Jahrgangsmischung : Gemeinsam oder doch getrennt

Wie in der Weddinger Carl-Kraemer-Grundschule die ersten bis dritten Jahrgänge zusammen lernen und warum die Neuköllner Sonnen-Grundschule das jahrgangsübergreifende Lernen ablehnt.

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Mal klappt's, mal klappt's nicht. In der Weddinger Carl-Kraemer Grundschule lernen die Schüler von der ersten bis zur dritten Klasse zusammen und sind damit erfolgreich.Alle Bilder anzeigen
Foto: David von Becker
27.09.2011 16:19Mal klappt's, mal klappt's nicht. In der Weddinger Carl-Kraemer Grundschule lernen die Schüler von der ersten bis zur dritten...

In Klasse E ist ruhiges Gemurmel zu hören. Manche der fünf- bis neunjährigen Schüler arbeiten gerade in Teams, manche allein. Sie sind in einer der sieben jahrgangsübergreifenden Klassen der Weddinger Carl-Kraemer-Grundschule und wissen genau, was zu tun ist – obwohl alle an anderen Aufgaben sitzen und ihrem eigenem Tempo, ihren eigenen Fähigkeiten folgen.
Jeremy und Mustafa etwa beschäftigen sich mit den Regeln beim Fußball. „Verstöße schreibt man mit ö“, erklärt der Große dem Kleinen und malt zwei Striche über das o. Vier Mädchen sortieren Buchstaben, sie haben dazu dieselben Arbeitsgeräte vor sich liegen, aber Aufgaben mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad – je nachdem, wie weit sie schon gekommen sind. Wenn eine von ihnen nicht weiterweiß, fragt sie eine der anderen. Und erst, wenn auch da nichts mehr zu holen ist, kommt Klassenlehrerin Regina Krüger ins Spiel.
Die unterrichtet im vierten Jahr jahrgangsübergreifendes Lernen, also JüL. Sie ist ständige Ansprechpartnerin für die 24 Kinder und behält den Überblick über die Klasse. Im Vergleich zu herkömmlichem Unterricht jedoch steht Krüger weit weniger im Mittelpunkt: „Wir sind bei JüL weniger Lehrer als Lernbegleiter“, sagt sie.
Das ist auch Sinn von JüL: Differenziert und individuell sollen die Kinder in gemischten Altersgruppen lernen. Die Carl-Kraemer-Grundschule mischt bislang die Klassen eins, zwei und drei, so dass ein Kern der Kinder recht lange zusammen lernt. Bald sollen, sagt Schulleiterin Christine Frank, auch noch die Klassen vier, fünf und sechs dazukommen. Zwar liegt die Schule mitten im sozialen Brennpunkt Soldiner Kiez, mehr als 80 Prozent der Kinder sind nicht-deutscher Herkunft, fast 90 Prozent der Eltern bekommen Hartz IV. Die Entwicklung der Kinder durch den Ganztagsunterricht und JüL sei jedoch „grandios“, sagt Frank.
Natürlich sei man als Lehrer gezwungen, seinen Unterricht komplett zu überdenken. „JüL erfordert ein hohes Maß an Organisation, sehr gutes Material und eine durchdachte Struktur“, sagt Frank.Es sei nicht damit getan, unterschiedliche Arbeitsblätter nebeneinanderzulegen und die Kinder sich selbst zu überlassen. Einige Kollegen, die sich auf JüL nicht einlassen wollten, hätten die Schule deshalb bereits verlassen.
Klassenlehrerin Regina Krüger gehört jedoch zu den „Überzeugungstätern“. In ihrem Unterricht gehen die Kinder gerade zu neuen Aufgaben über. Die Sitzordnung ändert sich, ohne dass große Unruhe aufkäme. Krüger erklärt den Erstklässlern zwar noch einige Symbole etwa für Gruppenarbeit oder Arbeit am Computer, die die Älteren schon kennen. Ansonsten jedoch muss sie kaum nachhelfen: Ob ihre Schüler Mathe oder Deutsch üben, ob sie allein oder in der Gruppe arbeiten und welchen Aufgaben sie sich heute stellen wollen, suchen sie sich selbst aus. Jeder notiert danach, wie weit er gekommen ist. Langeweile kommt nicht auf: Wer fertig ist, holt sich die nächste Aufgabe.
Für Krüger bedeutet JüL zwar intensivere Arbeit in der Vorbereitung. „Am Tag selbst kann ich jedoch viel entspannter in den Unterricht gehen als früher“, sagt sie. Selbstständigkeit und soziale Kompetenz der Kinder sind groß. Dennoch müsse sie das Profil und den Lernstand der einzelnen Kinder immer im Kopf haben. Für einige Kinder, die noch Probleme haben, hat sie besondere Förderung organisiert. Ein Junge etwa, der sich schlecht konzentrieren kann, wird nun von einem Sonderpädagogen abgeholt, der eine Stunde lang nur für ihn da ist.
Auch am oberen Rand verliert Krüger die Kinder nicht aus den Augen:Die Grundschule bietet auch Hochbegabtenförderung an und nimmt deshalb sogar Kinder aus anderen Bezirken auf. Immer wieder stehen „Expertengruppen“ an, in denen die Starken besonders gefördert werden. Im Unterricht, sagt Krüger, greife das wunderbar ineinander: Da motivieren die Kinder, die schon weiter sind, die anderen dazu, auch dahinkommen zu wollen. JüL, sagt Krüger, sei für jeden gut.

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