Kita : In der Krippe fürs Leben lernen

Kinder, die früh in die Kita kommen, haben bessere Chancen aufs Gymnasium.

Bildung soll vor allem die Chancen des Einzelnen auf ein besseres Leben erhöhen. Als etwas weniger fein gilt meist der Hinweis darauf, dass sie auch wirtschaftliche Bedeutung hat. „Die entscheidende Frage ist doch, ob das Leben für die Menschen offen ist“, leitete denn auch kürzlich Hubertus Heil, Generalsekretär der SPD, eine Rede anlässlich einer Konferenz seiner Partei zum Thema „Frühkindliche Bildung und Erziehung“ ein. Dem folgte jedoch bald der Hinweis auf den volkswirtschaftlichen Nutzen – der sich allerdings erst langfristig bemerkbar mache: „Wenn Sie in Kinder investieren, sehen Sie den Gewinn erst in 15 Jahren.“

Dass man ihn relativ genau prognostizieren kann, zeigt eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, die jüngst veröffentlicht wurde. Wissenschaftler des Büros für Arbeits- und Sozialpolitische Studien haben sich anhand der Daten des Sozioökonomischen Panels die Schulkarrieren von Kindern der Geburtsjahrgänge 1990 bis 1995 genauer angeschaut. Das Ergebnis: Diejenigen, die schon als Kleinkinder zeitweise in einer Kita betreut wurden, besuchen heute mit größerer Wahrscheinlichkeit ein Gymnasium als ihre Altersgenossen, die bis zu ihrem dritten Geburtstag ganztägig privat betreut wurden. Während generell 36 Prozent eines Jahrgangs aufs Gymnasium wechselten, waren es bei den in einer Krippe betreuten Kindern die Hälfte.

Zwar zeigt auch diese Studie, dass die Bildung der Eltern in Deutschland den bei weitem größten Einfluss auf die Schulkarriere ihrer Sprösslinge hat. Denn auch ohne frühen Kita-Besuch kommen über 60 Prozent der Kinder, von denen mindestens ein Elternteil selbst Abitur gemacht hat, später aufs Gymnasium.

Doch die – ohnehin privilegierten – Akademikerkinder scheinen zusätzlich von einem frühen Kita-Besuch zu profitieren: Wer von ihnen in der Krippe war, dessen Chancen steigen auf stolze 76,1 Prozent, auf ein Gymnasium zu wechseln. Die Bildungschancen der Kinder mit Migrationshintergrund und mit niedrigerem Bildungsabschluss der Eltern werden durch den frühen Kita-Besuch noch deutlicher verbessert, bei Migrantenkindern etwa von 17 auf fast 27 Prozent. „Eine gute Kita oder Tagesmutter bietet eine deutliche Erweiterung über das hinaus, was viele Familien leisten können“, sagt Wolfgang Tietze, Leiter des Arbeitsbereichs Kleinkinderpädagogik der Freien Universität Berlin. Gleichwohl mahnt er zur Vorsicht bei der Interpretation der Studie. Denn es sei nicht ganz auszuschließen, dass die Eltern, die ihr Kind früh in einer Krippe anmelden, insgesamt mehr Ehrgeiz haben und deshalb auch mit größerer Wahrscheinlichkeit auf den Besuch einer „weiterführenden“ Schule dringen.

Ob die Gymnasiasten der Jahrgänge 1990 bis 1995 wirklich ihr Abitur schaffen werden, ist heute noch nicht klar. Bei der Abschätzung des volkswirtschaftlichen Nutzens der frühkindlichen außerfamiliären Betreuung – dem eigentlichen Ziel der Studie – sind die Autoren deshalb vorsichtig. Sie gehen davon aus, dass 15 Prozent der Kinder, die im Gymnasium angefangen haben, nicht mit dem Abitur abschließen werden. Auf dieser Grundlage kommen sie zu folgendem ökonomischen Schluss: Wären in den untersuchten Jahrgängen statt 16 Prozent der Kinder 35 Prozent für kürzer oder länger in einer Krippe betreut worden, hätte sich daraus ab dem Jahr 2009 ein volkswirtschaftlicher Nettonutzen in Höhe von 12,6 Milliarden Euro ergeben.

Die jungen Eltern selbst dürften eher an den Nutzen für ihre Familie denken. Frühe Betreuungsangebote werden heute vor allem von gut ausgebildeten jungen Eltern nachgefragt. „Die Krippe ist keineswegs der Arme-Leute-Ort, das Gegenteil ist der Fall“, sagt Tietze, „es sind die gut qualifizierten Eltern, die ihre Kleinkinder schon früh betreuen lassen. Sie wollen nicht nur Beruf und Familie vereinbaren, sondern sagen auch: Wir möchten, dass unsere Kinder Erfahrungen mit anderen Kindern machen.“

Das zeigt auch eine Studie, für die das Institut für Praxisforschung und Praxisberatung im Auftrag der Stadt München Eltern aus 37 städtischen Einrichtungen für unter Dreijährige befragte. 60 Prozent der Eltern, die in die Studie einbezogen wurden, waren Akademiker. „Bei der Krippenbetreuung geht es offenbar nicht mehr um eine Notlösung für ärmere Bevölkerungsgruppen, damit diese überhaupt berufstätig sein können, sondern um eine als sinnvoll erachtete Option der Verbindung von Berufstätigkeit und Kindererziehung“, folgern die Autoren der Studie.

Dass es den gut ausgebildeten Eltern bei der Entscheidung für die Kita oder eine Tagesmutter keineswegs nur um ihre Karriere geht, zeigt sich nach Tietzes Beobachtungen an den vielen Angeboten, die sie schon während der Elternzeit wahrnehmen: Gruppen, die Säuglinge nach dem Prager Eltern-Kind-Programm (Pekip) fördern, Babyschwimmen, Spielgruppen für Mutter und Kind.

All das spielt sich typischerweise vor der Kita-Zeit der Kinder ab, wenn Mütter (und Väter) noch frei haben und ihre Kinder selbst betreuen. Die Bertelsmann-Studie zeigt, dass in Deutschland tatsächlich nur eine verschwindende Minderheit von 0,4 Prozent der Babys schon eine Krippe besucht. Mehr als die Hälfte aller Kinder, die unter drei in einer Einrichtung betreut werden, kommt erst nach dem zweiten Geburtstag dorthin, 44 Prozent im Alter zwischen ein und zwei Jahren. Offenbar reichen diese ein bis zwei Jahre institutioneller frühkindlicher Förderung aus, um die Chancen für den Übertritt aufs Gymnasium zu erhöhen. „Wenn sich die Qualität der Krippen verbessert, dürften diese Effekte noch deutlicher ausfallen“, hofft Tietze.

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