Schule : Kein Auto für Elvis

Hört man Cadillac, denkt man noch immer an lange, chrombehangene Schlitten. Dabei gibt es längst einen Kompakten – den BLS

Ingo von Dahlern

Wer Cadillac hört, denkt an große Autos. Denn mit der Spitzenmarke von General Motors assoziiert man Luxus und Größe. Wer erfolgreich war in Nordamerika, zeigte das in den vergangenen Jahrzehnten mit einem Cadillac – wie zum Beispiel Elvis Presley mit seinen diversen mehr als 5,70 Meter langen Fleetwood Convertibles. Doch solche Autos sind Geschichte. Aber auch der Deville unserer Tage mit seinen 5,26 Meter ist noch viel zu groß für die deutsche Normgarage.

Seit dem letzten Jahr gibt es eine Limousine der amerikanischen Edelmarke, die solche Probleme nicht hat. Denn der BLS ist nach Cadillac-Maßstäben geradezu winzig, bringt es mit seinen 4,68 Metern gerade einmal auf ein ganz normales europäisches Mittelklasseformat. Aber edel muss ja nicht unbedingt groß sein. Denn mit ihren IS-Modellen beweist Toyotas Edelmarke Lexus ebenso wie Jaguar mit dem S-Type und dem X-Type, dass sich Exklusivität auch in kompakteren Dimensionen präsentieren lässt. Warum also sollte das nicht auch bei Cadillac klappen?

Mit wem man es beim BLS zu tun hat, erkennt man auf den ersten Blick. Seine Optik passt in das beinahe holzschnittartige neue Cadillac-Design mit seinen großen ebenen Flächen und den ausgeprägten Kanten. Das gibt dem BLS mit seinem kraftvollen Wabengrill und den großen Klarglasscheinwerfern ein Gesicht, dass sich aus der Masse heraushebt, macht ihn zu einem Auto, das immer wieder neugierige Blicke auf sich zieht.

Und auch im Innenraum zeigt dieses Auto seine eigene Note. Mit großen mit Chrom umrahmten Rundinstrumenten, dezentem Holzdekor, edlem Leder und vor allem seinen klaren, fast puristischen Linien zeigt er sich sehr aufgeräumt. Wenn man das griffige Dreispeichen-Multifunktionslenkrad in die Hand nimmt, Lenksäule und Sitze in optimale Position bringt, fühlt man sich durchaus wohl im BLS – solange man vorn sitzt. Im Fond wird es doch recht eng. Wenn hier die offiziell zugelassenen drei Passagiere Platz nehmen, wird es geradezu ungemütlich, was allerdings auch für die Mehrzahl der Konkurrenten in dieser Klasse gilt.

Aber auch wenn man es sich als einzelner Mitfahrer hinten etwas bequemer macht, erlebt man schon auf den ersten Kilometern eine Überraschung. Denn der BLS ist im Unterschied zu großen Cadillacs wie dem STS alles andere als eine Sänfte, sondern recht straff gefedert. Der Lenkende im Amerikaner freut sich über das typisch europäische Fahrverhalten: Der BLS läuft auf langen Autobahntouren sauber geradeaus; auch mit einer flotteren Gangart auf kurvigen Landstraßen ist er nicht überfordert. Sehr europäisch ist auch die Fahrwerksausstattung mit ABS, Traktionskontrolle und sogar einer Fahrdynamikregelung, die hier auf den Namen Stabilitrak hört.

Völlig aus dem Rahmen fällt der BLS mit seinem Antrieb. Gewiss, es gibt drei Benzinmotoren – einen Zweiliter-Turbo in zwei Leistungsstufen und einen 2,8-l-V6-Turbo mit 188 kW (255 PS), der mit kraftvollen 360 Newtonmetern bereits ab 1800 Umdrehungen kraftvoll anzieht. Doch das überraschendste Triebwerk ist der vierte Motor: ein 1,9-l-Vierzylinder-Turbodiesel mit 110 kW (150 PS), der bereits bei 200 Umdrehungen 320 Newtonmeter stemmt. Dieses Triebwerk ist der erste Diesel in einem Cadillac – und keine Verlegenheitslösung. Mit seinem Partikelfilter dürfte er klar das Volumentriebwerk für dieses Modell werden.

Mit 9,6 Sekunden für den Spurt auf Tempo 100 und maximal 210 km/h macht er den BLS sowohl flink als auch sparsam, mit einem Durchschnittsverbrauch von 7,2 l ist diese BLS-Version der sparsamste Caddy, der je auf die Räder gestellt wurde. Der fährt mit einer Tankfüllung glatt 1000 km – bei extrem niedrigem Geräuschniveau.

Was sich beim BLS so rundum europäisch anfühlt und speziell auf den europäischen Markt zugeschnitten ist, ist alles andere als Zufall. Denn der BLS ist, auch wenn er das Cadillac-Markenzeichen trägt, ein im Kern europäisches Auto. Seine Plattform teilt er sich ebenso wie die wichtigsten technischen Elemente mit dem Opel Vectra und dem Saab 9-3. Der so ansprechende Turbodiesel stammt aus dem Opel-Konzernregal, und gebaut wird der Cadillac BLS in Schweden.

Hier rollt er in Trollhättan vom Band, wo auch der Saab 9-3 produziert wird. Und damit erklärt sich auch die für einen Cadillac überraschend hohe Werkstoff- und Verarbeitungsqualität – auch wenn dieses Auto noch nicht in allen Details Premium und vor allem nicht ausgeprägt luxuriös ist. Aber dafür ist es mit Preisen ab 28 290 Euro für die Benziner und 29 150 Euro für den Turbodiesel durchaus erschwinglich.

Dem Hersteller soll dieser erste Europäer im amerikanischen Gewand endlich zum Durchbruch in der Alten Welt verhelfen. Und Käufer des BLS können darauf bauen, ein sehr ordentliches europäisches Mittelklasseauto in die Hand zu bekommen, das sich optisch von der großen Masse abhebt. Aber vielleicht bekommt Cadillac mit dem BLS auch, wenn das ursprünglich nicht so geplant war, eine unerwartete Chance für den Heimatmarkt. Denn hier hat leider auch GM den immer deutlicheren Trend zu kompakteren und vor allem sparsameren Autos verschlafen.

Da könnte der Cadillac BLS eine überraschende Karriere machen – vielleicht sogar gerade als Diesel. Denn der findet in den USA nach der Einführung schwefelfreien Kraftstoffs und der gemeinsamen Bluetec-Offensive mehrerer deutscher Hersteller immer mehr Anhänger.

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