Schule : Küche statt Schulbank

Im Langzeit-Praktikum erproben Schüler der Moabiter Heinrich-von-Stephan-Schule Berufe im Hotel

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Dennis beugt sich über den Topf mit der geschmolzenen Schokolade. Exakt bis zur Hälfte taucht er die orangefarbenen Beeren ein, bevor er sie sanft auf den mit einer Papierserviette bedeckten Teller setzt. Dass um ihn herum der Küchenchef, der Hotelmanager, die Reporterin und die Fotografin stehen und ihm auf die Finger schauen, scheint ihn nicht zu stören. Der 14-Jährige lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, Fragen beantwortet er nebenbei. Dennis steht in der Hotelküche, als hätte er nie etwas anderes gemacht.

Eigentlich hätte Dennis kein Praktikum gebraucht, um zu wissen, was er werden will: Koch, wie sein Vater. „Zu Hause kochen wir oft zusammen, Rührei zum Beispiel“, erzählt er. Im Praktikum in der Küche des Hotel Mercure in Tempelhof kann der Achtklässler ausprobieren, ob der Beruf auch zu ihm passt – und zwar langfristig: Über einen Zeitraum von drei Jahren wird Dennis fünf Mal für je eine Woche zum Praktikum in die Hotelküche kommen. Das ist das Besondere an dem Projekt, das die Hotelkette gemeinsam mit der Heinrich-von-Stephan-Schule Moabit organisiert. Gestartet ist es im Herbst mit 20 Schülern in sieben Hotels, soeben ist Phase zwei zu Ende gegangen. Am Ende sind die Schüler in der 10. Klasse – und die drei Besten bekommen einen Ausbildungsplatz garantiert.

„Unsere Schüler lernen im Praktikum mehr als im normalen Unterricht“, sagt Schulleiter Jens Großpietsch. Der Vorschlag der Hotelkette, eine langfristige Praktikumskooperation zu starten, ist bei Großpietsch auf offene Ohren getroffen. Der Pädagoge hat in den vergangenen Jahren aus der einstigen Problemschule im Moabiter Brennpunktkiez ein reformpädagogisches Musterprojekt gemacht, das die „Süddeutsche Zeitung“ einmal „Wunder von Moabit“ nannte. Inzwischen ist die frühere Hauptschule eine Sekundarschule, eine gymnasiale Oberstufe wird eingerichtet.

Das Hotelpraktikum der Heinrich-von-Stephan- Schüler ist kein reguläres Berufspraktikum, sondern ein zusätzliches Angebot. Während Dennis und die anderen Praktikanten im Hotel arbeiten, haben ihre Mitschüler normalen Unterricht. Mitmachen durfte nur, wer das Auswahlverfahren bestand: Interessenten mussten eine schriftliche Bewerbung abgeben, „das war schon die erste Hürde“, sagt Großpietsch. „Dann haben wir Lehrer überlegt: Hält der das auch wirklich durch?“ Aus 40 Bewerbern wählten die Klassenlehrer die 20 Teilnehmer aus.

Nach zwei Runden sind noch 13 von ihnen dabei – sechs Schüler sprangen nach Runde eins ab, eine Schülerin zog nach Brandenburg und schied deshalb aus dem Programm aus. Die Möglichkeit des Ausscheidens war von Anfang an mitgedacht: Wer nicht mehr will, darf aussteigen. Auch das sei doch ein Lerneffekt, sagt Großpietsch: „Wenn ein Schüler merkt, dass ihm etwas dann doch nicht liegt.“ Andererseits können die Verantwortlichen im Hotel einen Praktikanten ausschließen, wenn es mit ihm oder ihr nicht klappt. „So ein Casting-Prinzip soll die Teilnehmer anspornen, Leistung zu zeigen“, sagt Grischa Puls, Direktor des Hotels in Tempelhof.

Dennis’ Bilanz nach zwei Etappen könnte besser nicht sein. „Ich bin total begeistert“, sagt Küchenchef Steffen Lehmann. Weil er so schnell lernt, darf der 14-Jährige nicht nur Gemüse putzen, sondern schon die ersten Soßen kochen. „Hoffentlich darf ich beim nächsten Mal wieder in die Küche“, sagt Dennis. Zwar sollen die Praktikanten verschiedene Bereiche des Hotels kennenlernen. Aber in Dennis’ Fall könne man eine Ausnahme machen, sagt Puls. „Er hat von Anfang an gesagt, dass er in die Küche will.“

Die Anforderungen an die Schüler sind hoch: erst das strenge Auswahlverfahren, dann die fordernde Arbeit im Hotel. Zwei Mal in jeder Praktikumsphase gibt es ein ausführliches Feedbackgespräch, am Ende jeder Runde müssen die Schüler einen Bericht schreiben. Die Hotelchefs besprechen die Leistung der Schüler mit den Lehrern – diese Bewertung steht dann auch im Schulzeugnis. Eine derart engmaschige Betreuung habe er bisher nirgends erlebt, sagt Großpietsch. „Das ist toll für die Schüler, weil sie eine neue Perspektive dazubekommen.“

Damit die Schüler im Hotel tatsächlich mehr lernen als im Unterricht, bekommen sie von ihren Lehrern noch einige Extra-Aufgaben gestellt. „Ich habe mit Gästen Französisch gesprochen“, erzählt die 13-jährige Melanie, während sie im Restaurant die Gläser für das Mittagessen in eine perfekte Diagonale schiebt. Die Sprache lernt sie im Unterricht, im Praktikum kann sie ihre Kenntnisse anwenden. „Es ist schon anstrengend, den ganzen Tag freundlich zu sein“, sagt sie. Trotzdem ist sie jeden Morgen eine halbe Stunde vor Dienstbeginn im Hotel.

Seit Jahren haben die Mercure Hotels – wie die meisten anderen Hotels auch – regelmäßig Schülerpraktikanten. In den vergangenen Jahren sei es aber immer schwieriger geworden, qualifizierte Auszubildende zu bekommen, sagt Ulrike Bock, Direktorin des Mercure City-West. „Wir haben gemerkt, dass wir mehr tun müssen, um Leute zu finden.“ So sei die Idee zu dem Praktikumsprojekt entstanden. Außerdem wolle das Unternehmen soziale Verantwortung übernehmen.

„Aus der Not eine Tugend zu machen, das ist genial“, sagt Jens Großpietsch. Die Fortsetzung des Projektes ist schon in Planung – im Juni werden Dennis, Melanie und die anderen Praktikanten den Siebtklässlern an ihrer Schule von ihren Erfahrungen berichten, im November sollen dann wieder 20 Achtklässler in die erste Phase starten. Der Schulleiter denkt unterdessen schon weiter. „Wir versuchen jetzt, auch andere Firmen von so einer Kooperation zu überzeugen.“

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