Internetstudie : Vom Schulstreich zum "Cyber-Mobbing"

Die Angst vor "Cyber-Mobbing" an Schulen wächst: Schon rund 50.000 Lehrer sollen Ziel von Mobbing-Attacken via Handy oder Internet geworden sein. Schüler sind allerdings deutlich stärker betroffen als Lehrer.

Michael Draeke[ddp]

Berlin/Bremen Schülerstreiche können heute ein Millionenpublikum haben. Durch Handykameras, Chatrooms und Internetcommunities finden Drohungen und Schmähungen nicht selten grenzenlose Verbreitung. Da landen Kontaktdaten unbeliebter Lehrer in Sexchats oder Videos mit Titeln wie "Lehrerin flippt aus" auf frei verfügbaren Internetplattformen. Und gelegentlich wird es noch bedrohlicher. Es gebe Beispiele, in denen Gewalt- oder Todesdrohungen per Massen-SMS verschickt worden seien, berichtete Marianne Demmer, Vizevorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Die Lehrergewerkschaft stellte am Montag in Berlin eine eigene Studie zum Thema "Cyber-Mobbing" vor. "Alles, was die modernen Medien zur Verfügung stellen, wird heute für Mobbing genutzt", bilanzierte Demmer. Allerdings seien keineswegs nur Lehrer Opfer des Phänomens. Die Zahl der betroffenen Schüler sei vermutlich deutlich höher, vermutet sie.

50.000 Lehrer betroffen

Mangels verlässlicher Daten zum Umfang des Mobbings mit modernen Medien startete die Gewerkschaft eine Online-Befragung unter ihren Mitgliedern, an der sich 488 Lehrer beteiligten. Acht Prozent gaben an, schon einmal Opfer von Mobbing-Attacken im Internet gewesen zu sein. Und knapp ein Drittel können von entsprechenden Fällen im Freundes- oder Bekanntenkreis berichten. Nach Schätzungen der Gewerkschaft könnten etwa 50.000 der bundesweit rund 700.000 Lehrer vom "Cyber-Mobbing" betroffen sein.

Dennoch warnt Demmer vor einer "Dramatisierung" des Themas. "Schülerstreiche und Mobbing sind ein altes Thema, das nun im Internet-Zeitalter angekommen ist", sagte die Gewerkschafterin. Die Befragung habe auch gezeigt, dass das klassische Mobbing "ohne technische Hilfsmittel" immer noch ungleich häufiger auftrete. Schulen müssten sich daher klare Verhaltenskodizes geben. "Was gegen 'Cyber-Mobbing' hilft, hilft auch gegen Mobbing allgemein", erklärte die Gewerkschafterin.

Experte: "Moment der Erniedrigung wird verlängert"

Nach Schätzung von Karsten Wolf, Professor am Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften der Uni Bremen, sind auch etwa 20 Prozent der Schüler schon einmal Ziel von Beleidigungen, Bloßstellungen oder Drohungen per Internet oder Handy geworden. Die neuen Medien erleichterten die "systematische Schikanierung" von Menschen, zudem könne die Wirkung hier sowohl räumlich als auch zeitlich gesteigert werden: "Der Moment der Erniedrigung wird dadurch verlängert."

Früher sei auf den Schulhöfen soziale oder körperliche Macht ausschlaggebend gewesen, heute könne dies unter Umständen durch technische Kompetenz wettgemacht werden, sagte Wolf. Internetforen oder Webcommunitys hätten für die soziale Selbstdarstellung von Jugendlichen stark an Bedeutung gewonnen. Durch die Anonymität und den Wegfall des direkten Gegenübers fielen nicht selten die Hemmungen.

Lehrer mobben Lehrer

Sowohl die Gewerkschaft als auch der Experte sehen die Antwort auf das Phänomen in mehr Prävention. Eine stärkere Reglementierung der Internetanbieter ist aus Sicht Wolfs eher aussichtslos: "So viel Melden und Sperren können sie gar nicht, wie da hochgeladen wird". Die GEW empfiehlt den Schulen, klare Regelungen für den Umgang mit Handys oder Internet zu erlassen, die Medienkompetenz von Schülern und Lehrern zu stärken und Mobbing zu ächten. "Wir brauchen ein Bündel an Präventionsmaßnahmen für ein gutes Schulklima, damit Mobbing keinen Nährboden hat", sagte Demmer.

Dass die Einbeziehung der Lehrer hierbei durchaus Sinn macht, zeigt ein weiteres Ergebnis der GEW-Studie. Fünf Prozent der von "Cyber-Mobbing" betroffenen Lehrer gab an, dass die Urheber unter Vorgesetzten oder Lehrern zu suchen seien, bei drei Prozent der Fälle waren Kollegen am Werk. Ein Opfer schrieb als Ergänzung auf den Fragebogen: "Mobber ist Mitglied der Schulleitung."

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