Schule : Kleines Laster

Das Ape-Dreirad von Piaggio will vor allem eins: auffallen

Thomas Loy

Es gibt zwei Möglichkeiten, in einer „Ape“ zu sitzen. Simon O. Müller, Butler und Ape-Fan, schiebt das Becken nach vorne und presst den Rücken an die gepolsterte Lehne. Das ist die angelsächsische Methode. Guido von Volckamer, der Verkäufer, bevorzugt den römisch-katholischen Hockstil: Po in die Eckritze drücken und Oberkörper in Lauerhaltung über dem Lenker. Wie auch immer, irgendwann versteifen die Gelenke, aber eine Ape wird auch nicht gebaut, um das zeitgeistige Wellness-Fahrempfinden zu bedienen. Der rote knatternde Blechkasten auf drei Rädern, gebaut vom berühmten Rollerhersteller Piaggio, ist ein Nachkriegskind. Einfache Verarbeitung, solide Technik, null Komfort. „Der rostet manchmal schon vor der Auslieferung“, sagt von Volckamer und genießt das ungläubige Staunen seiner Zuhörer. Kleine Lackfehler, Beulchen in der Karosse, abstehende Schutzleisten – das gehört zum Image des Unperfekten. „Das ist italienisch, alles handgemacht.“ Butler Müller hilft wieder mit einer gelungenen Formulierung aus: „Das Auto hat eine Persönlichkeit.“

Dreiradtransporter mit kleiner Pritsche oder Kastenaufsatz gehören in Italien zum Straßenbild, in Deutschland sind sie lange ausgestorben. Die „Goliath-Blitzkarren“, die Dreiräder von Gutbrod und Tempo – längst vergessen. Zu holprig, zu laut, zu armselig, um im Wirtschaftswunderland mithalten zu können. Jetzt stehen die Minitransporter vor einer Renaissance, vornehmlich als rollende Werbefläche oder witziger Verkaufsstand. Das Image der Piaggio-Dreiräder als süße Allroundvehikel wurde durch die Werbung für „Pizza Alberto“ befördert, in der ein durchgeknallter Pizzabäcker mit einer Ape wie James Bond durch Venedig rast.

Rund 100 von diesen, meistens in Ferrarirot lackierten Dreirädern sind in Berlin gemeldet, schätzt von Volckamer. Er baut zusammen mit einem Partner auf Basis der Ape individuelle Fahrzeuge nach Kundenwunsch. „Werbewerk“ nennt sich sein Unternehmen, weil es fast immer um Werben und Auffallen geht. Bislang größter Coup der jungen Firma war der „Zasterlaster“, ein mobiler Geldautomat für den schnellen Finanzhunger zwischendurch, konzipiert und gebaut für die Berliner Volksbank. Inzwischen ist der Zasterlaster eine urheberrechtlich geschützte Marke. „Wir haben es sogar geschafft, dass im Fahrzeugschein ’mobiler Geldautomat’ eingetragen ist. Da hatten vorher alle gesagt: Das kriegt ihr nie hin.“ Kriegten sie aber doch. Von Volckamer, ein schlagfertiger Vielredner mit Sinn für Pointen, lebt den alten Toyota-Spruch: Nichts ist unmöglich. Mit der Ape (übersetzt „Biene“) will er Scharen von Hartz-IV-Empfängern zu eigenen Existenzen als Würstchenbräter, Haustierbetreuer oder Souvenirverkäufer verhelfen. „Die Kosten für die Ape liegen bei rund 22 Euro am Tag.“

Der Ape ist es egal, was für eine Konstruktion ihr von Volckamer hinten drauf- setzt. Nur zu schwer darf es nicht sein. Die Nutzlast ist abhängig vom Gewicht des Fahrers. Bei 200 Kilo brutto kann es im Einzelfall knapp werden. Die Ape selbst hat kein Gramm zu viel. Wenn die Räder nach innen stehen, bedeutet das: Mein Bauch ist leer. Stehen sie nach außen, sollte schnell abgespeckt werden.

Simon Owen Müller, Deutsch-Brite, hat sich die Ape ausgesucht, weil es sich für einen Butler nicht schickt, im protzigen BMW vorzufahren. Und für einen Bentley, was wieder okay wäre, fehlte ihm dann doch das Geld. „Der Ape wirkt sympathisch und löst immer ein Lächeln aus.“ Bei Polizeikontrollen wird er öfters aus dem Verkehr gezogen, damit die Beamten mal etwas Abwechslung haben. „Die fragen mich dann aus. Papiere muss ich gar nicht zeigen.“ Ähnlich unterhaltsam ist der Moment, wenn Müller mit seiner kleinen Ape vor der Residenz des britischen Botschafters im Grunewald vorfährt. Das kommt öfters vor. Neben seinem privaten Butlerservice und einer Etikette-Akademie betätigt sich Müller auch als „Leiter der Residenz“. Im Ape-Transporter bringt er alles unter, was ein Butler so braucht. Viel ist das nicht: Anzüge, Wechselwäsche, Butlertasche mit Schuhputzzeug, Bügeleisen und Grapefruitmesser.

Müller fährt die kleinste Ape-Version ohne Extras: 50 Kubikzentimeter Hubraum, 40 km/h Höchstgeschwindigkeit, Lenkstange wie beim Roller, Rückwärtshebel, keine Heizung, keine Scheibenbelüftung, kein Radio, aber ein Zigarettenanzünder, an dem man einen CD-Spieler anschließen kann. In Berlin fährt er alle Strecken. Wenn der Einsatzort mal in Brandenburg liegt, lädt er die Ape in einen „richtigen“ Transporter um und packt ihn vor Ort wieder aus. Müller und seine Ape sind praktisch unzertrennlich.

Es gibt auch größere und luxuriösere Ape-Versionen, mit Pritsche und Viertaktmotor, aber der werbewirksame Knuddelfaktor verhält sich diametral zur Leistungsfähigkeit. Süchtig wird die Ape-Gemeinde, wenn sie das neuaufgelegte Retrodreirad im Design der 1970er Jahre sieht. Das bauen die Italiener zusammen mit den Indern, und die Verarbeitung ist noch ein bisschen schludriger. Entschädigt wird der Liebhaber beim Preis. Die Retro-Ape, zugelassen als Leicht-Lkw, 55 km/h, Zweisitzer (mit Heizung!), 750 Kilo Zuladung, kostet weniger als 6000 Euro. Die Kosten für Kfz-Steuer und Versicherung sind mit rund 260 Euro im Jahr ebenfalls angenehm günstig.

An seine Traum-Ape heranzukommen, ist aber nicht so einfach. Piaggio baut seine Dreiräder nicht auf Halde und überlässt das Weitere den Händlern. Volckamer: „Giorgio wartet, bis er zehn Bestellungen für den gleichen roten Ape-Kasten hat, dann wird zusammengedengelt“, erzählt Volckamer.

Das Werbewerk beteiligt sich mit dem Zasterlaster am 27. Innovationspreis der deutschen Wirtschaft. Erreichbar unter Tel. 75443184 oder www.daswerbewerk.de

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