Interview mit Psychologin Helle Jensen : „Schon Elfjährige sind im Stress“

Die dänische Psychologin Helle Jensen rät Schülern und Lehrern zu mehr Achtsamkeit und erklärt, was Lehrern hilft, gute Beziehungen zu Schülern aufzubauen. Ein Interview.

Helle Jensen
Helle JensenFoto: Promo

Frau Jensen, wären Schulen ein besserer Ort, wenn dort meditiert würde?

Ja, ich glaube schon. Wir haben in Dänemark jedenfalls gute Erfahrungen damit gemacht. Ich schätze, dass über die Hälfte der dänischen Schulen mittlerweile Meditations- und Achtsamkeitsübungen anwenden. Mit dem Ausbau der Ganztagsschule steigt das Bewusstsein, dass Kinder einen Ausgleich für die vielen Herausforderungen an langen Schultagen brauchen.

Sie sagen, dass viele Kinder nicht in Kontakt mit sich selbst sind und ihre Aufmerksamkeit ständig nach außen gerichtet ist. 

Schon Elfjährige sind im Stress! Die Anforderungen in der Schule werden mehr, die Angebote auch, dazu kommen die ständigen Reize durch elektronische Medien, vielfältige Hobbys. Es ist wie eine Art Dauerbereitschaft für das Nervensystem. Da kann man leicht aus dem Gleichgewicht kommen, und das ist weder fürs Lernen noch für die Persönlichkeitsentwicklung gut. 

In Ihrem neuen Buch „Hellwach und ganz bei sich - Empathie und Achtsamkeit in der Schule“ stellen sie zahlreiche Übungen vor. Wie können diese in den Unterricht integriert werden? 

Das kann ganz spielerisch gehen, und dauert auch nicht lange. Vielleicht fünf Minuten am Anfang der Stunde. Es kann schon sein, dass größere Kinder erstmal lachen. Aber das ist okay. Es gibt sogar eine Übung, bei der alle gemeinsam lachen. Wichtig ist, dass die Schüler die Aufmerksamkeit auf sich selbst, nach innen richten. Auf den Atem, auf ihren Körper, ihr Bewusstsein, ihr Herz. Das sind Kompetenzen, mit denen wir schon auf die Welt kommen. Es hilft, sich daran zu erinnern und sie zu spüren, besonders in stressigen Situationen. Damit das geht, sollte man in Ruhe üben. 

Sollen auch Lehrer die Übungen machen? 

Ja, unbedingt. Studien haben gezeigt, dass ein gutes Lernumfeld wesentlich davon abhängt, dass es den Lehrern gelingt, mit ihren Schülern gute Beziehungen aufzubauen, die von Toleranz, Respekt, Interesse und Empathie geprägt sind. Aber das können sie nur, wenn sie mit sich selbst in einem guten Kontakt sind und auch ihre eigenen Grenzen kennen. 

Wie können Lehrer diese Beziehung aufbauen? 

Sie müssen sich im Klaren darüber sein, dass sie die Verantwortung dafür haben. Sie haben als Erwachsene und durch ihre Position an der Schule mehr Macht als die Kinder und Jugendlichen. Aber es kann schwer sein, sich dieser Verantwortung zu stellen. Viele Lehrer fühlen sich tatsächlich hilflos und schieben die Schuld auf die Kinder, wenn die Stimmung in der Klasse schlecht ist oder es Konflikte gibt. 

Was raten Sie Lehrern in einem solchen Fall konkret? 

Gerade gestern habe ich eine Lehrerin beraten, die sagte, dass ein bestimmtes Kind nie das tut, was sie will. Wir haben dann herausgefunden, dass es regelrecht zu sehen ist, wie die Lehrerin in dem Konflikt aus der Balance gerät. Ihr Atem wird unregelmäßig, sie steht nicht mehr so stabil. Sie verliert den Kontakt zu sich selbst. Wenn die Lehrerin wieder in die Balance kommt, wird sich auch das Kind anders verhalten.

Das Gespräch führte Sylvia Vogt. Am 18.9. stellt Helle Jensen ihr Buch „Hellwach und ganz bei sich – Achtsamkeit und Empathie in der Schule“ in der Backfabrik (Saarbrücker Str. 36a, Prenzlauer Berg) vor.

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