Interview : „Die Kinder lernen: Ich habe versagt“

Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth warnt vor den Risiken einer zu frühen Einschulung und vor der Frustration von Kindern, die im Unterricht von Anfang an überfordert sind.

Susanne Vieth-Entus

Eltern fragen sich, ob sie mit fünf Jahren einschulen oder einen Rückstellungsantrag stellen sollen. Was raten Sie?

Das hängt sehr von der intellektuellen und emotionalen Entwicklung und von der familiären Situation ab. Generell kann man aber sagen, dass es vielen jüngeren Kindern schwer fällt, für längere Zeit stillzusitzen und ruhig zuzuhören.

Woran liegt das?

Einmal an einer generell höheren motorischen Unruhe, zum anderen am Kurzzeitgedächtnis, auch Arbeitsgedächtnis genannt. Es steuert unsere Aufmerksamkeitsspanne und ist bei kleinen Kindern sehr begrenzt. Es hält unter Umständen kaum eine Minute vor. Wenn die Lehrerin in längeren Sätzen spricht, haben diese Kinder den Anfang schon wieder vergessen. Sie können das Gehörte also nicht bedeutungshaft verarbeiten. Die Kinder langweilen sich, sind frustriert, unruhig.

In welchem Alter schaltet das Gehirn auf das längere Arbeitsgedächtnis um?

Die Zeit, in der das Gehirn für längere Aufmerksamkeit ausreift, liegt gerade in dem Alter zwischen fünf und sechs.

Was bedeutet das für die Frage des Einschulungsalters?

Das bedeutet: Wenn man bei bestimmten Kindern erhebliche Risiken in Kauf nehmen will, kann man mit fünf einschulen. Sonst mit sechs.

Worin besteht das Risiko?

Die Kinder erleben: Ich habe versagt. Und das ist ganz schlimm.

Aber die betreffenden Kinder können doch ein weiteres Jahr in der Schulanfangsphase verbleiben. Das wird nicht als Klassenwiederholung gewertet.

Das ist arglos gedacht: Die Kinder merken sehr wohl, dass sie nicht mit den Kindern zusammenbleiben dürfen , mit denen sie eingeschult wurden. Das ist eine belastende Erfahrung und wird von den Betroffenen als Abwertung empfunden.

Verfechter der frühen Einschulung verweisen darauf, dass Kinder mit schwachen Sprachkenntnissen möglichst früh gefördert werden sollten.

Für diese Kinder ist das Risiko der frühen Einschulung noch größer, weil die Gefahr der Überforderung steigt. Bei ihnen sollte man besonders vorsichtig sein. Das geht auf die Psyche und dann werden die Kinder krank. Sprachförderung ist wichtig, aber für die kleinen Kinder ist der Kindergarten der bessere Ort für das Erlernen der Sprache.

Bei der Diskussion über die frühe Einschulung wurde viel mit „Lernfenstern“ argumentiert, die sich früh schließen.

Es ist sehr umstritten, ob es enge „Lernfenster“ in diesem Sinne gibt, und Schulbehörden sollten sich in dieser Hinsicht guten wissenschaftlichen Rat holen. Es stimmt auch nicht, dass da irgendwelche Lernfenster einfach zugehen. Einzig beim Fremdsprachenerwerb gibt es dieses Phänomen. Abgesehen vom Erlernen zweier Primärsprachen liegt das beste Alter, um eine Fremdsprache perfekt zu lernen, zwischen drei und fünf Jahren. Das muss man aber strikt trennen von der Frage des Schulanfangs. Man muss also das eine vor dem anderen machen.

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