Kochen Lernen : Ran an die Kartoffeln

Schon Drittklässler können kochen lernen: Landfrauen zeigen, wie’s geht. Zum Abschluss gibt es den „Ernährungsführerschein“

Katja Gartz

DER VEREIN



Entwickelt wurde der „aid-Ernährungsführerschein für Grundschüler – ein Bildungsangebot von LandFrauen zur Entwicklung von Alltagskompetenzen“ vom Verein aid-Infodienst Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Unterstützt wird er vom Bundeslandwirtschaftsministerium. Der Verein „aid“ (engl.: Hilfe) war im Zuge des Marschallplanes gegründet worden, um die notleidende Nachkriegsbevölkerung über richtige Ernährung zu informieren.

DIE TEILNAHME

Bundesweit nehmen bisher 700 dritte Klassen an dem Projekt teil, doppelt so viele sollen es werden. Da die Schüler Lebensmittel mitbringen, fallen für die Eltern Kosten von knapp drei Euro an. Infos und Anmeldung beim Deutschen Landfrauenverband, Tel. 2844929-10, www.LandFrauen.info.

Nachdem die Hände gewaschen, die Schürzen umgebunden und alle Kochmützen aufgesetzt sind, stellt sich Niklas in der Schulküche vor seine Klasse und liest laut ein Rezept vor: Backkartoffeln mit Kräutern und Salat mit Joghurtsoße stehen auf dem Programm der Doppelstunde. Wenig später hält Anna bereits ein Küchenmesser in der Hand und schält langsam eine Kartoffel. „Mit einem Schäler geht es viel besser“, sagt die Achtjährige und wechselt ihr Werkzeug. Anschließend kommt der Krallengriff zum Einsatz. „Die Finger einer Hand zur Kralle formen und so die Kartoffel festhalten“, erklärt Renate Zimmermann, damit sich die Drittklässler nicht schneiden.

Renate Zimmermann ist im eigentlichen Beruf nicht Lehrerin, sondern betreibt einen Erlebnishof im havelländischen Kriele. Im Auftrag des Deutschen Landfrauenverbandes fährt sie zweimal pro Woche rund 200 Kilometer, um Berliner Schüler über Ernährung aufzuklären. Zurzeit ist sie an der Lichtenberger Hermann-Gmeiner-Schule im Einsatz. Die Drittklässler nehmen an einem bundesweiten Bildungsprogramm des Landfrauenverbandes teil, das Anfang November startete: In sieben Unterrichtseinheiten lernen die Schüler Lebensmittel und deren Verarbeitung, Hygieneregeln und Küchengeräte kennen und bereiten gemeinsam kleine Gerichte zu. Ziel ist es, bei Kindern das Interesse für eine gesunde und bewusste Ernährung zu wecken.

„Viele Kinder haben noch nie eine Kartoffel geschält oder eine Reibe benutzt“, sagt Renate Zimmermann. Sie wüssten häufig auch nicht, wie welches Gemüse schmeckt – was sich aber schnell ändern lässt: Im Handumdrehen sind die Kinder bei der Sache. Während eine Schülergruppe die letzten Kartoffeln vorbereitet, zerkleinern andere bereits den Salat oder schmecken die Suppe ab.

„Die Kinder lernen viel über gesunde Kost, das beeinflusst auch die Eltern“, sagt Klassenlehrerin Petra Köhler. Damit die Schüler ihre Eltern nicht nur häufiger auf ungesundes Essen aufmerksam machen, legt jeder einen Hefter mit günstigen Rezepten zum Nachkochen an. Außerdem werden Elternbriefe verschickt, die über das Programm und eine ausgewogene Ernährung informieren. Tatkräftige Unterstützung ist in den Schulen ebenfalls willkommen. „An einigen Schulen kommen bis zu fünf Mütter oder Väter in den Unterricht“, erzählt die märkische Landfrau. In der Hermann-Gemeiner-Schule stehen ihr die Klassen- und die Sachkundelehrerin zur Seite.

Auch die Rektorin ist ganz begeistert: „Wir liegen in einem sozial schwachen Gebiet, da ist Ernährung ein wichtiges Thema“, sagt Uta Schröder, die das Bezirksamt hinter sich und dem Landfrauenprojekt weiß. Viele Kinder äßen zu viele Chips und Süßigkeiten. Bei einer steigenden Anzahl von Übergewichtigen betreiben die Landfrauen zudem Gesundheitsprävention.

Bevor die Backkartoffeln aus dem Ofen müssen, will die Landfrau von den Schülern wissen, wie ein Tisch gedeckt wird. In wenigen Minuten stehen 28 Teller mit Besteck und Papierservietten auf dem großen Tisch. Servan legt den großen Löffel über den Teller. Seine Tischnachbarin weiß, dass dort der kleine Löffel hingehört und der große an die rechte Seite neben das Messer. Wo die Serviette ihren Platz während des Essens hat, weiß Marie. Aber wo das Besteck nach dem Essen liegt, ist für alle Schüler neu.

Begleitend erhält jede Schule Unterrichtsmaterialien und Übungshefte. Zu jeder Einheit gehören auch Hausaufgaben, beispielsweise Brotsorten, Getränke und Nährstoffe bestimmen. Die Schüler schließen das Programm mit einer schriftlichen und einer praktischen Prüfung – einem kalten Buffet für Gäste – ab. Wer das geschafft hat, erhält einen Ernährungsführerschein mit Foto und Stempel.

Als die heißen, nach Kräutern duftenden Backkartoffeln und der Salat in großen Schüsseln am Tisch herumgereicht werden, spricht Servan das Tischritual: „Jeder isst so viel er kann, nur nicht das vom Nebenmann – Guten Appetit.“

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