Schule : Kardan und Käse

Das französische Forez ist ein guter Startpunkt für Motorradtouren im Herbst – oder für eine Fahrt zum Saisonabschluss

Andy Schwietzer

Der Wind hatte die Regenwolken vertrieben. Die Sonne spielte in Tautropfen. Über dem Asphalt waberte schwereloser Wasserdampf und wir atmeten sauerstoffreiche Luft. Schon eine halbe Stunde waren wir unterwegs und hatten auf mehr als 20 Kilometern Strecke nur zwei Begegnungen mit Autos gehabt, mitten in Europa – es gibt Tage und Stunden, da weiß man ganz genau, warum man Motorrad fährt.

Im Dreieck zwischen Lyon im Osten, Roanne im Norden und St. Etienne im Süden liegt die „Forez“ genannte Region, die einerseits typisch französisch ist und einem doch Déjà-vu-Erlebnisse beschert, die an Reisen durch den Schwarzwald erinnern. Sozusagen ein westeuropäischer Mikrokosmos. Typisch für die höheren Regionen des Gebiets sind Heidelandschaften oder Tannenwälder, während die flachen und nassen Ecken des Forez – nahe der Loire – Reihern und Möwen ein Zuhause geben.

Etwas Abseits der kurvenreichen D 496 zwischen Montbrison und Ambert liegt ein einfaches Hotel mit abendlichem Restaurantbetrieb auf circa 1000 Höhenmeter im Herzen des Forez. Hier geht es eher urig zu. In der Gaststube stehen große lange Tische, so dass man rasch mit anderen Gästen in Kontakt kommt – und dieser Ort ist ein idealer Ausgangspunkt für wunderbare Motorradausflüge gerade jetzt im Herbst.

Die Ruine Essalois zum Beispiel thront auf einem Felsen westlich der Loire-Schlucht. Die Ruine ist rasch besichtigt, doch am Blick über die etwas weiter nördlich gestaute Loire kann man sich kaum „satt sehen“. Über kurvige Straßen und dem Bergauf- und Bergab-Umweg zum Loire-Ufer geht es über einen Teil der D 3 weiter nach Saint-Bonnet Le Chateau. Dort – am südlichsten Punkt des Forez – grüßt schon von Weitem auf dem Felsen die gotische Kirche, deren Fresken aus dem 15. Jahrhundert auch Kunstbanausen beeindrucken dürften. Eine Pause in der alten und umtriebigen Kleinstadt bei einem Café au Lait weckt die Lebensgeister erneut.

In westlicher Richtung trifft man in Estivareilles auf die D 44. Sie ist ebenfalls eine famose rund 180 Kilometer lange Route, welche die landschaftlichen Schönheiten des Forez speziell dem Motorradmenschen nahe bringt. Nicht umsonst hat das regionale Touristenbüro diese Strecke zur „Route des Balcons“ gemacht, was man am besten mit „Straße der Aussichtspunkte“ übersetzen kann. Die kurvenreiche Strecke – mühselige Kurbelei mit Auto oder Wohnmobil – bietet schwungvollen Genuss auf fast jedem Meter. Die oft schmale Strecke ist selbst nach ländlich-französischen Maßstäben verkehrsarm. Die Aussicht vom in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Granitmassiv des Mont de Forez in das Tal der Loire und bei gutem Wetter bis zum westlichen Alpenrand ist grandios.

Den Abend kann ein Käsefondue der besonderen Art beenden. Eine Spezialität der Region ist der Schimmelkäse aus Sauvain, dessen harte Hülle zugleich als Gefäß für das Fondue dient. Dazu Weißbrot und der Wein des kleinen Anbaugebiets, und der Abend ist rund.

Im 20 Kilometer entfernten Chalmazel künden schon von weitem die hellen Mauern des Chateau von alten Zeiten. Das 1231 vom Geschlecht derer von Forez erbaute Schloss beherrschte lange die Talregion, die das Forez mit der Auvergne verband. Nach vielen Besitzerwechseln und allmählichem Verfall kaufte es die Familie Surgento und setzt es seitdem instand.

Über die ebenfalls fantastisch zu fahrende D 6 geht es nach Osten in das Tal der Loire. Die Tallagen sind ganz anders als die Bergregion um den 1640 Meter hohen Pierre-sur-Haute. Hier sorgen Besiedlung, Landwirtschaft und Industrie für deutlich mehr Leben und Verkehr und man kommt dem kaum bekannten Anbau des Cote des Forez auf die Spur. Der aus dem Elsass stammende Winzer Jacky Logel erklärt Besuchern gern, dass das erstmals 980 von der Abtei Sauvigny bewirtschaftete Weinbaugebiet Forez das kleinste AOC-Weinbaugebiet Frankreichs ist und sich zwischen Boen und Montbrison befindet. Zehn Winzer, von denen acht genossenschaftlich organisiert sind, bauen überwiegend Rotwein, aber auch Chardonnay und Rose an.

Von den nordeuropäisch anmutenden Tannenwäldern des Forez und dem italienischen Renaissancebau ist es nur ein Katzensprung bis zum typisch französischen Montbrison, der Hauptstadt des Forez. Die kleine Stadt bietet neben einigen Museen auch die romanische Stiftskirche Notre-Dame d’ Esperance. Das alte Stadtzentrum empfängt Besucher mit der Gelassenheit und Wärme des Südens. Montbrison bietet wenig Aufregung, aber die charmante Mischung aus bürgerlicher Behäbigkeit und ländlichem Lebensgefühl wird durch die Bausubstanz, die aus jeder Periode etwas zu bieten hat, sehenswert eingerahmt.

Wer nicht auf eigener Achse anreisen will, der kann bis November einmal wöchentlich (freitagmorgens) mit dem Autoreisezug von Berlin-Wannsee bis Avignon fahren. Von dort bis ins Forez sind es 300 Kilometer nach Norden. Alternativ und billiger geht es mit der Nachtlinie ebenfalls noch im Oktober von Berlin nach Lörrach. Infos unter www.autozug.de oder www.db.de.

Weitere Infos gibt es beim Französischen Fremdenverkehrsamt, Tel.: 069 97 58 01 21 oder im Internet: www.franceguide.com.

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