erfüllt die schmale Küche mit den gelben Wänden und umhüllt die Vase auf der gelb karierten Tischdecke. 13 Minuten Sauerstoffmangel während der Geburt haben Sophie die Kontrolle über Arme und Beine geraubt. Die Schaltzentrale in ihrem Kopf hat einen Fehler. Sophies Gehirn sendet zu wenige Befehle an die Muskeln in ihrem Körper, Mediziner sprechen von Zerebralparese.

Irmgard Ochsenknecht spricht lieber über die Chancen ihrer Tochter an einer normalen Schule. Sie spricht von Inklusion in der Theorie. „Viele sehen nicht, was Sophie alles kann“, sagt sie. Einen Hauch von normalem Leben, das ist es, was sie sich für ihre Tochter wünscht. An einem Förderzentrum wäre sie in falschen Händen. Dort lernen die Kinder den Umgang mit Geld. Sie nähen, hämmern, sägen, kochen. Bei dem Gedanken daran wird Irmgard Ochsenknecht still. Es sind die Dinge, die Sophie nicht kann, nie können wird.

Auch Claudia Schirocki redet über Inklusion, aber sie redet ganz anders. Vor vier Jahren ging es darum, für ihren Sohn Raphael einen Platz an einer Regelschule zu finden. Die resolute Frau mit dem brünetten Haar muss grinsen, wenn sie an die schwierige Zeit zurückdenkt, an die Termine bei den Schulleitern, bei der Schulaufsicht, beim Bezirksbürgermeister. „Es gab da so einige Stolpersteine aus dem Weg zu räumen“, sagt die 46-Jährige in einem beschwingten Ton, den man nur trifft, nachdem ein Kampf gut ausgegangen ist. „Seien wir ehrlich, ein Kind abzuduschen, weil es sich in die Hosen gemacht hat, gehört für viele Lehrer nicht zum Berufsbild.“ Claudia Schirocki ist stolz, dass Raphael als erstes Down-Syndrom-Kind an der Franz-Marc-Grundschule in Tegel aufgenommen wurde.

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