Interview mit Wirtschaftswissenschaftler : „Schule muss mehr ins wahre Leben“

Sven Ripsas, Professor an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht, will mehr Praxis und Ökonomie für Schüler.

Sven Ripsas.
Sven Ripsas.Foto: Andrea Katheder/Promo

Herr Ripsas, was halten Sie von der Forderung nach einem Schulfach Wirtschaft?

Natürlich kann eine Reihe von Themen den Anspruch erheben, Schulfach zu werden. Das muss im Fall der ökonomischen Bildung gar nicht unbedingt sein – es gibt ja bereits das Fach WAT, also Wirtschaft, Arbeit, Technik, wie es in Berlin heißt. Nur: Dieses Fach leidet unter zwei Dingen. Es bekommt viel zu wenig Zeit, und die Lehrer sind oft nicht ausreichend darauf vorbereitet.

Woran hapert es bei der Ausbildung?

Die Lehrer haben oft nur nebenbei von Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre gehört. Ich mache seit zehn Jahren Lehrerausbildung für unser Netzwerk. Ich erlebe immer wieder, wie Lehrer sagen: Das ist Wirtschaft? Toll!

Wie sollte der Unterricht aussehen?

Wir sollten die Schüler nicht zu sehr mit Lehrbüchern quälen, mit Märkten und Tabellen. Wenn es darum geht, dass die Schüler die globale Finanzkrise interpretieren sollen, da kann ich nur sagen: Na viel Spaß, das kann ich ja kaum. Stattdessen könnte man im Unterricht mit ihnen einen Flohmarkt organisieren. Viele merken doch gar nicht, dass sie kleine Unternehmer sind, wenn sie auf dem Flohmarkt ihre Spielsachen verkaufen.

Weshalb ist Wirtschaft bislang nicht in allen Lehrplänen vorgesehen?

Ich glaube, dass es Vorbehalte in der pädagogischen Elite gibt. Wirtschaft und Unternehmertum wird viel zu oft mit Kapitalismus in einen Topf geworfen. Dabei unterscheidet sich die Ökonomie des 21. Jahrhunderts maßgeblich von der des 20. Jahrhunderts. Der Gründer ist heute nicht mehr der alte Herr mit Glatze und Zigarre. Wenn die Frau von gegenüber eine Eisdiele aufmachen möchte, käme doch niemand auf den Gedanken, sie als Kapitalistin zu bezeichnen. Die Schule muss mehr ins wahre Leben.

In diese Kerbe schlug jüngst auch der Tweet einer Schülerin. Geht es bei Ihnen auch um die Vorbereitung auf ein Leben mit Verträgen und Versicherungen?

Ja. Wir gucken, wie Ökonomie auf kleiner, individueller Ebene funktioniert. Es geht dann nicht mehr um volkswirtschaftliche oder wirtschaftspolitische Fragen. Sondern, dass ich im Alltag verstehe, was es bedeutet, wenn ich einen Leasing-Vertrag für ein Auto für 99 Euro sehe. Wir sollten uns fragen: Wie verhindern wir, dass Schüler zum Beispiel in eine Schuldenfalle tappen? Danach kann man auch diskutieren, wie Ökonomie auf großer Ebene funktioniert.

Kritiker sagen: Es kann nicht Aufgabe der Schule sein, solches Alltagswissen zu vermitteln.

Natürlich müssen auch die Eltern in die Pflicht genommen werden. Aber wir wissen, dass das bei vielen bildungsfernen Familien nicht stattfindet. Also müssen wir Angebote schaffen. Gewissermaßen eine Grundversorgung an Lebenskompetenz. Zudem kommt es uns allen zugute, wenn junge Menschen besser verstehen, wie volkswirtschaftlicher Wohlstand entsteht. Damit könnte man langfristig den Wohlstand ganzer Regionen steigern.

Das Gespräch führte Franziska Felber. Sven Ripsas ist Professor für Entrepreneurship an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und leitet im Network for Teaching Entrepreneurship Deutschland die Lehrerausbildung.

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