Interview mit Präventionstrainer : Angst vor Missbrauch: „Klare Absprachen helfen“

Wie können Eltern ihre Kinder vor Übergriffen schützen? Ein Präventionstrainer sagt, worauf es ankommt.

Jürgen Rüstow leitet Präventionskurse für Kinder und Eltern.
Jürgen Rüstow leitet Präventionskurse für Kinder und Eltern.Foto: privat

Herr Rüstow, nach den Morden an Mohamed und Elias sind Eltern verunsichert. Sollen sie mit ihren Kindern darüber sprechen – und wenn ja, wie?

Wenn Kinder es selbst ansprechen, dann sollte man es besprechen. Eltern sollten den Kindern aber keine Angst machen oder eigene Ängste auf sie übertragen. Man kann zum Beispiel sagen: Ja, so etwas kommt vor, aber es kommt nicht ständig vor. Und dann sollte man darüber reden, was das Kind tun kann: Du darfst laut sein und dich wehren. Du kannst andere Erwachsene um Hilfe bitten. Wichtig ist, das Selbstvertrauen des Kindes zu stärken

Was können Eltern dafür tun?

Sie können dem Kind beibringen, dass es das Recht hat, über seinen eigenen Körper zu bestimmen und Nein zu sagen. Es muss andere nicht küssen, wenn es nicht will. Es kann auch zu Mama sagen: Ich will nicht auf deinem Schoß sitzen.

Manchmal müssen Eltern aber gegen den Willen des Kindes handeln – wenn es sich nicht impfen lassen oder Zähne putzen will, zum Beispiel.

Ich empfehle, mit den Kindern verschiedene Situationen durchzuspielen und ihnen klarzumachen, dass sie normalerweise selbst über ihren Körper bestimmen können, es aber Ausnahmen gibt und welche das sind. Kinder verstehen ja eigentlich, dass Zähneputzen oder eine ärztliche Untersuchung wichtig sind.

Wie kann man verhindern, dass Kinder mit Fremden mitgehen?

Klare Absprachen helfen: Kinder müssen genau wissen, mit wem sie mitgehen dürfen. In der Kita oder in der Schule sollten die Namen der Abholpersonen bekannt sein. Auch das Kind selbst muss diese Namen auswendig kennen. So kommen sie gar nicht erst in die Zwickmühle, eine Entscheidung zu treffen, wenn ein Fremder sie bittet, mitzukommen.

Würden Sie Eltern raten, ihre Kinder allein zur Schule oder auf den Spielplatz gehen zu lassen?

Ja, wenn die Absprachen klar sind. Es stärkt Kinder, wenn sie selbstständig werden.

Die meisten Übergriffe finden im näheren Umfeld statt und entwickeln sich über einen längeren Zeitraum. Auf welche Anzeichen sollte man achten?

Man sollte seinem Kind zuhören und nachfragen, warum es zum Beispiel irgendwo nicht mehr hinwill. Dabei möglichst offen fragen, nicht interpretieren und auch nicht Sachen sagen wie „Das hast du bestimmt falsch verstanden“. Man sollte sich auch erst mal daran halten, wenn das Kind die Eltern bittet, den Täter nicht darauf anzusprechen. Stattdessen kann man mit Beratungsstellen wie dem Weißen Ring oder der Opferhilfe Kontakt aufnehmen. Das Kind muss wissen, dass es den Eltern vertrauen kann. Um dieses Vertrauen zu stärken, empfehle ich ein Ritual: Jeden Abend spricht man darüber, was schön war und was schlecht. Dann können sich Kinder öffnen.

Jürgen Rüstow, 51, ist Trainer beim Verein „Wir stärken dich“. Er leitet Kurse zur Prävention für Kita- und Schulkinder.

Die Fragen stellte Sylvia Vogt.

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