Kommentar : Vom Verweilen und Sitzenbleiben

Das Jahrgangsübergreifende Lernen (JüL) sollte es den Fünfjährigen und den Spätentwicklern leichter machen, ihre Defizite aufzuholen. Aber was passiert, wenn immer mehr Schulen JüL abschaffen?

Susanne Vieth-Entus

Selbst Gegner des Jahrgangsübergreifenden Lernens werden nicht abstreiten können, dass „JüL“ einen nicht unerheblichen Vorteil hat: Die dazugehörige Durchmischung und Fluktuation macht es den schwächeren Schülern leicht, eine Klassenwiederholung zu verschmerzen. Ihr „Sitzenbleiben“, neudeutsch „Verweilen“ genannt, fällt weniger auf als früher, da sich die Gruppenzusammensetzung Jahr für Jahr ändert: die Kleinen wachsen von unten nach und die Großen wandern nach oben ab.

Diese Konstruktion war Teil der Gesamtarchitektur der Grundschulreform und musste auch immer wieder herhalten als Beschwichtigungsritual gegenüber den Gegnern der Früheinschulung. Stets hieß es, das Verweilen sei nicht so schlimm, denn es zähle nicht als Sitzenbleiben und außerdem merkten es die Kinder kaum.

Nachdem sich immer mehr Grundschulen von JüL verabschieden, bekommt die Konstruktion aber eine erhebliche Schlagseite: Ohne Jahrgangsmischung wird es ungleich schwieriger, den Kindern das Wiederholen der Klasse als unspektakuläres und nahezu normales „Verweilen“ zu verkaufen. Die JüL-Aussteigerschulen müssen sich gut überlegen, wie sie aus dieser Bredouille herauskommen. Irgendeine Möglichkeit müssen sie finden, solange es massenhaft Wiederholer gibt, woran sich so schnell nichts ändern wird in Zeiten der Früheinschulung.

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