Integration : Lehrer beim Thema Islam noch immer ratlos

Vor einem ihrer größten Probleme stehen Berlins Lehrer weiterhin ratlos: Der lang geplante Ratgeber für den Umgang mit den rund 70.000 muslimischen Schülern in der Stadt kann auch zum kommenden Schuljahr nicht an den Schulen verteilt werden. Für die Opposition ein "Skandal".

Susanne Vieth-Entus

Vor einem ihrer größten Probleme stehen Berlins Lehrer weiterhin ratlos: Der lang geplante Ratgeber für den Umgang mit den rund 70 000 muslimischen Schülern in der Stadt kann auch zum kommenden Schuljahr nicht an den Schulen verteilt werden. Fünf Jahre nach dem Beschluss des Senats, einen Arbeitskreis „Islam und Schule“ einzurichten, und vier Jahre nach seiner Konstituierung, liegt noch immer kein verwertbares Ergebnis vor. Die Opposition spricht von einem „Skandal“.

Die sogenannte Handreichung sollte allgemeine Informationen zum Islam enthalten, auf spezielle Fragen im Schulalltag eingehen, Ansprechpartner und Probleme benennen. Der Umgang mit fastenden Schülern sollte ebenso thematisiert werden wie die Frage, ob von gläubigen Schülerinnen die Teilnahme am Schwimmunterricht erwartet werden kann. Um allen Fragen und Ansprüchen gerecht zu werden und sich nicht dem Vorwurf der Einseitigkeit auszusetzen, wurden 25 Fachleute in den Arbeitskreis geholt. Von Anfang an gab es Misstöne, weil harsche Islam-Kritiker und konservative Islam-Vertreter den Einfluss der jeweils anderen Seite gering halten wollten. Im Sommer 2008 lag die Handreichung schließlich im Entwurf vor – und fiel prompt durch.

Im Mittelpunkt der Kritik stand ein achtseitiges Interview mit dem einflussreichen und umstrittenen Imam Ferid Heider, der einer strengen Auslegung der religiösen Pflichten – auch in Schulen – das Wort redet. Johannes Kandel, der als Referatsleiter der Friedrich-Ebert-Stifung an der Handreichung mitarbeitete, forderte damals im Tagesspiegel, das Interview zu streichen oder zumindest die Person Heider adäquat vorzustellen. Andernfalls könnten die Lehrer seine Empfehlungen nicht einordnen. Özcan Mutlu von den Grünen ging noch weiter: Heider und auch der ebenfalls befragte Burhan Kesici von der Islamischen Föderation seien „die Letzten“, die er konsultieren würde.

Inzwischen hat der zuständige Referent in der Bildungsverwaltung, Reinhold Reitschuster, den Kritikern den schärfsten Wind aus den Segeln genommen: Zwar ist das Heider-Interview noch immer Teil des Handreichungsentwurfs, aber die verlangte kritische Einordnung der Person Heider ist erfolgt: Der Islamwissenschaftler Jochen Müller, der auch für die Bundeszentrale für politische Bildung tätig ist, habe die beanstandeten Passagen so redigiert, „dass man damit leben kann“, findet Kandel.

Nach Informationen des Tagesspiegels soll der überarbeitete Entwurf in den kommenden Wochen vom Arbeitskreis „Islam und Schule“ letztmalig diskutiert und dann dem Bildungssenator vorgelegt werden. Ob Jürgen Zöllner (SPD) das 100-Seiten-Papier in der jetzt vorliegenden Fassung mitträgt, wird sich dann zeigen. Dem Vernehmen nach soll auch eine Kurzfassung erstellt werden.

Für Mutlu ist es ein „Skandal“, dass Berlins Lehrer so lange auf einen fundierten Ratgeber zum Umgang mit muslimischen Schülern warten mussten. Er bleibt dabei, dass das Heider-Interview gestrichen gehört, da andernfalls „der Bock zum Gärtner gemacht wird“.

Dass die Bildungsverwaltung derart „schlafmützig“ agiere, zeige, dass sie das Thema nicht ernst nehme, findet die Bildungspolitikerin Mieke Senftleben (FDP). „Die Lehrer fühlen sich alleingelassen“, steht für den Neuköllner Abgeordneten Sascha Steuer (CDU) fest. Sie kämen an die Familien nicht heran, könnten bestimmte Verhaltensweisen mangels Hintergrundwissen nicht einordnen.

Kandel bestreitet nicht, dass es sich bei der geplanten Handreichung um ein anspruchsvolles Unterfangen handelt. Dass es allerdings über vier Jahre dauerte, sei nicht vertretbar – angesichts der immensen Probleme, mit denen die Lehrer täglich zu tun hätten.

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