Kinderboom : Pankow hat bald 3000 Grundschüler – zusätzlich

Viele Kinder, zu wenig Schulen und kein Geld: Der Geburtenboom macht dem Bezirk zu schaffen.

Werner Kurzlechner

Niklas Tangenberg aus der 6a langweilt sich ein bisschen, als er von seinem langen Weg zum Sportunterricht erzählt. Auf dem Tisch stehen Kekse, das Wohnzimmer der Tangenbergs ist ungefähr so groß wie eine halbe Turnhalle und draußen ist Französisch-Buchholz. Also eine Welt, die ziemlich in Ordnung ist, mit einem vom Kirchturm überragten dörflichen Kern. Außerdem gibt es hier, der Einfachheit halber, die „gelbe“ und die „rote“ Schule. Niklas und seine Mitschüler haben ihre Geschichte inzwischen oft erzählt, das ZDF hat sie sogar als „Hammer der Woche“ präsentiert.

Jetzt erzählt er sie routiniert eben noch einmal: Dass er zum Sport jedes Mal von seiner „gelben“ Grundschule zur „roten“ eine Viertelstunde laufen muss, weil seine keine Turnhalle hat. Einmal die Woche hat seine Klasse eine einfache Sportstunde. „Wir marschieren hin, machen ein bisschen Aufwärmen und Ballspiel und müssen wieder zurück“, berichtet Niklas. Die Eltern, Lehrer und Schüler hier sind mächtig aufgebracht, dass Pankow den versprochenen Hallenbau wieder aufgeschoben hat.

Pankow ist ein Bezirk der Extreme: Wer nach Französisch-Buchholz im ländlichen Norden fährt, muss durch den Wald. Prenzlauer Berg liegt im urbanen Herzen der Stadt, hat zwölf öffentliche Grundschulen ohne farbliche Zuordnung und bekommt im Sommer eine neue Gemeinschaftsschule an der Erich-Weinert- Straße. Auch hier schimpfen die Eltern auf den Bezirk und auf Schulstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD). Die Schulkinder werden immer mehr und die Klassenzimmer immer voller. Spätestens ab 2010 wird nach den Prognosen des Bezirks alles noch schlimmer, wenn nicht jährlich mindestens eine Schule hinzukommt. Dafür müsste der überschuldete Bezirk aufkommen, der bis 2011 alle Investitionen gestoppt hat und nicht einmal die geplante Turnhalle in Französisch-Buchholz schultern kann.

Kürzlich forderte Zürn-Kasztantowicz gar einen Baustopp in den Wohnkiezen in Prenzlauer Berg, solange nicht für genügend Schulräume gesorgt ist. Das wurde der Politikerin, die vergangenes Jahr mit einem Losverfahren bei der Einschulung zahlreiche Eltern gegen sich aufbrachte, als Hilflosigkeit ausgelegt. Doch die Stadträtin spricht ein echtes Dilemma an, in dem der Bezirk steckt. Allein im Helmholtzkiez, im Bötzowviertel und rund um den Kollwitzplatz werden 2010 nach ihrer Rechnung 1080 Schüler eingeschult – 230 mehr als zum kommenden Schuljahr. In anderen Sanierungsgebieten sieht es nicht besser aus. Die Wahrheit ist unangenehm: Wahrscheinlich bräuchte es Herkules, um hier die berechtigten Ansprüche der Eltern zu erfüllen.

In Französisch-Buchholz müsste das eigentlich gelingen. Doch sie warten dort schon geschlagene 70 Jahre auf eine Turnhalle. Heinz Lorenz hat einen Artikel aus dem Buchholzer Anzeiger aufgehoben, der den Hallenbau für einen folgenden Bauabschnitt ankündigt. Er stammt aus dem Jahr 1938, schon damals fehlte das Geld. Heinz Lorenz wurde 1939 eingeschult, sein Sohn Peter 1975, dessen Tochter Valea besucht derzeit die zweite Klasse. Sie alle können sich an nicht eingehaltene Versprechen erinnern, dass die Bagger bald rollen. „Das hieß es schon zu DDR-Zeiten immer wieder“, sagt Peter Lorenz. Inzwischen stehen 817 000 Euro aus der Konkursmasse eines Investors zweckgebunden für den Turnhallenbau bereit. Nach der Kalkulation des Bezirks würde eine Turnhalle aber 3,9 Millionen Euro kosten.

In Prenzlauer Berg wäre ein Vielfaches notwendig. „Am besten wäre ein Schulneubau“, sagt Zürn-Kasztantowicz. Als möglichen Standort regten die Sozialdemokraten die Werneuchener Wiese zwischen Danziger Straße und Volkspark Friedrichshain an. Ob sich das realisieren lässt, ist offen. Die Stadträtin wirbt derzeit auf einer „Sensibilisierungstour“ um Landesgelder. Der Bezirk alleine kann den Anstieg von derzeit 13 700 Grundschülern auf vermutlich 16 600 im Schuljahr 2012/13 kaum auffangen. Möglicherweise steht vielen Kindern ein Lernen im Container bevor.

In jedem Fall prüft der Bezirk derzeit sämtliche landeseigenen Immobilien auf ihre Eignung als Schule. Schon um dem Vorwurf vorzubeugen, man habe nicht alles versucht. Vielleicht werden einige vor Jahren umgewidmete Gebäude erneut zu Schulen – etwa das ehemalige Pasteur-Gymnasium im Bötzowviertel. Denn neben der Ebbe im Bezirkssäckel verschärft die wachsende Enge im von jungen Familien dicht bevölkerten Prenzlauer Berg das Problem. Weil es kaum Platz gibt, gestaltet sich auch die Gründung von Privatschulen schwierig.

An Raum mangelt es in Französisch-Buchholz nicht, nur an Geld. Eltern und Schüler sammeln jetzt selbst und machen mit Aktionen wie einem Sponsorenlauf auf ihr Problem aufmerksam. An einer womöglich tragfähigen Lösung arbeitet derzeit der SPD-Abgeordnete Ralf Hillenberg. Die vom Bezirk veranschlagten 3,9 Millionen Euro für 1300 Quadratmeter Turnhalle hält er für überteuert.

„Meine tiefe Überzeugung ist, dass ein privates Unternehmen das wesentlicher preiswerter bauen kann“, so Hillenberg. Seine Idee: Eine Firma baut die Halle zunächst auf eigene Kosten, der Bezirk kauft sie mit Verzinsung zurück, sobald er genug Geld hat. Weil das haushaltsrechtlich nicht so einfach geht, führt Hillenberg derzeit viele Gespräche mit Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD). Das macht auch der klamme Bezirk Pankow, dem das Geld für seine Schulen ausgeht. Für den Geschmack der betroffenen Eltern müsste er das aber noch energischer tun. „Frau Zürn-Kasztantowicz sollte Herrn Sarrazin ständig auf dem Tisch sitzen“, meint ein Vater aus Prenzlauer Berg.

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