Schule : Kein Blatt vorm Mund

In Schülerzeitungen bestimmen die Jugendlichen ihre Themen selbst – an Förderschulen wie Gymnasien

Susanne Thams

David malt gerne. Gerade paust der 16-Jährige seine Lieblingsfigur, den Computerspielhelden Super Mario, von einer Vorlage ab – für einen selbst erfundenen Comic. Der soll in der nächste Ausgabe der Schülerzeitung „Rasender Kurier“ der Zehlendorfer Förderschule Sancta Maria der Hedwigsschwestern erscheinen. David, der eine Lernschwäche hat, ist dort stellvertretender Chefredakteur.

Konzentriert betrachtet er das Papier, spitzt den Bleistift und malt Palmen und eine Insel neben Super Mario. Das Thema Urlaub soll im Comic eine Rolle spielen, weil das nächste Heft kurz vor den großen Ferien erscheint. Als Überschrift kommt „Super Mario und die Abenteuerschreckensinsel“ infrage – „Die Leser sollen es spannend finden“, sagt er.

Jeden Donnerstag nach der letzten Stunde treffen sich die Nachwuchsredakteure der Förderschule, an der Kinder mit Lern- und geistiger Behinderung unterrichtet werden, um gemeinsam ihre Zeitung zu machen. Dafür opfern sie gerne einen Teil ihrer Freizeit. Die Themen, sagt David, sollen Jugendliche interessieren und bewegen. Die letzte Klassenfahrt oder die Schuldisco waren deshalb schon genauso im Heft wie eine Umfrage unter Schülern über den Sinn von Schule.

Vor mehr als zehn Jahren rief eine Lehrerin den „Rasenden Kurier“ ins Leben. „Die Zeitung fördert eigenständige Arbeit, Mitdenken und die Teamfähigkeit der Schüler“, sagt Frauke Fechner, die die Redaktion seit letztem Jahr begleitet. Grundsätzlich jedoch gilt: Verantwortlich für den Inhalt einer Schülerzeitung ist der Herausgeber. Die Schulleitung darf vor Veröffentlichung auch kein Probeexemplar verlangen, sie muss nicht einmal vor der Gründung informiert werden: „Sonst wäre es eine Schulzeitung und keine Schülerzeitung“, sagt Josephine Ziegler vom Jugendmedienverband „Junge Presse Berlin“ (JPB), der Ansprechpartner für junge Journalisten ist. Die Redaktionen müssen sich allerdings an das Landespressegesetz und den Pressekodex halten.

Der „Rasende Kurier“ konnte mit Layout und Themenmix auch schon jenseits der Schule überzeugen: Beim Schülerzeitungswettbewerb der Länder, an dem sich 1800 Schulen beteiligten, belegte das Team den zweiten Platz bei den Förderschulen. Die besten Schülerzeitungen Deutschlands, die laut Jury die demokratische Schulkultur fördern, bekommen nun am 11. Juni im Bundesrat ihre Preise überreicht.

Wie viele Schülerzeitungen es in Berlin gibt, ist nicht bekannt. Der JPB kann sich lediglich an den Einsendungen für den Schülerzeitungswettbewerb der Stadt orientieren. Daran nahmen zuletzt 63 Redaktionen teil. Der Senat fördert die Zeitungen nur über die Unterstützung für diesen Wettbewerb. „Die Zeitungen entstehen in Eigenregie“, sagt ein Senatssprecher. „Aber wir zeichnen jährlich die besten unter ihnen aus, um so unsere Anerkennung für ihre Arbeit auszudrücken.“

Kritisch und eigenständig berichtet auch die Schülerredaktion „OHnE“ des Heinz -Berggruen-Gymnasiums in Charlottenburg über das Schulleben. Deren Reporter treffen sich jeden Freitagabend in einem Café – nicht in den Räumen der Schule. Von der Schulleitung bekommen sie zwar häufig positive Rückmeldungen für ihre Arbeit. Mehr Unterstützung gibt es jedoch nicht – und mehr wollen die Jungpublizisten von den Erwachsenen auch nicht.

Im Augenblick steht die Redaktion unter Druck. „Nächsten Freitag ist die letzte Möglichkeit für die Textabgabe“, sagt der 18-jährige Chefredakteur Niklas Konrad zu seinen zwölf Autoren. Demokratisch festgelegter Schwerpunkt der nächsten Ausgabe wird das Thema Umwelt sein. Redakteurin Emma Sylten ist sich nicht sicher, ob sie in ihrem Artikel über die zehn größten Umweltkatastrophen der Welt auch das aktuelle Öldesaster im Golf von Mexiko einbeziehen soll. „Das ist deine Entscheidung“, sagt Chefredakteur Niklas. „Aber warum nicht?“

Dreimal im Jahr erscheint die 80 Seiten starke „OHnE“, deren Name noch aus der Zeit stammt, als das Gymnasium Erich-Hoepner-Oberschule hieß – rückwärts gelesen ergibt sich der Name aus den Initialen. Einen Euro kostet die Zeitung, die in einer Auflage von 300 Stück erscheint. Die Druckkosten von 1000 Euro werden mit Werbung abgedeckt.

Trotz des Zeitdrucks bleibt Niklas gelassen – er kennt die Arbeit schon seit sechs Jahren. Letztes Jahr jedoch erschien die Zeitung zeitweise nicht. Bei den Redakteuren fand ein Wechsel statt, sagt Niklas. Auch die Einführung des Turboabis mache sich bemerkbar. Die zusätzlichen Stunden ließen den Mitschülern weniger Zeit, um sich außerhalb des Unterrichts zu engagieren.

Einige jedoch nehmen sich die Zeit – auch, weil sie sich vorstellen können, später Journalisten zu werden: „Ich schreibe gern“, sagt etwa die 14 Jahre alte Nora. Ricardo, Redakteur beim „Rasenden Kurier“, fällt das Schreiben eigener Texte hingegen schwer – aber er tippt gerne ab. Neben die Tastatur hat er deswegen die Ergebnisse der jüngsten Umfrage des Kuriers gelegt. Die Abschlussschüler wurden per Fragebogen nach ihrem Lebensmotto gefragt. Einer hat geschrieben: „Niemals an sich zweifeln, auch wenn der Weg holprig ist.“ Ricardo tippt sich mit zwei Fingern voran.

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