Kanzlerin besucht Berliner Schule : Merkel gibt Europa

Bundeskanzlerin Angela Merkel besuchte die Sophie-Scholl-Schule und stellte sich klugen Fragen von 16- bis 18-Jährigen.

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Staatsbesuch im Schulhaus Viel Starrummel gab es am Montagnachmittag in der Sophie-Scholl-Schule, als Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Diskussion kam...
Staatsbesuch im Schulhaus Viel Starrummel gab es am Montagnachmittag in der Sophie-Scholl-Schule, als Bundeskanzlerin Angela...Foto: AFP

Zwischendurch ergeht der höfliche Hinweis der jugendlichen Moderatorin ans Publikum, man möge sich doch bitte vorher überlegen, wie man seine Frage formuliere. Aber als der prominente Gast noch mitten in der Veranstaltung ausruft, diese Gesprächsführung sei ja total professionell und man liege auf die Minute genau im Zeitplan, weiß auch der Letzte im Publikum, dass die Gastgeber ihre Sache elegant erledigt haben.

Angela Merkel, die Bundeskanzlerin, versteht vermutlich etwas von professionellen Diskussionsrunden und ihr Leben ist ohnehin ein einziger Zeitplan. Die Schüler der Sophie-Scholl-Gesamtschule in Schöneberg entlassen am Montag einen zufriedenen Gast pünktlich aus einer niveauvollen Diskussion, zu der Merkel anlässlich des Europatages 2011 gekommen war. Gleich am Anfang bieten die Schüler ihr sogar eine gute Gelegenheit für ein bisschen europäischen Pathos, als sie davon berichten, in einem Integrationsprojekt den „utopischen Staat“ erdacht zu haben. Er beruhe auf Vertrauen und Toleranz, Identität sei da gar nicht mehr notwendig. Aber Merkel lässt die Chance verstreichen, darauf eine kluge Antwort zu geben.

Im vierten Stock des Gebäudes hat man das Gefühl, man sei in ein universitäres Europa-Seminar geraten, jedenfalls lassen die rund 120 Schüler zwischen 16 und 18 Jahren kaum eine Frage aus, die Merkel nicht auch mit den anderen europäischen Staatschefs zur Finanz- und Eurokrise zu diskutieren hat: Kreditvergabe an Griechenland, Rettungsfonds, Inflationsgefahr, automatischer Sanktionsmechanismus, Flüchtlingsströme.

... mit den Schülern sprach die Kanzlerin über die europäische Integration ...
... mit den Schülern sprach die Kanzlerin über die europäische Integration ...Foto: dpa

Merkel plaudert aus dem Nähkästchen. Etwa dass Griechenland lernen müsse, wie man Steuern einnehme, und dass sie darüber auch offen mit dem griechischen Premierminister rede. Das sei keine Arroganz, denn im Augenblick bekämen die Griechen „Steuern erlassen, wenn sie Steuern zahlen“. Gelächter. Auf die Frage, was denn mit den Bürgschaften passiere, und ob das Geld nicht irgendwann einfach weg sei, hat Merkel auch eine verblüffende Antwort: Sie weiß es nicht.

Nimmt ihnen das offene Europa nicht Arbeitsplätze weg, wollen die Schüler wissen. „Nein, niemand muss sich Sorgen machen“, sagt die Kanzlerin, im Gegenteil, aufgrund des Fachkräftemangels brauche Deutschland Arbeitskräfte. Raunen geht durch den Saal, als Merkel berichtet, dass Spanien 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit habe und man überlege, ob man nicht spanischen Jugendlichen Ausbildungsangebote machen solle. So viel Offenheit ist den Schülern fast suspekt, ohnehin wollen sie Europa nicht immer nur als „Wirtschaftsraum“ betrachten, sondern andere „europäische Interessen“ betont sehen.

... eigentlich hatte Merkel schon vor einem Jahr kommen wollen – aber wegen der Krise in Greichenland abgesagt.
... eigentlich hatte Merkel schon vor einem Jahr kommen wollen – aber wegen der Krise in Greichenland abgesagt.Foto: dpa

Und deshalb zwingen sie Merkel dann doch noch zu einer Art Vision. „Frau Merkel, wie sieht ihr Europa in 25 Jahren aus?“ Solidere Haushaltsführung, einheitlichere Verteidigungspolitik sind zwei Antworten. Dann übersetzt die Kanzlerin auf pragmatische Art die eingangs von den Schülern erwähnten Begriffe von Vertrauen und Toleranz: Sie wünsche sich, dass man nicht nur ein Semester im Ausland verbringe, sondern ganze Berufsjahre mal in dem einem oder anderen Land. Und dazu soll es Rentenansprüche geben, die man überall, wo man gearbeitet hat, geltend machen könne.

Am Ende, als es um die Chancen der Globalisierung ging, spricht Merkel wie die weibliche Ausgabe von Fußball-Nationaltrainer Jogi Löw. Der sagte mal: Kampf, Laufbereitschaft und Kondition seien keine deutschen Tugenden mehr, das könne jeder. Man müsse schon mehr aufwenden, um Weltspitze zu sein. Merkel formuliert es so: „Wenn wir unseren Erneuerungswillen nicht erhalten, werden wir mit den anderen nicht mithalten.“ Einen Rat hat sie noch: „Wir müssen einladender werden.“ In diesem Punkt allerdings hatte sich die Sophie-Scholl-Schule nichts vorzuwerfen.

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