Kita-Streik : Warum gibt es in Berlin keine Proteste?

Während bundesweit Kindertagesstätten bestreikt werden, geht die Betreuung in Berlin regulär weiter. Warum ist die Hauptstadt nicht betroffen, und bedeutet das, dass hier alles in bester Ordnung ist?

Rita Nikolow

In Berlin konnten Eltern ihre Kleinen am Freitag wie immer in die Kindertagesstätten bringen. In sechs anderen Bundesländern standen die Mütter und Väter mit ihrem Nachwuchs dagegen häufig vor verschlossenen Türen. Rund 11 000 Erzieher haben am Freitag in Nordrhein- Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig- Holstein, Hessen, Bremen und Baden- Württemberg einen unbefristeten Streik begonnen. Am Montag und Dienstag sollen Bayern, Niedersachsen und das Saarland hinzukommen. Die Streikbereitschaft ist hoch. In einer Urabstimmung der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) haben knapp 90 Prozent der Mitglieder für den Arbeitskampf gestimmt.

Die Erzieher wollen mit den Streiks auf wachsende Belastungen aufmerksam machen und fordern außerdem einen verbesserten Gesundheitsschutz. Die öffentlichen Arbeitgeber sollen gezwungen werden, in der nächsten Runde der Tarifverhandlungen am 27. Mai nicht nur über die Bezahlung zu verhandeln, sondern auch über eine betriebliche Gesundheitsförderung von Erziehern, Kinderpflegern und Sozialarbeitern.

Berlin ist von diesem Streik nicht betroffen. Denn das Land ist bereits im Jahr 2003 aus der kommunalen Arbeitgebervereinigung ausgetreten. In der Hauptstadt gelten deshalb andere Tarifbedingungen und ein anderer Tarifvertrag.

Dass in Berlin nicht gestreikt wird, bedeutet aber nicht, dass die Kitas und Erzieher hier keine Probleme haben – ganz im Gegenteil. Berliner Kitas haben mit vielen Hürden zu kämpfen, einem hohen Krankenstand, einer immensen Arbeitsbelastung und einem Mangel an Nachwuchskräften.

Viele der Probleme hängen mit dem Berliner Bildungsprogramm zusammen, das der Senat 2004 eingeführt hat und das eine Art Lehrplan für Kindertagesstätten ist. In diesem Programm wurde genau festgeschrieben, was Kinder in der Kita lernen sollen. Sie sollen zum Beispiel ein Gefühl für den eigenen Körper bekommen, kreative und naturwissenschaftliche Grunderfahrungen sammeln, soziales Handeln einüben sowie die sprachlichen Fähigkeiten trainieren.

Die Erzieher müssen das alles bewerkstelligen – und außerdem die sprachliche und soziale Entwicklung der Kita-Kinder regelmäßig dokumentieren. Zusätzlich sollen sie Eltern- und Teambesprechungen abhalten und weitere Projekte organisieren, zum Beispiel in Kooperation mit Grundschulen.

Theoretisch finden Berlins Erzieher das Bildungsprogramm gut. Denn es stellt sicher, dass in den Kitas auf einem gleichbleibend hohen Niveau gearbeitet wird. In der Praxis fehlt ihnen aber meist die Zeit, um alle Aufgaben vorschriftsmäßig umzusetzen. Zusätzliches Personal ist bislang aber nicht eingestellt worden, um das Bildungsprogramm auch wirklich umzusetzen.

Wie viel Zeit die Realisierung dieses Programms im Alltag kostet, hat eine Studie zum „Arbeitszeitbedarf für die mittelbare pädagogische Arbeit einer Erzieherin in einer Kita“ an den Tag gebracht, die im Oktober 2008 von den Wohlfahrtsverbänden und Kita-Eigenbetrieben vorgestellt wurde. Zehn Erzieherstunden kostet es demnach pro Jahr, ein Kind zu beobachten und seine Entwicklung zu dokumentieren.

Für die Vor- und Nachbereitung benötigt ein Erzieher insgesamt rund 23 Prozent ihrer Arbeitszeit, bei einem Vollzeit arbeitenden Erzieher sind das neun Stunden in der Woche. Für diese Tätigkeiten bleibt im Alltag aber oft keine Zeit, weil der Betrieb laufen muss und die Betreuung der Kinder natürlich immer Vorrang hat. Festgelegte Vor- und Nachbereitungszeiten gibt es für Erzieher nicht.

Für bessere Rahmenbedingungen in Kitas setzt sich seit Jahren der Landeselternausschuss der Berliner Kindertagesstätten (Leak) ein, der ein Volksbegehren für bessere Rahmenbedingungen gestartet hat. Unter anderem fordert der Leak einen besseren Personalschlüssel – sowie festgelegte Vor- und Nachbereitungszeiten. Seit der Berliner Senat das Volksbegehren im Jahr 2008 für unzulässig erklärt hat, weil es Mehrausgaben in Millionenhöhe zur Folge hätte, liegt es allerdings auf Eis. Immerhin soll noch vor den Sommerferien eine Anhörung dazu vor dem Landesverfassungsgericht stattfinden. Und außerdem hat die Abgeordnetenhausfraktion von Bündnis 90/Die Grünen im April eine Gesetzesinitiative vorgelegt, die viele Forderungen des Volksbegehrens übernimmt.

Ein weiteres Problem in Berliner Kitas ist der Mangel an Plätzen, der mit fehlenden Räumlichkeiten zu tun hat, aber auch mit fehlenden Erziehern. Kita-Experten raten deshalb werdenden Eltern, ihr Kind zum Beispiel in Friedrichshain, Pankow oder Lichtenberg schon vor der Geburt in einer Einrichtung anzumelden, weil es lange Wartelisten gibt. In Friedrichshain zum Beispiel fehlen rund 150 Kitaplätze.

Die Senatsbildungsverwaltung hatte noch vor zwei Monaten bestritten, dass es in Berlin überhaupt einen Erziehermangel gibt. Anfang Mai hat der Senat aber angekündigt, die Zahl der Erzieher zu erhöhen und den Zugang zu diesem Beruf auch für qualifizierte Quereinsteiger zu öffnen, die eine pädagogische Ausbildung mitbringen oder eine Umschulung absolviert haben. Automatisch attraktiver wird der Job des Erziehers für junge Menschen damit aber nicht. Denn der Nachwuchs bekommt seit einigen Jahren nur noch Zeitverträge.

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