Jürgen Zöllner : "Es hätte sehr viel schlimmer kommen können"

Bildungssenator Jürgen Zöllner verteidigt die Schulreform und erntet auf der Podiumsdiskussion in der Urania in Schöneberg sowohl Lob als auch Kritik.

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Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD).
Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD).Foto: dapd

Seit einem halben Jahr sind Haupt-, Real- und Gesamtschulen in Sekundarschulen zusammengefasst. Die erste Euphorie über die tiefgreifende Reform ist mancherorts der Ernüchterung gewichen. In der Schönberger Urania diskutierten am Donnerstag Schulleiter, Lehrer und Politiker mit Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) über eine Reform, die jeder wollte, aber nicht alle so, wie sie jetzt ist.

Mit den Schulleiterinnen Miriam Pech und Renate Lecke saßen zwei leidenschaftliche Befürworterinnen der Reform auf dem Podium. „Halb voll“ und keineswegs „halb leer“ sei das an diesem Abend häufig metaphorisch bemühte Glas, gaben beide zu Protokoll. Auch wenn es natürlich Probleme gebe, eine Haupt- und eine Realschule zu fusionieren, wie Lecke zugab. Ruby Mattig-Krone, langjährige Elternvertreterin und neuerdings auch Qualitätsbeauftragte des Bildungssenators, konnte Positives vermelden: Während im vergangenen Jahr noch sehr viele Eltern die Befürchtung geäußert hätten, dass Realschüler in den Sekundarschulen nicht mehr den gleichen Leistungsstand erreichen könnten wie früher, sei davon in diesem Jahr kaum noch etwas zu hören. Auch Bildungssenator Zöllner zog erwartungsgemäß eine positive Bilanz. Jedenfalls „hätte es sehr viel schlechter kommen können“, hielt er allen Kritikern entgegen

Etliche Lehrer im Publikum reagierten ausgesprochen emotional auf diese erste Einschätzung. Reiner Haag, Klassenlehrer der aus Werner-Stephan- und Dag-Hammarskjöld-Schule fusionierten Sekundarschule in Tempelhof, verweigerte sich einer positiven Bilanz: „Sie reden die Sachen schön, und wir stehen im Regen.“ Und um im Bild zu bleiben, sei das Glas mittlerweile fast leer. Bei der Umsetzung der im Grunde richtigen Reform fehle es an dem Notwendigsten: an Lehrern, Räumlichkeiten für den Ganztagsschulbetrieb und einem klaren Konzept, wie die „wohlerzogenen Realschüler“ mit den Problemschülern unter einen Hut zu bringen seien. „Wir versuchen es“, sagte Haag. „Aber es ist wie Feuer und Wasser zu mischen.“

Zusammen mit anderen Kollegen hatte er früher am Tag bereits mit einer Demonstration vor dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg seinem Ärger Luft gemacht. Also vor dem Amtssitz von CDU-Bildungsstadtrat Dieter Hapel, der als Gast des Podiums den Zorn der Lehrer sogleich an Bildungssenator Zöllner weitergeben wollte. Die Fragen von Moderatorin und Tagesspiegel-Redakteurin Susanne Vieth-Entus konsequent ignorierend, forderte der Stadtrat lautstark „eine Ausfinanzierung der Jahrhundertreform“. Zöllner konterte mit Zahlen: 1,1 Milliarden Euro habe man in seiner Amtszeit bereits für den Schulbau aufgewendet. Die durchschnittliche Versorgung mit Lehrern liege an Berliner Schulen bei 99,6 Prozent. Ein Problem sei aber die Ungleichverteilung. Während einige Schulen zu viele Lehrer hätten, fehlten diese Stellen eben an anderen Schulen. Das Problem sei bekannt: „Es ist gewährleistet, dass das im nächsten Jahr anders sein wird“, sagte Zöllner.

„Das mag alles nicht genug sein. Aber es ist falsch zu sagen, dass der Senat nicht versucht hat, das Mögliche möglich zu machen“, sagte Zöllner sichtlich betroffen von den Vorwürfen der Lehrer. Gleichzeitig forderte er die Schulen auf, die vorhandenen Ressourcen effektiv zu nutzen. Es sei leicht, immer mehr Lehrer zu fordern, aber schwer, das Ganze zu finanzieren. Die Schulreform sei überdies alternativlos gewesen und habe auch keinen Aufschub geduldet.

Schulleiterin Renate Lecke verwies derweil auch auf Erfolge der Reform. So sei es gelungen, die Hauptschüler von ihrem Verlierer-Stigma zu befreien. Für viele blieb am Ende die Erkenntnis, dass es im Ergebnis egal ist, ob das Glas halb voll oder halb leer ist, wenn niemand weiß, wie man es besser hätte füllen können.

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